Biografien auf der Spur Schicksal Treuhand – Treuhand-Schicksale

Jutta Rapp
Katrin Rohnstock. Foto: Rapp

Wie die eigene gut gemeinte Idee zum Aus für Millionen ostdeutsche Betriebe führte. Katrin Rohnstock öffnet einen Erfahrungsschatz.

In einer Projektarbeit sollten Schulkinder ihre Eltern und vor allem Großeltern nach ihren Erfahrungen zur direkten Nachwendezeit befragen. Plötzlich wurde Omas Leben für die jungen Leute ganz spannend; die Kinder hatten keine Ahnung von den Dingen, die sich nach 1990 in der ehemaligen DDR abspielten – vom sozialen Abstieg, der ganz viele plötzlich traf. Die Erzählungen über das damals Erlebte führten zu einem völlig neuen Verständnis in der eigenen Familie.

Im Rahmen des Suhler Gesprächsforums alternativ lud die Rosa-Luxemburg-Stiftung zum Thema Treuhand in die Kulturbaustelle ein, nachdem die Veranstaltung vor zwei Jahren coronabedingt ausfallen musste. Die deutsche Literatur- und Sprachwissenschaftlerin, Publizistin und Autorin Katrin Rohnstock ist als Gründerin der Firma Rohnstock Biografien auf das Thema gestoßen, weil ihr immer wieder in den Lebensberichten und -geschichten ihrer Kunden und deren Familien die zum Teil schlimmen Erfahrungen mit der Nachwendezeit Anstoß zum Denken und letztendlich auch zum Handeln gaben. Einer der Betroffenen war der Betriebsleiter des Elektrogerätewerks Suhl – auch als EGS bekannt.

Die in Jena geborene Katrin Rohnstock ließ an diesem Abend die Zuhörer an ihrem Wissen und Erfahrungsschatz teilhaben. Mit der Wiedervereinigung Deutschlands kam für Millionen Ostdeutsche der letzte Arbeitstag; damit verbunden war oft der Verlust der Arbeit, der Anerkennung, des Kollektivs und des Lebenskreises. Und auch der Verlust des Berufs, denn es wurden nur die Berufsabschlüsse anerkannt, die es auch im Westen gab. Analog verhielt es sich mit den Studienabschlüssen. Heute sind nur noch zehn Prozent der einstigen DDR-Arbeitsplätze vorhanden. Wie konnte es so weit kommen?

Die Idee der Einrichtung einer Treuhand ist nicht auf westdeutschem Mist gewachsen – bereits im Herbst 1989 gab es in der Oppositionsbewegung der DDR in Form einer freien Forschungsgemeinschaft die Überlegung, eine Institution zu schaffen, die sich für den Erhalt des Volkseigentums einsetzt, denn dieses sah man als bedroht, schließlich gab es im Westen diese Eigentumsform nicht. Der Gedanke war, es mittels Anteilscheinen auf die 16 Millionen Ostdeutsche aufzuteilen. Deshalb forderten die am runden Tisch Sitzenden die Gründung einer Treuhandanstalt. Es war die Zeit von Hans Modrows Übergangsregierung, die bis zu den freien Volkskammerwahlen am 18. März 1990 bestand. Die Idee, die am Ende vielen Menschen ihre Lebensgrundlage entziehen sollte, kam tatsächlich aus dem Osten! 600 Milliarden D-Mark sollten verteilt werden.

Erster Präsident erschossen

Aber was geschah wirklich? Lothar de Maizière wurde der erste demokratisch gewählte und zugleich letzte Ministerpräsident der Deutschen Demokratischen Republik, und aus dem Gedanken der Verteilung wurde unter Zeitdruck, durch die Einführung der D-Mark und in Hektik, eine Privatisierungskampagne. Am 1. Juli 1990 wurden die knapp 9000 Volkseigenen Betriebe in Kapitalgesellschaften, Aktiengesellschaften …  umgewandelt – das entsprach über vier Millionen Arbeitsplätzen. Ursprünglich sollten nur Ostdeutsche in der Treuhand mitarbeiten, auch der erste Präsident war aus dem Osten. Im September kam der ironischerweise in Gotha geborene Karsten Rohwedder, der an der Spitze des Dortmunder Stahlkonzerns Hoesch stand, und wurde als Vorsitzender der Treuhandanstalt eingesetzt. Sein Ziel war eigentlich, die Ostbetriebe zu sanieren und erfolgreiche Zweige wie die Mikroelek-tronik zu erhalten, was bestimmten Kreisen nicht passte. Dazu kam es nicht; am 1. April 1991 wurde er in seinem Wohnhaus in Düsseldorf erschossen. Er stand einer schonungslosen Privatisierung im Wege. Zwei Drittel der Betriebe wollte er erhalten. Dem darauffolgenden Kahlschlag in der ostdeutschen Wirtschaft unter der neuen Treuhand-Präsidentin Birgit Breuel ist geschuldet, dass heute nur noch etwas mehr als zehn ehemalige DDR-Betriebe erhalten geblieben sind.

Und der große Rest? 85 Prozent wurden an westdeutsche Unternehmen vergeben, gerade einmal sechs Prozent gingen an Ostbürger – der Rest an ausländische Konzerne. Die Zeit erinnert ein bisschen an die Besetzung durch die Russen nach dem Zweiten Weltkrieg: Die modernsten Maschinen wurden oft aus den Betrieben herausgeholt, diesmal aber in den Westen gebracht. Danach sind die Werke abgewickelt, sprich: geschlossen, worden. Breuel hatte westdeutsche Manager in die Treuhand geholt – ein genialer Schachzug – , die Konkurrenz konnte vernichtet werden. Übrigens waren in den Arbeitsverträgen der Treuhandmitarbeiter diese von jeglicher Verantwortung freigesprochen worden. Das zieht sich bis heute fort, die Akten von damals sind zwar inzwischen zugänglich, aber die Namen wurden geschwärzt und bleiben es, so lange die Betreffenden leben. Im Thüringer Landtag gibt es allerdings seit April diesen Jahres einen Untersuchungsausschuss zur Arbeit der Treuhand, und man darf gespannt sein, was dort herausgefunden wird.

Ausverkauf war nicht zwangsläufig

Fragt sich, welchen Einfluss die Regierung auf das Handeln der Treuhand hatte. Hätte man diesen Ausverkauf nicht verhindern können, ja müssen? Hätte man, ist Katrin Rohnstock überzeugt, wenn man gewollt hätte! Stattdessen stand die Regierung von Helmut Kohl voll dahinter, den Osten als verlängerte Werkbank zu betrachten, die Konkurrenz für die Westkonzerne zu zerschlagen und mit dem Osten neue Absatzmärkte zu gewinnen. Rohwedders Bemühungen, viele DDR-Betriebe zu erhalten, schlugen ins Gegenteil um, und die Entwertung der besetzten DDR zeigte sich, indem aus einem Wirtschaftsgebiet dank der auf allen Gebieten ausgeschalteten Konkurrenz ein Absatzmarkt wurde. Durch die subjektive Kreditvergabe der Banken hatten die ehemaligen DDR-Bürger außerdem kaum eine Chance auf wirtschaftliche Selbstständigkeit – im Unterschied zu mancher zwielichtigen Gestalt aus dem Westen. Auch zu dem Thema gab es an diesem Abend eine besonders lebendige und anregende Diskussion der Teilnehmer in der Kulturbaustelle, die zeigte, dass die Folgen des Wirkens der Treuhand längst nicht verarbeitet und abgehakt sind.

Die Rolle der Gewerkschaften

Alle bezirksgeleiteten Unternehmen (wie zum Beispiel das Bezirkskrankenhaus in Suhl), kam in der anschließenden Diskussion zur Sprache, sollten übrigens auf die Länder übergehen. Aus der Landesträgerschaft heraus fand nicht selten eine Privatisierung statt. Hintergrund war, dass wirtschaftlich gearbeitet werden musste, was zu Ostzeiten in sozialen und kulturellen Bereichen keine Rolle gespielt hatte. Auch die Rolle der Gewerkschaften kam zur Sprache. Die überhöhten Lohnforderungen führten nicht selten zum Konkurs der Ostbetriebe. Andererseits fehlte eine große Gewerkschaft bei den Streiks für die Erhaltung zum Beispiel von Arbeitsplätzen der Kumpel in Bischofferode. Zur Sprache kam auch das Kaufverhalten der in der DDR Lebenden, die lange Zeit die Waren aus dem Westen den Ostprodukten vorzogen.

Die Lehren aus dem unrühmlichen Ende der Industriegeschichte der DDR drückte die Rednerin des Abends aus mit dem Satz: Nur wenn wir wissen, woher wir kommen, wissen wir auch, wohin wir gehen. Jeder, der die Wende bewusst erlebt hat, der ist bis heute durch diese Erfahrung geprägt. Viele mussten eine Entwertung als Fachkraft erleben, haben noch einmal von vorn anfangen müssen. Aus dieser Enttäuschung wird mancher zum Protestwähler. Da nützt es nicht viel, dass Suhler Produkte wie das RG 28 oder die Schwalbe an Ansehen gewonnen haben. Dass die ostdeutschen Länder zu den Nehmerländern im Länderfinanzausgleich gehören, ist exakt dem Umstand der Zerschlagung der DDR-Industrie geschuldet.

Geprägt von dieser Erfahrung sind auch die Gespräche mit den Kindern und Enkeln im Familienkreis. Um diesen Teil deutsch-deutscher Geschichte einprägsam und plakativ zu machen, findet im April 2023 in der Suhler Volkshochschule eine Ausstellung zum Thema Schicksal Treuhand – Treuhand- Schicksale statt, deren Kuratorin Katrin Rohnstock ist.

 

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