900 Jahre jüdisches Leben Zeitzeugen vor der Kamera: Schmalkalden bekommt 100.000 Euro

Die ehemalige jüdische Schule soll verkauft und saniert werden. Im einstigen Klassenzimmer entsteht ein kleines Museum über die jüdische Gemeinde in Schmalkalden. Foto: michael bauroth/Michael Bauroth

Thüringen feiert neun Jahrhunderte jüdisches Leben. Schmalkalden beteiligt sich mit spannenden Projekten und Veranstaltungen an dem im Oktober 2020 eröffneten Themenjahr.

Schmalkalden -

Schmalkalden - Nach Luther-Dekade (2009-2017) und Reformationsjubiläum (2017) setzt die Landesregierung jetzt einen christlich-jüdischen Akzent. Mit dem am 1. Oktober 2020 eröffneten Themenjahr „900 Jahre jüdisches Leben in Thüringen“ soll insbesondere der Blick auf die historisch fruchtbaren Kapitel jüdischen Lebens gelenkt werden – und auf das gute Miteinander in der Gegenwart.

Spuren und Denkmale des einst so vielfältigen jüdischen Lebens finden sich sowohl in den größeren Städten wie Erfurt, Jena oder Gotha, als auch auf dem Lande. In der Provinz. Wie in Schmalkalden, heute knapp 20 000 Einwohner. An vielen Orten wird man hier fündig. In der Judengasse zum Beispiel, wo eine Tafel auf die 1938 gesprengten Synagoge und die jahrhundertealte Geschichte der jüdischen Gemeinde verweist; auf dem neuen jüdischen Friedhof am Eichelbach mit mehr als 100 Grabsteinen, die ältesten stammen aus dem frühen 17. Jahrhundert; in der Näherstiller Straße mit der einstigen Judenschule, in der sich ein winziges Ritualbad befindet. Mächtig erhebt sich auf dem 1611 angelegten, 1895 aufgegebenen, und in den 1960er-Jahren eingeebneten alten jüdischen Friedhof eine stattliche Eiche. 1604 soll der Baum gepflanzt worden sein.

In der Hoffnung 38 stießen Archäologen vor sechs Jahren auf eine Kellermikwe aus dem späten 17. Jahrhundert. Vermutlich entstanden in mehreren Phasen. Die ältesten Mauerreste datieren die Fachleute auf das ausgehende 14. Jahrhundert, spätere Teile sind aus dem 17. Jahrhundert.

Sehepunkte sind aber auch einfache Wohnhäuser und Gebäudefronten, die Hinweise auf jüdisches Leben in Schmalkalden enthalten wie in der Auer Gasse, in der Weidebrunner Gasse, in der Stiller Gasse, auf dem Altmarkt.

Tief verankert ist die Gedenkkultur an die 1945 erloschene jüdische Gemeinde. An ihre vor allem im 20. Jahrhundert verfolgten und ermordeten Mitglieder. Mit einigen Nachfahren und deren Familien steht die Stadt heute noch in engem Kontakt. Das Treffen mit Überlebenden, Zeitzeugen, mittelbar Betroffenen und deren Angehörigen anlässlich 80 Jahre Pogromnacht bleibt unvergesslich.

Um das Andenken an seine vom Holocaust betroffenen jüdischen Kinder, Frauen und Männer zu bewahren, lebendig zu halten, wurden vor ihren Wohn- und Geschäftshäusern 34 Steine des Gedenkens verlegt, finanziert von 38 Spendern. Die Initiative ergriffen und zwischen 2009 und 2016 umgesetzt hatte der Verein für Schmalkaldische Geschichte und Landeskunde e. V., unterstützt und begleitet vom Stadt- und Kreisarchiv, der Stadt Schmalkalden sowie dem Philipp-Melanchthon-Gymnasium.

900 Jahre jüdischen Leben in Thüringen: Seit mehrere Monaten bereitet sich die Stadt Schmalkalden auf dieses Jubiläum vor. In einer Arbeitsgruppe haben sich Mitstreiter wie die Tourist-Information, das Stadt- und Kreisarchiv, der Kulturverein Villa K , die VierRaum Architekten, der Kunstverein mit seinem Vorsitzenden Harald Gratz, die Wohnungsbaugesellschaft, Ines Ulbrich als Gestalterin zusammengefunden. Mehrere (Förder-)projekte sind auf den Weg gebracht – zwei Initiativen wurden jetzt von Bund und Land in voller Höhe von je 50 000 Euro bewilligt. Unter der Maßgabe, im Jubiläumsjahr jüdisches Leben sichtbar zu machen. Ein Vorhaben betrifft die ehemalige jüdische Schule in der Näherstiller Straße. Dem Vernehmen nach gibt es einen interessierten Käufer und die Bereitschaft der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, das vermutlich im 18./19. Jahrhundert erbaute Haus zu veräußern. Wie das angrenzende Gartengrundstück und den alten Totenhof. Der neue Inhaber würde das Haus sanieren, zu Wohnzwecken. In dem kleinen Zimmer im Erdgeschoss, in dem einst jüdische Kinder die Tora sowie die Alltags- und Schabbatgebote lernten, möchte die Stadt eine Ausstellung zur jüdischen Geschichte und dem jüdischen Leben in Schmalkalden etablieren. Wieder zugänglich, im Rahmen von Stadtführungen beispielsweise, soll auch die kleine, zu restaurierende Mikwe im Keller werden. „Entdeckt“ wurde sie Mitte der 1990er-Jahre. Karine Moeglin beschreibt das „Weiberbad“ in ihrer Dissertation über „Die jüdische Gemeinde Schmalkaldens zwischen Existenz und Koexistenz in der Zeit von 1812 – 2000“. Die Stadt ist an dem Projekt mit einem Eigenanteil von 2000 Euro beteiligt.

Weitere 50 000 Euro gibt es für ein ganz anderes, nicht minder spannendes Vorhaben. Geplant ist ein Filmprojekt mit der Zeitzeugin Ruth Bognovitz, geborene Stiebel. – In New York. – Die Geschichte der inzwischen 94-Jährigen steht symbolisch für Tausende andere Schicksale. Als 13-Jährige verließ sie mit ihrer älteren Schwester Schmalkalden, ihre Eltern, den Bruder, Freunde, das Haus in der Stiller Gasse 4. In den USA wird sie sesshaft. Erst 2015 kehrte Ruth an den Ort zurück, an dem sie ihre unbeschwerte Kindheit verbrachte. Um weiße Rosen auf die Steine des Gedenkens zu legen.

Am liebsten würde Ruth Bognovitz für das Filmprojekt nach Schmalkalden kommen, weiß Bürgermeister Thomas Kaminski. Aber die Familie ist dagegen. Nun soll sie in New York interviewt werden, über ihre Erlebnisse vor und während der Flucht berichten und über ihr Leben in den USA. Vor die Kamera treten und aus ihrem Leben erzählen sollen auch Nachfahren von ehemaligen jüdischen Mitbürgern.

Wie Amnon Vogel Falk und Alon Schuster, Enkel von Nathan Schuster, dem letzten Synagogenvorsteher, 1957 im Kibbuz Mefalsim geboren, verheiratet, vier Kinder. Lehrer, stellvertretender Schulleiter, Bürgermeister, Abgeordneter in der Knesset, Landwirtschaftsminister. Die Heimat seiner Vorfahren kennt Alon Schuster gut, sein inzwischen neunter Besuch steht vermutlich Anfang September an, wenn Schmalkalden die Eröffnung der sanierten Mikwe feiert. Mit prominenten Gästen, wie dem Landesrabbiner Nachama, dem Vorsitzenden der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Reinhard Schramm, Ministerpräsident Bodo Ramelow und jüdischen Gästen.

„Mit offenen Augen und Armen – Begegnung und Dialog. Jüdisches Leben in Schmalkalden“: Unter diesem Thema steht die Begegnungswoche vom 2. bis 6. September, in welche die Einweihung der Mikwe eingebunden ist. Das Projekt betreut der Kulturverein Villa K, in persona von Stefan Schwabe. Unterstützt wird er von der Stadtverwaltung. Vorträge, Gespräche, Stadtführungen, geistige Zusammentreffen, eine Ausstellung und ein ganz besonderes Konzert mit den „3 Kantoren“: Das Programm-Paket ist geschnürt. Jetzt geht es an die Feinabstimmung.

Zurück zum Filmprojekt. Dem Freistaat Thüringen liegt das sehr am Herzen, sagt Kaminski. 31 000 Euro gibt es dafür. Ergänzt wird dieses Vorhaben durch weitere Maßnahmen wie die Beschilderung in der Innenstadt und die Aufstellung sogenannter Zeitfenster, die auf Spuren jüdischen Lebens aufmerksam machen sollen. Gestaltet werden diese drei Zeitfenster von Harald Gratz, mögliche Standorte sind die alte jüdische Schule, der neue Friedhof sowie das einstige Bankhaus Wachenfeld & Gumprich in der Weidebrunner Gasse. Nicht zu vergessen ist die touristische Schiene. Die Stadtführer lassen sich gerade digital schulen, um Einheimische und Gäste auf den Spuren jüdischer Geschichte fachmännisch begleiten zu können. Hauptreferentin ist Archivleiterin Ute Simon, die ihr profundes Wissen gern weitergibt.

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