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WADA vor Zerreißprobe: RUSADA-Begnadigung sorgt für Empörung

Russland kehrt in den Weltsport zurück. Die Welt-Anti-Doping-Agentur hebt die Suspendierung der russischen Agentur RUSADA auf, stellt aber eine Bedingung: Bis zum 30. Juni 2019 muss Zugang zum Moskauer Labor gewährt werden. Die Kritik an diesem Beschluss ist groß.



RUSADA
Die russische Anti-Doping-Agentur RUSADA. Foto: Maxim Shipenkov/EPA   Foto: dpa

Die Welt-Anti-Doping-Agentur steht nach der umstrittenen Begnadigung Russlands vor einer Zerreißprobe und Glaubwürdigkeitskrise.

Das WADA-Exekutivkomitee entschied auf den Seychellen mit 9:2 Stimmen bei einer Enthaltung, dass die russische Agentur RUSADA nach dreijähriger Sperre wieder regelkonform ist. Die uneingeschränkte Rückkehr der Sportgroßmacht in den Weltsport auf Dauer wurde aber mit der Bedingung verknüpft, der WADA bis spätestens zum 30. Juni 2019 den Zugang zum Moskauer Analyselabor und den dortigen Doping-Daten und -Proben zu gewähren. Diese Einschränkung konnte die heftige Empörung über den auf der sportpolitischen Ebene eingefädelten Beschluss nicht dämpfen.

«Die Entscheidung der WADA, die russische Anti-Doping Agentur zum jetzigen Zeitpunkt als compliant, also regelkonform arbeitend, einzustufen, ist ein herber Rückschlag für uns», sagte Andrea Gotzmann, Vorstandschefin der deutschen Anti-Doping-Agentur. «Die Entscheidung setzt ein falsches Signal.» Die wichtigsten Forderungen der Roadmap, Übergabe des Labordatensystems sowie freier Zugang zu gelagerten Proben im Labor in Moskau, seien fahrlässig über Bord geworfen worden: «Das Vertrauen in die WADA ist massiv erschüttert.»

Die Vision von einem unabhängigen Regelungsgeber sei mit der heutigen Entscheidung des WADA-Exekutivkomitees zerstört worden. «Es wird schwer, zukünftig zu vermitteln, dass die WADA die Leitlinien der Anti-Doping-Arbeit weltweit vorgibt und überwacht», sagte sie.

WADA-Präsident Craig Reedie sieht die Weltagentur nach dem Votum im Inselparadies in einer «viel besseren Position», weiß aber auch: «Die WADA versteht, dass diese Entscheidung nicht allen gefällt.» Die Verknüpfung der Wiederzulassung der RUSADA mit der Bedingung, binnen knapp zehn Monaten Zutritt zum Moskauer Labor zu bekommen, hält er für klug. «Ohne diesen pragmatischen Ansatz würden wir weiter in der Sackgasse sitzen und die Labordaten blieben für uns auf unbestimmte Zeit unerreichbar», erklärte der Brite.

Scharfe Kritik kam auch von deutschen Sportpolitikern. Für die Sportausschussvorsitzende des Bundestages, Dagmar Freitag (SPD), sind «die schlimmsten Befürchtungen eingetreten. Das ist der Worst Case.» Ihre FDP-Kollegin Britta Dassler sieht einen weiteren Verlust der Glaubwürdigkeit der WADA durch dieses Votum. «Es ist schade, dass die Welt-Anti-Doping-Agentur vor Russland eingeknickt ist», sagte sie.

Der Anti-Doping-Experte Fritz Sörgel sieht den Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees als Drahtzieher der nun beschlossenen Rückkehr Russlands auf die Weltbühne. «Thomas Bach hatte einen Masterplan, in dem vorgegeben war, wie man es in dieser Sache gut sein lässt», sagte er. «Das Ansehen der WADA fällt weiter ab.»

Die russische Regierung dagegen begrüßte die Wiederzulassung. «Russland bekräftigt seine Treue zum Prinzip des sauberen Sports», sagte die für Sport zuständige Vizeregierungschefin Olga Golodez der Agentur Interfax zufolge. Zudem versicherte der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, dass es keine Probleme mit der Übergabe der Daten aus dem Moskauer Labor geben werde, sagte Stanislaw Posdjnakow. RUSADA-Generaldirektor Juri Ganus appellierte, keine weiteren Skandale zuzulassen: «Die Sportler müssen sich anstrengen und ehrlich siegen.» Eine Alternative dazu gebe es nicht.

Für den amerikanischen Chef der Agentur USADA, Travis Tygart, ist es «ein vernichtender Schlag für die sauberen Athleten der Welt». Der Entscheid der WADA sei «verwirrend und unerklärlich». Für den früheren Leiter des Moskauer Labors und Kronzeugen des Skandals, Grigori Rodschenko, ist der WADA-Beschluss der «größte Verrat an sauberen Athleten in der olympischen Geschichte», sagte der mit Zeugenschutz in den USA lebende Russe der Deutschen Presse-Agentur.

Die WADA-Führung folgte mit dem Beschluss einer Empfehlung ihrer Zulassungskommission, obwohl eine weitere wichtige Forderung zur RUSADA-Wiederzulassung, die volle Anerkennung des Reports von Richard McLaren, noch nicht erfüllt ist. Dass diese wesentlichen Anforderungen weiterhin nicht erfüllt, beziehungsweise von Russland verweigert wurden, und dennoch der Bann aufgehoben werden soll, begründete die WADA mit diplomatischen Floskeln. Führung erfordere «Flexibilität» und eine «nuancierte Interpretation» der Zulassungskriterien, «um die Sache zu einem Ende zu bringen».

Die Empfehlung und die Begründung dafür hatten schon vor dem WADA-Beschluss weltweit Proteste bei Athleten, Verbänden, vielen nationalen Anti-Doping-Agenturen und in der Sportpolitik ausgelöst. Sportler protestierten dagegen, dass für sie Regeln gelten, an die sie sich halten müssen und bei denen keine Flexibilität gelte.

Selbst WADA-Vizepräsidentin Linda Helleland machte sich zur Fürsprecherin der Athleten. Die Norwegerin hatte schon vor der Abstimmung publik gemacht, nicht für die Aufhebung des RUSADA-Banns zu stimmen, um «dem großen Wunsch der Athletenkommissionen auf der ganzen Welt» nicht zuwiderzuhandeln.

Während der RUSADA-Sperre waren russische Sportler nicht gänzlich von der Weltbühne verbannt. Das Internationale Olympische Komitee ließ nach individueller Prüfung bei den Sommerspielen 2016 in Rio rund 270 Athleten des Landes unter neutraler Flagge antreten, bei den Winterspielen im Februar dieses Jahres waren 168 am Start. Auch bei den Weltcups in den verschieden Sportarten durften sie dabei sein.

Nur der Weltverband IAAF schloss nach Enthüllung des Dopings-Skandals in Russlands Leichtathletik, die der Beginn der WADA-Untersuchung für den ganzen russischen Sport war, das Land bis heute komplett von Wettkämpfen aus. Lediglich nach strenger Prüfung durften Russen bei internationalen Titelkämpfen und Meetings an den Start gehen.

Zudem hat die bereits für die Paralympics 2016 in Rio verhängte Sperre des Internationalen Paralympischen Komitees gegen Russland noch Bestand. Das IPC kündigte eine Prüfung der WADA-Entscheidung durch seine zuständige Arbeitsgruppe an. IPC-Präsident Andrew Parsons zeigte sich erfreut über den Fortschritt in der Causa. «Das aktuelle Anti-Doping-System in Russland unterscheidet sich stark von dem korrupten und verseuchten System, das es gab und das den internationalen Sport vergiftete», erklärte Parsons.

Bevor die Sperre von Russlands Paralympischem Komitee aufgehoben werden könne, müsse dieses aber die offenen Verfahrenskosten an das IPC überweisen, hieß es. Diese liegen derzeit bei 257 500 Euro.

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20. 09. 2018
19:15 Uhr

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