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Löws Aufruf an die Welt: «Wir müssen uns hinterfragen»

Joachim Löw wechselt in der Coronavirus-Krise ausnahmsweise aus der Rolle des Bundestrainers in die eines Staatsmannes ohne Amt: Er ruft die Menschen zum Umdenken auf, geißelt Gier und Profitstreben auf Kosten der Natur. Nationalelf und EM stehen erstmal «hinten an».



Vorbildfunktion
Wird zur moralischen Instanz: Bundestrainer Joachim Löw (l) wurde per Video zur Pressekonferenz des DFB geschaltet.   Foto: Thomas Böcker/DFB/dpa

In 14 Jahren als Bundestrainer hat sich Joachim Löw noch nie mit einer so eindringlichen Botschaft an die Menschen in Deutschland gewandt, weit über die Fußballfans in aller Welt hinaus.

Der in politischen Fragen sonst in der Öffentlichkeit sehr zurückhaltende Löw fordert mitten in der Coronavirus-Pandemie, die auch für den Fußball eine einzigartige Krisenlage bedeutet, ein dringendes Umdenken in unserer Lebensweise: «Die letzten Tage haben mich sehr beschäftigt und nachdenklich gestimmt. Die Welt hat ein kollektives Burnout erlebt.» Sein Schluss aus der gegenwärtigen Ausnahmesituation lautet: «Wir müssen uns hinterfragen!»

In einer gemeinsamen Video-Konferenz mit DFB-Präsident Fritz Keller und Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff ging es einen Tag nach der Verschiebung der EM in den Sommer 2021 insbesondere für Löw ausnahmsweise nur am Rande um Fußball und die Nationalmannschaft.

«Die Corona-Krise hat die Welt fest im Griff, und nichts ist mehr wie es vorher war», sagte der 60 Jahre alte Löw, der am Mittwoch aus seinem Wohnort Freiburg zugeschaltet war. Seine These zum Virus lautet: «Ich habe so das Gefühl, dass die Welt und vielleicht auch die Erde sich so ein bisschen stemmt und wehrt gegen die Menschen und deren Tun. Denn der Mensch denkt immer, dass er alles weiß und alles kann und das Tempo, das wir so die letzten Jahre vorgegeben haben, war nicht mehr zu toppen. Macht, Gier, Profit, noch bessere Resultate, Rekorde standen im Vordergrund. Umweltkatastrophen, wie in Australien oder sonstwo, die haben uns nur am Rande berührt.»

Was dagegen wirklich zähle, spüre er in diesen schwierigen Tagen in seinem eigenen Umfeld: «Familie, Freunde, Menschen, Respekt zählen im Leben. Jeder Einzelne muss beweisen, dass wir uns wandeln können.» Mit einer Spende von 2,5 Millionen Euro für soziale Zwecke setzten die Nationalspieler am Mittwoch ein Zeichen der Solidarität.

Löw und Bierhoff gehen offensichtlich mit gutem Beispiel voran. Auf die Frage, ob das Duo - dann zugunsten des DFB und den Landesverbänden - auf einen Teil des Gehaltes verzichten würde, antwortete Keller: «Die Herren, die Sie genannt haben, sind schon auf uns zugekommen und haben das schon von sich aus angedeutet.»

Die Fußball-Aktualität rückt für Löw weit in den Hintergrund. Keine Länderspiel-Klassiker gegen Spanien und Italien, kein Trainingslager der Nationalelf Ende Mai in Seefeld, keine sommerlichen EM-Festspiele in München - das schmerzt auch den Bundestrainer, aber das stehe für ihn momentan absolut «hinten an», wie er sagte: «Andere Dinge sind jetzt wichtiger. Für mich zählt jetzt, was ist mit der Familie, mit Freunden, wo kann ich die Menschen in meiner Umgebung unterstützen?»

Die konkreten Auswirkungen auf die Nationalmannschaft sind wie so Vieles in diesen Zeiten nicht konkret abzusehen. Planungen würden sich praktisch «stündlich» verändern, sagte Bierhoff. Der 51-Jährige beruhigte jedoch mit Blick auf die verschobene EM: «Wir können gut damit umgehen.» Sportlich könnte diese für Löw sogar in ein Happy End münden, auch wenn er meinte: «Man kann es nicht beantworten, ob es ein Nachteil oder Vorteil ist, dass wir erst nächstes Jahr die EM bestreiten.»

Sein radikaler Umbruch mit der kontrovers diskutierten Ausbootung nahezu aller Weltmeister von 2014 bis hin zu Mats Hummels, Thomas Müller und Jérôme Boateng im März 2019 erscheint plötzlich noch weitsichtiger. Bis zum EM-Sommer 2021 kann die aufgefrischte DFB-Elf um neue, jüngere Führungskräfte wie Joshua Kimmich (25) und Serge Gnabry (24) sowie aktuelle Langzeitverletzte wie Leroy Sané (24) und Niklas Süle (24) weiter reifen. «Wir haben ein bisschen mehr Zeit», bestätigte Löw.

Er betonte zugleich, dass alle gerne schon in diesem Sommer in München die herausfordernden Gruppenspiele wie gegen Weltmeister Frankreich oder Europameister Portugal angenommen hätten. «Wir hatten eine Strategie entwickelt. Ich habe viel Hunger und unglaublichen Willen in der Mannschaft gespürt - einen besonderen Spirit. Es hätte ein tolles Fest werden sollen in unterschiedlichen Ländern, mit unterschiedlichen Kulturen.»

Löw wies im laufenden Umbruch-Prozess mehrfach darauf hin, dass die Generation Kimmich/Gnabry/Sané wohl erst bei der Heim-EM 2024 «auf dem Höhepunkt der Karriere» stehen werde. «Ich vergleiche das mit der Mannschaft von 2010, die plötzlich entstanden ist», erinnerte der Bundestrainer. Die Generation um Lahm, Schweinsteiger, Khedira, Boateng oder Müller krönte ihre DFB-Ära 2014 mit dem WM-Titel.

Löw selbst bleibt vorerst ein sehr gut bezahlter Kurzarbeiter. Die Situation, dass Verträge von Nationaltrainern meist nur bis zum nächsten Turnier laufen, betreffen den DFB und ihn dabei nicht. Der ehemalige DFB-Präsident Reinhard Grindel hatte Löws Kontrakt schon vor der WM 2018 bis zum nächsten Weltturnier 2022 in Katar verlängert. Im Tagesgeschäft kann sich Löw aktuell nur mit seinem Stab beraten, wie es irgendwann weitergehen könnte. Er werde sich freuen, «wenn der Fußball wieder das Tagesgeschäft aufnimmt».

DFB-Präsident Fritz Keller sagte: «Wir müssen auch nach vorne denken.» Für die Nationalelf heißt das: Im Juni könnte es statt großer EM-Partien wenigstens Freundschaftsspiele geben. Denn die abgesagten Klassiker gegen Spanien und Italien sollen «vorbehaltlich einer Lagebeurteilung in der Länderspielperiode Anfang Juni ausgetragen» werden, wie es seitens der UEFA hieß.

Ob es dazu kommt, weiß keiner. Und damit könnte Löw noch später sein 182. Länderspiel als Bundestrainer erleben: Am 3. September startet Deutschland mit einem Heimspiel gegen Spanien in die zweite Auflage der Nations League - sofern es das Corona-Virus zulässt.

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dpa

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Veröffentlicht am:
19. 03. 2020
12:56 Uhr

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19. 03. 2020
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