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Sport

DFB-Mediziner Meyer: «Volle Stadien, das wird noch dauern»

Das Geisterspiel-Konzept der Bundesliga in der Corona-Krise hat funktioniert. Der Aufwand sei aber nicht eine komplette Saison durchzuhalten, sagt Taskforce-Leiter Tim Meyer. Aber wie geht es weiter - nicht nur national, sondern international?



Tim Meyer
Erstellte als Leiter einer Taskforce das strenge Hygienekonzept für den Sonderspielbetrieb: DFB-Chefarzt Tim Meyer.   Foto: Andreas Gebert/dpa

Die vergangenen Wochen waren bei Tim Meyer (52) von einer großen persönlichen Anspannung geprägt. Der Chefmediziner des DFB hatte als Leiter einer Taskforce das Hygienekonzept für die Geisterspiele der Bundesliga in der Corona-Pandemie erstellt. Es funktionierte, die Saison konnte sportlich beendet werden. «Viele Sportereignisse wurden und werden abgesagt, die Bundesliga hat wieder gespielt und keine fußballbedingten Infektionen verzeichnet», sagt der Nationalmannschaftsarzt im Interview der Deutschen Presse-Agentur, in dem er über die neue Saison, die Rückkehr von Zuschauern in die Stadien sowie Länderspiele, die Champions League und eine Antikörper-Studie spricht.

Vor dem Neustart der Bundesliga Mitte Mai gab es Kritik an einer Sonderrolle des Fußballs, an den vielen Testungen von Spielern und Betreuern, aber auch an dem von einer Taskforce Sportmedizin unter Ihrer Leitung erstellten Konzept für den Sonderspielbetrieb. Jetzt konnte die Saison tatsächlich ohne größere Probleme zu Ende gespielt werden. Was empfinden Sie? Stolz? Womöglich Genugtuung?

Tim Meyer: Am ehesten Zufriedenheit, dass alles gut geklappt hat. Viele Sportereignisse wurden und werden abgesagt, die Bundesliga hat wieder gespielt und keine fußballbedingten Infektionen verzeichnet. Das Argument angeblich nicht ausreichender Testkapazitäten hatte sich schnell faktisch zerschlagen. Ich glaube auch nicht, dass es den Effekt gab, dass der Re-Start des Fußballs ein falsches Zeichen war. Mein Eindruck war eher, dass viele Menschen froh waren, dass wieder Fußball gespielt wurde, selbst unter diesen eingegrenzten Rahmenbedingungen.

Vor dem grünen Licht aus der Politik gab es das Video des Hertha-Profis Salomon Kalou, das den Verstoß gegen Corona-Maßnahmen zeigte. Der Trainer des FC Augsburg verstieß mit einem Zahnpastakauf im Supermarkt gegen die strengen Quarantäne-Regeln. Wie groß waren Sorge und Anspannung bei Ihnen in den vergangenen Wochen?

Meyer: Durch die sehr ausführliche öffentliche Debatte war das schon belastend. Meine persönliche Anspannung war über einen längeren Zeitraum sehr groß. Von Woche zu Woche wurde sie aber geringer, weil man merken konnte, dass eine gute Basisdisziplin da war. Und Dingen wie dem Video von Kalou stand zum Beispiel auch der Namensartikel von Nationalmannschafts-Kapitän Manuel Neuer entgegen, der an die Verantwortung der Fußball-Profis appellierte. Das fand ich sehr beeindruckend.

Wie sind die Spieltage selbst für Sie verlaufen? Waren Sie auch mal selbst bei einem Geisterspiel im Stadion?

Meyer: Nein, das konnte ich nicht. Da hätte ein Verein auf eine der wenigen Personen verzichten müssen, die er als Besucher nominieren durfte. Am Spieltag bekam ich morgens stets die Mitteilung, ob alle Spieler am Vortag negativ getestet worden waren. Dann wusste ich, es läuft alles normal. Ich habe mir die Spiele nachmittags oder abends in einer Zusammenfassung angeschaut. Aber im Stadion war ich nicht. Barbara Gärtner, unsere Hygiene-Expertin, hat bereits vor dem ersten Spieltag der Wiederaufnahme die Hygienebeauftragten der Clubs in einem Stadion geschult.

Sie waren überzeugt, dass Ihr Hygienekonzept funktionieren kann. Aber sie hatten auch gesagt, dass ein Infektionsrisiko für die Spieler oder Betreuer im Spielbetrieb nicht komplett ausgeschlossen werden könne. Sind Sie auch selbst positiv überrascht worden?

Meyer: Nein, das kann ich nicht sagen. Ich dachte schon, dass es klappen sollte und das Konzept der angemessene Ansatz war. Aber eine gewisse Restskepsis war natürlich da, denn das Virus und die dadurch ausgelösten Infektionen sind nicht bis ins Letzte berechenbar, selbst wenn sich alle diszipliniert verhalten. Deswegen haben wir auch immer von einem medizinisch vertretbaren und nicht von einem Null-Risiko gesprochen.

DFL-Chef Christian Seifert sprach von einem «absoluten Notbetrieb» der Bundesliga in leeren Stadien. Hauptsächlich ging es auch darum, den Vereinen mit den Geisterspielen einen dreistelligen Millionenbetrag der TV-Sender zu sichern, um so etliche Clubs vor einer drohenden Pleite in der Corona-Krise zu bewahren. Wie fühlt es sich an, einer der Retter des deutschen Profifußballs zu sein?

Meyer: Zunächst möchte ich sagen, dass neben mir drei weitere Ärzte und je zwei Vertreter von DFL und DFB in der Taskforce waren und wir wirklich mit einem funktionierenden Teamwork tätig waren. Ich persönlich habe einen anderen Aspekt im Vordergrund gesehen, auch wenn die Saisonfortsetzung wirtschaftlich für die Bundesliga und 2. Liga wichtig war. Ich wollte, dass der Ball wieder rollt. Ich habe seit meiner Kindheit immer die Bundesliga angeschaut. Fußball war die Sportart, die ich mit Leidenschaft betrieben habe. Und ich erhalte natürlich auch Rückmeldungen aus meinem Umfeld.

Welche waren das?

Meyer: Da nehme ich wahr, dass den Menschen in dieser ereignisarmen Corona-Zeit etwas wieder zurückgegeben wurde. Das sieht man auch in den Medien. Es wurde nicht mehr nur darüber berichtet, wie Corona den Sport einschränkt. Man konnte auch wieder Artikel lesen, in denen ganz normal über alle sportlichen Aspekte der Bundesliga diskutiert wurde. Aus der gesellschaftlichen Sicht ist das für mich der wichtigere Faktor, auch wenn ich nicht verkennen möchte, dass der eine oder andere Club ohne die Fortsetzung der Saison in finanzielle Probleme geraten wäre.

Nach der Saison ist vor der neuen Saison. Viel wird über eine zumindest stufenweise Rückkehr von Fans in die Stadien diskutiert. Welche Möglichkeiten sehen Sie, das bestehende Konzept anzupassen? Oder werden Geisterspiele länger zur neuen Bundesliga-Normalität? Meyer: Letzteres glaube ich nicht. Ich bin schon zuversichtlich, dass wir einen Impfstoff bekommen werden, der wieder volle Stadien erlaubt. Aber das wird noch dauern. Natürlich muss sich ein Betrieb wie die Bundesliga Gedanken über die nächste Saison machen. Wir haben das Konzept im April in Kenntnis der damaligen Pandemielage entwickelt. Diese ist jetzt anders. Wir wissen aber nicht, wie sie sich weiter entwickeln wird, Stichwort zweite Welle. Es muss ein Konzept mit Szenarien geben, das die Aktivität der Covid-19-Pandemie berücksichtigt und auf sie entsprechend reagiert. Es gelten natürlich die Grundsätze des Arbeitsschutzes, unter anderem für die Spieler. Aber wenn man Zuschauer in einer gewissen Anzahl wieder zulässt, geht es auch um den Aspekt des Infektionsschutzes für die gesamte Bevölkerung. Es ist klar, dass am Anfang keine vollen Stadien denkbar sind. Die Frage lautet: Wie kann man das abstufen? Da gibt es dann viele organisatorische Faktoren zu berücksichtigen.

Welche zum Beispiel?

Meyer: Die Organisation des Einlasses. Toiletten. Dinge, wo auch Hygieneaspekte ins Spiel kommen, aber eben auch praktische, zum Beispiel Möglichkeiten zur Kontaktverfolgung im Sinne des Infektionsschutzes. Es muss alles machbar bleiben. Ein Konzept mit dem Aufwand, wie es jetzt für diese neun Spieltage in der Bundesliga gefahren wurde, kann man keine Saison lang durchhalten.

Könnte der Sonderspielbetrieb der Bundesliga auch einen wissenschaftlichen Nutzen mit Blick auf das Coronavirus haben?

Meyer: Wir hatten angekündigt, dass der Profifußball der Bevölkerung für den Vertrauensvorschuss etwas zurückgeben möchte. Es wurde eine Antikörperstudie in der Bundesliga durchgeführt. Diese muss jetzt noch ausgewertet werden, die Ergebnisse sollen danach schnell der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Wir haben da eine Stichprobe von mehr als 1000 Menschen, die sich bundesweit verteilen.

Inwiefern könnten die Ergebnisse wertvoll sein?

Meyer: Es gibt stets die Frage nach der Größe der Dunkelziffer. Wir sehen täglich die Zahlen des Robert Koch-Institutes mit den aktuell bestätigten Neuinfektionen. Das sind diejenigen, die offiziell auf das Virus diagnostiziert wurden. Wir wissen aber nicht, wie viele Menschen sich wirklich infiziert haben, weil vermutlich viele symptomfrei geblieben sind. Es gibt zwar Untersuchungen an beschwerdefreien Menschen, aber die sind häufig an einem Ort, einem Hotspot. Die Stichprobe der Bundesliga und 2. Bundesliga ist eine bundesweite und damit flächendeckender als andere. Wenn wir wissen, wie viele Menschen aus einer großen Stichprobe Antikörper-positiv sind, sich also bereits mit dem Virus auseinandergesetzt haben, dann können wir besser abschätzen, wie hoch die Infektionszahlen wirklich sind. Man kann somit bessere Aussagen zum Durchseuchungsgrad der Bevölkerung treffen.

Die Bundesligaspieler mussten sich aber in den vergangenen Wochen anders verhalten als die normale Bevölkerung?

Meyer: Aber nur während dieser Saisonphase mit den Spielen ohne Zuschauer. Vorher haben auch sie in Bezug auf die Ansteckungsgefahr relativ normal gelebt, und die erste Blutentnahme erfolgte ganz zu Beginn des Mannschaftstrainingsbetriebes. Außerdem war in unsere Untersuchung ein größerer Kreis inkludiert - neben Spielern auch eine erhebliche Anzahl an Betreuern.

Die Bundesliga war die erste große Liga in Europa, die wieder startete. Jetzt rollt auch in England, Spanien und Italien wieder der Ball. Wieviel DFL-Konzept steckt im dortigen Spielbetrieb?

Meyer: Das kann ich nicht für jedes einzelne Land sagen. Wir hatten auf internationaler Ebene viel Kommunikation. Wenn da unser Konzept drinsteckt, dann wäre ich persönlich insbesondere darauf ein wenig stolz, weil der Fußball für mich ein internationales Ereignis ist und wir froh sein müssen, wenn auch alle anderen Länder ins Spielen kommen. Wenn wir dabei helfen konnten, dann ist das schön.

Im August sollen die Champions League mit einem Turnier in Lissabon und die Europa League mit einem Turnier in Deutschland fertiggespielt werden. Sie leiten die Medizinische Kommission der UEFA und können dafür demnach gleich das nächste Konzept erstellen. Inwiefern können Sie auf den Bundesliga-Erfahrungen aufbauen?

Meyer: Sicherlich ist das Bundesliga-Konzept eine Blaupause. Aber die UEFA hat andere Ansprüche zu bedienen als die nationalen Ligen. Für ein Endturnier, das in einem Land stattfindet, lässt sich das relativ gut organisieren. Aber wenn im September alle 55 UEFA-Nationen mit Länderspielen und der Nations League starten, kommen andere Schwierigkeitsgrade dazu, etwa die nationale Gesetzgebung oder auch Laborverfügbarkeiten. Das wird auf der UEFA-Ebene weitaus komplexer werden. Die beiden Turniere im August sind aus meiner Sicht leichter beherrschbar.

Sind die Turnierkonzepte für Lissabon und die deutschen Europa-League-Spielorte Köln, Düsseldorf, Gelsenkirchen und Duisburg bereits fertig? Muss auch dort ohne Zuschauer gespielt werden?

Meyer: Danach sieht es im Moment aus, auch wenn die UEFA sich noch nicht endgültig festgelegt hat. Ich finde es auch richtig, dass man solange wartet, wie man es aus organisatorischen Gründen vertreten kann, um auf die Pandemie-Entwicklung reagieren zu können. Das Konzept steht also nicht komplett, sondern vorerst nur in den Bereichen, die die unmittelbare Mannschaftsbetreuung angehen, das heißt, die Dinge, die auch im Bundesliga-Hygienekonzept berücksichtigt waren.

Die Länderspiele im Herbst, die sie schon ansprachen, werden neue Herausforderungen beinhalten. Wir kennen Bilder von Spielen in Serbien oder Weißrussland mit Publikum mitten in der Corona-Krise.

Meyer: Das sind Ligaspiele. UEFA-Wettbewerbe aber richten sich nach UEFA-Reglement. Auch in den genannten Ländern kann niemand gegen die Vorgaben der UEFA ein volles Stadion zulassen, wenn es sich um einen UEFA-Wettbewerb handelt und die Regeln keine Zuschauer erlauben.

ZUR PERSON: Prof. Dr. Tim Meyer (52) ist Leiter des Instituts für Sport- und Präventivmedizin der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. Er ist Chef-Mediziner des DFB und leitet in der Corona-Krise die «Taskforce Sportmedizin/Sonderspielbetrieb» der DFL. Seit 2001 gehört der gebürtige Niedersachse zum Ärzteteam der deutschen Nationalmannschaft. Er war bei etlichen großen Turnieren im Einsatz, auch beim WM-Titelgewinn 2014 in Brasilien. Seit Juli 2019 ist Meyer auch Vorsitzender der Medizinischen Kommission der UEFA.

© dpa-infocom, dpa:200628-99-597198/3

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29. 06. 2020
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