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Regionalsport

Rückwärts durch die Geschichte

Christoph Weigel gehört zu den besten Marathonläufern auf dem Rennsteig. Bei der Aktion Rennsteigläufer@Home wählt der Neu-Schmiedefelder nun eine ganz besondere Route.



Den Schweiß kurz von der Stirn gewischt: Christoph Weigel knipst an der Werraquelle, etwa bei Kilometer 32 seines Marathons, ein Selfie.	Fotos (2): privat
Den Schweiß kurz von der Stirn gewischt: Christoph Weigel knipst an der Werraquelle, etwa bei Kilometer 32 seines Marathons, ein Selfie. Fotos (2): privat   » zu den Bildern

Schmiedefeld/Schalkau - Es war schon ein bitterer Moment für Christoph Weigel, als der Rennsteiglauf abgesagt wurde. Wollte doch der Zweite von 2015 und Dritte von 2016 ausgerechnet in diesem Jahr einen neuen Anlauf auf dem zweitlängsten Kurs des Thüringer Klassikers unter seine beneidenswert flinken Füße nehmen. "Ich war schon traurig, dass der Rennsteiglauf nicht stattfindet. Das ist sicherlich jeder, der sich auf einen Höhepunkt vorbereitet. Aber das ist die vernünftigste Entscheidung und war auch irgendwie zu erwarten. Die Gesundheit geht klar vor", lauteten Weigels Worte kurz nach der Hiobsbotschaft.

Jeder kann teilnehmen

Im Rahmen der Aktion Rennsteigläufer@Home können die Teilnehmer noch bis zum 7. Juni jene Distanz absolvieren, für welche sie ihre Meldung für den 16. Mai abgegeben hatten. Es kann jedoch die Streckenlänge beliebig gewechselt werden, im Extremfall vom Supermarathon auf den Mini-Marathon. Ziel ist die Teilnahme und das Laufen für die Gesundheit - es geht nicht um Bestzeiten. Jeder kann teilnehmen, egal ob er für den diesjährigen Rennsteiglauf gemeldet hatte oder nicht. Für die fast 15 000 vorangemeldeten Rennsteigläufer ist die Aktion kostenfrei. Alle Teilnehmer an der Aktion Rennsteigläufer@Home, die keine Anmeldung für den 48. GutsMuths-Rennsteiglauf am 16. Mai 2020 hatten, werden um eine Spende zugunsten der mithelfenden Vereine gebeten.

www.rennsteiglauf.de


Sportlich betrachtet war die Absage für ihn und viele andere Rennsteigläufer ein gewaltiger Nackenschlag. "Ich hatte genau auf diesen Tag hintrainiert", erinnert sich der 33-Jährige. Dabei schien alles perfekt geplant gewesen zu sein - nicht nur der Trainingskalender. Sogar die Wahl des Wohnortes ordnete sich dem großen Ziel unter, könnte man meinen. Ist doch der wissenschaftliche Mitarbeiter an der Technischen Universität Ilmenau seit 1. November 2019 Einwohner Schmiedefelds, lebt also im "schönsten Ziel der Welt". Doch das hat, gibt Weigel zu verstehen, rein private Gründe.

Die Aktion Rennsteigläufer@Ho-me kam auch für Weigel genau zur rechten Zeit, wirkte wie Balsam auf die Läuferseele: "Eine schöne Aktion. Ich kann zwar auch einen Marathon ganz alleine laufen und bin immer wieder gerne auf dem Rennsteig unterwegs. Aber sich danach in die Starterliste eintragen zu dürfen, entschädigt schon etwas für die Absage."

Weigel startete am vergangenen Samstag seinen ganz persönlichen Rennsteig-Marathon - am Nachmittag, im "schönsten Ziel der Welt", an der Hauptstraße in Richtung Schleusingerneundorf. Von dort aus ging es auf dem originalen Rennsteig Richtung Allzunah, vorbei am Wechselpunkt des Staffellaufes, weiter in die "falsche" Richtung. Es folgte der berüchtigte und wohl für jeden Rennsteig-Bezwinger markante Hohlweg hinauf nach Masserberg. Von dort aus nahm Weigel - nach wie vor locker-leicht - die nächsten Kilometer bis nach Siegmundsburg in Angriff.

"Es war schon ziemlich warm, sogar schwül. Das habe ich schon ganz anders erlebt. Doch wir Rennsteigläufer sind wettererprobt", scherzt Weigel und denkt an Jahre zurück, in denen es "hundekalt, stürmisch und verregnet" war. Diesmal waren die Begleitumstände anders: Freundin Nadja unterstützte ihren Christoph am Anfang des Rennens, die Verpflegung im weiteren Verlauf gab es dann aus dem eigenen Rucksack.

Seinen "Tank" (Trinkflasche) durfte Weigel erst bei Kilometer 32 auffüllen - mit frischem Werraquellwasser natürlich. "Ich ha-be gut alle zwölf Kilometer eine Trinkpause eingelegt. Viel zu essen brauchte ich nicht. Und natürlich habe ich dieses Mal auch mit dem Handy ein paar Fotos gemacht."

Mit frischem Quellwasser ging es "dann fast nur noch bergab - in meine alte Heimat", freute sich der für den USV Erfurt und das Intersport-Wohlleben-Team startende Rennsteigläufer schon auf sein Elternhaus in Schalkau. "Ich bin sozusagen in der Geschichte rückwärts gelaufen, zu meinen Wurzeln, auch zu meinen sportlichen Wurzeln", rang der 1,92 Meter große Athlet seinem Alleingang auch etwas Philosophisches ab. Angekommen in der alten Heimat, drehte der Neu-Schmiedefelder noch eine zwei Kilometer lange Extrarunde, um die Marathondistanz voll zu bekommen.

Die Pausen einmal abgerechnet, benötigte Weigel lediglich 3:04:06 Stunden, war also wesentlich schneller unterwegs als Pheidippides 490 v. Chr. nach dem Sieg der Griechen über die Perser, aber auch nur einen Wimpernschlag langsamer als der legendäre Spiridon Louis, der im Jahr 1896 den ersten olympischen Marathon der Neuzeit gewann. "Natürlich bin ich vom Tempo her langsamer gewesen, es sollte ja auch der Spaß im Vordergrund stehen", relativiert Weigel seine Leistung.

Zwar war sein Zieleinlauf bei Weitem nicht so spektakulär wie beim richtigen Rennsteiglauf-Marathon, doch die Entschädigung daheim -
bei Mutter Cordula, Vater Norbert und Freundin Nadja - war Belohnung genug. "Ich war pünktlich zum Abendessen daheim. Und danach gab’s noch ein gutes Tröpfchen Rotwein", berichtet der gebürtige Schalkauer und ist zufrieden mit seinem Rennsteiglauf-Soloritt. "Es war eben etwas anderes, kein Wettkampf, dafür wieder mal ein sehr schöner Lauf am Rennsteig", schwärmt Weigel.

Ein Wiedersehen mit dem Kammweg gibt es spätestens in 14 Tagen, wenn Freundin Nadja ihren überhaupt ersten Halbmarathon am Rennsteig unter die Füße nimmt. Bis dahin werden es ihr etliche Hundert vorgemacht haben. Indes: Am vergangenen Samstag war Weigel fast immer allein. "Am Dreiherrenstein habe ich mal zwei Läufer gesehen, ansonsten war es sehr ruhig", berichtet ein sichtlich erleichterter Rennsteigläufer, der sich zum Glück nicht der Abstandsregel besinnen musste.

Autor

Lars Fritzlar
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Veröffentlicht am:
13. 05. 2020
00:00 Uhr

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Lars Fritzlar

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13. 05. 2020
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