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Nur in den Ferien ein Ossi: Von Sonneberg an den Königssee

Knirps Felix war knapp vier Monate alt, als die spannende Wendezeit im Herbst 1989 auch im thüringischen Sonneberg die DDR-Bürger bewegte. Papa Norbert Loch - heute Rodel-Bundestrainer - kann sich noch gut erinnern.



Rodel-Olympiasieger Loch peilt Peking an
Rennrodler Felix Loch aus Deutschland am Start. Er gilt als Vorzeige-Bayer, präsentiert sich gern in uriger Tracht. Dabei ist Felix Loch gebürtiger Thüringer - und einer der erfolgreichsten Rodler der Welt.   Foto: Tobias Hase

Es riecht nach Kleber, Schleifgeräte surren über die Kufen, es ist viel Bewegung in den Werkstätten unterhalb der neuen Geschäftsstelle des Bob- und Schlittenverbandes mit Blick auf den Watzmann. Rodler Felix Loch kommt eiligen Schrittes in die Gemeinschaftsküche. Der 1,91 Meter große Hüne hat einen festen Handschlag. Nur Minuten später im Gespräch gibt er zu, dass er als Kind nur hinterhergefahren sei. "Ich war nur ein Strich in der Landschaft, kein Gewicht drauf und alle anderen sind mir um die Ohren gefahren. Wenn ich mir das heute so überlege, hätte ich eigentlich damals sagen müssen: ich lasse es, ich werde nie gewinnen", sagte der dreimalige Olympiasieger in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur.

An die spannende Wendezeit im Herbst 1989 kann sich der gebürtige Sonneberger kaum erinnern. Er war knapp vier Monate alt. Aber Papa Norbert weiß genau, wie es am 9. November war: "Natürlich hat mich der Mauerfall berührt, die Nähe zur Grenze hier mit dem Grenzstreifen war für uns in Sonneberg ja viele Jahre spürbar." Am nächsten Tag ließ er normal trainieren und "nicht gleich das Begrüßungsgeld abholen".

Heute - mittlerweile Rodel-Bundestrainer - sieht er vieles gelassener. Die Ereignisse von damals will er emotional nicht so an sich heranlassen. "Für uns alle war die Wende von Nutzen und Erfolg gekrönt. Aber heute sage ich immer wieder: In dem, was ist, muss man denken und nicht im Gestern jammern."

Nach der politischen Wende nahm er 1991 das Angebot als bayerischer Landestrainer an - Sohn Felix kam mit ins Berchtesgadener Land. "Im Rodelalltag hatte ich ihn immer am Rockzipfel, an der Bahn spielte er überall, mal an einem Schneeberg, mal fuhr er den Auf- und Abtransport mit - jeder Sportler kannte Felix", erklärte der Papa.

Die Zeit von damals ist beim Sohn nicht ganz so präsent. "Erste Erinnerungen sind irgendwo im Kindergarten", meinte der heutige Polizeihauptmeister. Die Frage, ob er sich als Ossi oder Wessi fühle, beantwortet er ohne Zögern. "Ich fühle mich als Bayer, auf jeden Fall. Ich kenne es ja nicht anders", sagte er mit fester Stimme. Im Hintergrund kann sich Rodel-Idol Georg Hackl, der sich gerade einen Kaffee macht, das Lachen über die Frage nicht verkneifen.

Seine Bindung in die alte Heimat hat er nicht verloren. «Die Großeltern sind noch in Sonneberg und Friedrichroda, da sind noch Wurzeln da.» Vor allem in den Ferien fühlte er sich am Rennsteig pudelwohl, was nicht zuletzt an den leckeren Klößen der thüringischen Küche lag. Diese weiß selbst Frau Lisa in Bayern zu schätzen. "Sie mag die Thüringer Bratwürste wirklich sehr, sehr gern", verriet der Ehemann.

Seine Schultern zucken kurz bei der Frage, warum er als kleiner Junge nicht lieber Fußball spielte? "Die Eltern haben nicht ganz gewusst, was sie mit mir anfangen sollen, also haben sie mich mit zur Rodelbahn genommen." Mit fünfeinhalb Jahren rutschte er selbst die Bahn hinunter. "Seitdem hab ich nie was anderes gemacht", betonte der 13-malige Weltmeister.

Dabei wollte Papa Norbert seinen Sohn nicht in der Trainingsgruppe haben. Ihn somit vor einer Bevorzugung schützen. "Das würde ich mit meinen Kindern heute genauso machen, sollten sie irgendwann mal zum Rodeln kommen", sagte Felix. Rückblickend gesteht der Vater: "Bei mir hatte er als Junior nie eine Chance gehabt." Später, als Felix 2008 in Oberhof jüngster Weltmeister und 2010 jüngster Olympiasieger unter Papas Fittichen wurde, gab es eine klare Absprache untereinander: "Wir haben daheim nicht ein Wort übers Rodeln verloren. Die Rote Linie wurde nie überschritten."

Gemeinsam jubelten sie bei den olympischen Gold-Momenten in Vancouver und Sotschi. Eng umschlungen fing der Papa den Sohn beim verpassten Gold-Hattrick in Pyeongchang auf, als Felix im letzten Lauf patzte. "In dem Moment war es für mich so, als wenn man wie bei einem Unfall dazukommt, man weiß nicht, wie man reagiert", erinnert sich Norbert Loch an seine Doppelrolle als Papa und Bundestrainer.

Sohn Felix hatte den Rückschlag relativ cool abgehakt. "Es ging schnell, es war ja von mir ein Fahrfehler gewesen, das Material hat alles gepasst", sagte er und nahm indirekt seinen Mentor Georg Hackl in Schutz, mit dem er in unzähligen Stunden gemeinsam am Schlitten tüftelte. Trost und Seelenfrieden fand er auch bei seiner Familie - von unterwegs oftmals per Facetime. "Der Größere von beiden Söhnen beherrscht das ganz gut. Ich bin froh, dass es mit meiner Frau und den Kindern so gut passt. Wenn der Papa mal weg ist, da gibt es keinen Terror, keine Katastrophe oder Weinen, nein, sie wissen, der Papa ist beim Rennen und kommt wieder."

Obwohl Loch 2008 auf der Hochgeschwindigkeitspiste in Whistler schwer stürzte und sich zwei Bänder in der Schulter riss, blendet er die Angst aus. "Wenn ich mich da oben hinsetzte und sage, ich habe zuhause Frau und zwei Kinder, es könnte ja was passieren, dann bräuchte ich nicht fahren. Wenn die Ampel grün wird, will ich nur sauber runterkommen und alles geben", sagte der 95-Kilo-Mann.

Verlassen kann er sich dabei auf sein Material, das er zusammen mit Rodel-Legende Georg Hackl hegt und pflegt. "Er ist ein Glücksfall für mich, aber auch für den ganzen Stützpunkt. Wir ticken da gleich, wollen viel tüfteln und ausprobieren." Gerne wäre er mal auf Topniveau gegen den Schorsch gefahren, wie einst bei den deutschen Meisterschaften 2005 und 2006." Der eine war zu jung, der andere zu alt. Das Duell der beiden in Topform wäre klasse gewesen: Zwei begnadete Rodler, die im Zusammenspiel Athlet-Technik ähnlich ticken», bemerkte Norbert Loch, als Sohn Felix und Hackl wieder in die Werkstatt verschwinden. Der Schlitten muss für die ersten Testfahrten dieser Tage in Lillehammer vorbereitet werden. dpa

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Veröffentlicht am:
02. 10. 2019
15:57 Uhr

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02. 10. 2019
15:57 Uhr



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