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Wirtschaft

"Unser Arbeitsmarkt braucht diese Zuwanderung"

Mit Besuchen bei der Arbeitsagentur Suhl und der Handwerkskammer Südthüringen informierte sich Thüringens Justiz- und Migrationsminister Dieter Lauinger (Grüne) in dieser Woche über die Integration von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt. Diese gelinge immer besser, erklärt Lauinger im Interview.



"Der Bedarf auf dem Arbeitsmarkt zieht sich durch alle Bereiche. Das fängt beim Hilfsarbeiter an, geht über Facharbeiter bis hin zu Akademikern", sagt Thüringens Migrationsminister Dieter Lauinger. Foto: ari/Archiv
"Der Bedarf auf dem Arbeitsmarkt zieht sich durch alle Bereiche. Das fängt beim Hilfsarbeiter an, geht über Facharbeiter bis hin zu Akademikern", sagt Thüringens Migrationsminister Dieter Lauinger. Foto: ari/Archiv  

Herr Lauinger, es gibt nicht wenige, die sagen, dass sich Thüringen um die Integration von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt nicht kümmern muss, denn die Betroffenen würden ohnehin nicht in Thüringen bleiben, weil es sie in die großen Städte zieht. Stimmt das so?

Nein, das stimmt so nicht mehr. Zum einen, weil die Regeln ja geändert wurden. Geflüchtete müssen nun drei Jahre in dem Bundesland bleiben, auf das sie zuerst verteilt wurden. Aber die Mitarbeiter der Arbeitsagentur haben mir bei meinem Gespräch versichert, dass der Wille, in Thüringen zu bleiben, auch so zugenommen hat. Die Geflüchteten merken, dass sie hier eine Perspektive haben. Hier haben sie vielleicht schon einen Kindergartenplatz für ihre Kinder und sie haben gute Chancen, Arbeit zu finden, weil die Südthüringer Wirtschaft dringend Arbeitskräfte sucht. Auf allen Ebenen.

Findet denn die erhoffte Integration auf dem Arbeitsmarkt in Südthüringen statt?

Ja, sie findet statt. Und sie findet vor allem in immer größerem Maße statt, wie mir die Mitarbeiter der Arbeitsagentur und des Jobcenters hier in Suhl erzählt haben. Seit Monaten steigt die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit Migrationshintergrund kontinuierlich an. Das ging in der Vergangenheit vor allem auf das Konto von Beschäftigten aus dem EU-Ausland, doch inzwischen finden auch Geflüchtete immer öfter eine Arbeit in der Region. Das liegt vor allem daran, dass der Arbeitsmarkt diese Menschen dringend benötigt.

Es ist ja so, dass die Beschäftigtenquote in Thüringen insgesamt über dem Bundesdurchschnitt liegt. Das gilt insbesondere für Südthüringen, wo einige Landkreise die höchsten Beschäftigungsquoten in ganz Deutschland aufweisen. Um diese hohe Zahl der Arbeitsplätze aufrecht- erhalten zu können, brauchen wir Zuwanderung. Nur durch die Beschäftigung von Menschen aus anderen Ländern gelingt es aktuell noch, die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnisse in der Region konstant zu halten.

Lange Zeit galt der Landkreis Sonneberg als einer der wenigen in der Region, in dem die Integration von Geflüchteten in nennenswerter Größenordnung gelingt. Hat sich das inzwischen gewandelt?

In Südthüringen ist der Bedarf inzwischen überall da. Es ist nicht mehr nur Sonneberg, wo die Integration gelingt. Natürlich gibt es dabei auch Probleme, das will ich gar nicht verschweigen. Ein Problem ist zum Beispiel, die Bedarfe, die es gibt, und die Menschen, die da sind, zueinander zu bringen. Denn natürlich fehlen oft entsprechende Qualifikationen oder Ausbildungen, denn die Bedarfe, die es hier gibt, sind natürlich oft andere als die Qualifikationen, die die Menschen mitbringen.

Was sucht die Region denn vor allem?

Alles. Es zieht sich wirklich durch alle Bereiche und durch alle Branchen. Es fängt beim ungelernten Hilfsarbeiter an und geht über den Facharbeiter bis hin zum Akademiker. Es ist ja kein Geheimnis, dass in Thüringer Krankenhäusern inzwischen fast jeder zweite Arzt Migrationshintergrund hat.

Aber welche Qualifikationen bringen die Geflüchteten denn mit? Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 gab es diese beiden Extrembilder in der Öffentlichkeit: Die eine Seite sagte, da kämen nur Akademiker …

… und die andere behauptete, da kämen nur Analphabeten.

Wo liegt die Wahrheit?

Wie meistens im Leben: Genau dazwischen. Ja, es kommen Akademiker zu uns und bei denen müssen wir schauen, ob ihre Ausbildung dem entspricht, was wir unter so einem Abschluss verstehen. Das gilt zum Beispiel bei Medizinern. Aber es kommen natürlich tatsächlich auch Analphabeten zu uns oder Menschen, die nur vier Jahre zur Schule gegangen sind. Da müssen wir dann schauen, wo deren Stärken liegen und wo wir sie auf dem Arbeitsmarkt einsetzen können.

Um das Aufspüren solcher Stärken kümmert sie unter anderem die Handwerkskammer Südthüringen, bei der sie am Donnerstag zu Besuch waren. Sie hatte schon im Jahr 2015 eine Werkstatt in der Erstaufnahmeeinrichtung in Suhl aufgebaut, um praktische Fähigkeiten von Geflüchteten zu testen. Wie wichtig sind solche Angebote?

Sehr wichtig. Deshalb gibt es ja auch eine Außenstelle der Arbeitsagentur auf dem Friedberg. Es ist wichtig, dass wir die Menschen frühzeitig abholen, ihnen frühzeitig vermitteln, dass sie die beste Perspektive in diesem Land haben, wenn sie unsere Sprache lernen und sich auf dem Arbeitsmarkt integrieren. Das gelingt am besten natürlich bei jungen Menschen, die vielleicht noch ein paar Jahre bei uns zur Schule gehen und dann von dort aus den direkten Weg in eine Ausbildung gehen können.

Ist eine berufliche Perspektive nicht auch die größte Garantie, in Deutschland und in Thüringen bleiben zu können, selbst dann, wenn der Asylantrag abgelehnt werden sollte?

Natürlich. Und das ist auch einer der wenigen Punkte, den ich an dem Asylpaket von Bundesinnenminister Horst Seehofer für richtig halte: Dass die Geflüchteten, aber auch die Unternehmen, die sich ihrer annehmen, die Gewissheit haben, dass sie auch bei Ablehnung ihres Asylantrags bleiben dürfen, wenn sie in den Arbeitsmarkt integriert sind.

Gerade bei der Integration von Akademikern, zum Beispiel von Ärzten, gibt es regelmäßig Kritik, dass die Anerkennung von Abschlüssen zu lange dauere…

Das fällt nicht in mein Aufgabengebiet, aber natürlich ist es richtig, dass diese Prozesse schnell und reibungslos laufen müssen. Aber wir brauchen auch die Gewissheit, dass gründlich geprüft wird. Niemand will, dass wir den Abschluss eines angeblichen Arztes anerkennen, der sich womöglich später als gefälscht herausstellt. Interview: Jolf Schneider

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Veröffentlicht am:
21. 09. 2019
00:00 Uhr

Aktualisiert am:
21. 09. 2019
08:02 Uhr

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