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Wirtschaft

Thüringer Pflegeheime ächzen unter ihrem Vorteil

Gerade am Grenzgebiet zu Hessen und Bayern leben immer mehr Westdeutsche in Thüringer Pflegeheimen. Ein Grund dafür sind die vergleichsweise niedrigen Kosten.



Pflegeheim
An der technischen Ausstattung der Pflegeheime scheitert es nicht, woran es mangelt, ist genügend Personal.   Foto: Britta Pedersen, dpa

Suhl/Berlin – Es knirscht in der Pflege. Und der Personalmangel in Pflegeheimen ist da nur die Spitze des Eisberges. Denn noch immer werden 90 Prozent der Pflegebedürftigen in Deutschland zuhause gepflegt – von Angehörigen und mobilen Pflegediensten. Mit mehr Personal will die Bundespolitik entgegensteuern. Zunächst war im Koalitionsvertrag von 8000 zusätzlichen Pflegekräften in Heimen die Rede. Inzwischen sollen es 13.000 werden. Klingt zunächst gut, doch in der Realität wäre das wahrscheinlich nicht einmal eine zusätzliche Pflegekraft für jede Einrichtung. Die AWO Thüringen hatte vor wenigen Wochen gelobt, das sei immerhin besser als gar nichts, denn jede zusätzliche Hand sei eine Entlastung für das aktuelle Personal.


Völlig offen ist bislang jedoch, woher die zusätzlichen Pflegekräfte kommen sollen. Unklar ist bisher auch, ob es sich bei den 13.000 zusätzlichen Beschäftigten um Fach- oder Pflegekräfte handelt. „Sollte es dabei um Pflegekräfte gehen halte ich es für realistisch, dass die Stellen auch besetzt werden können. 13.000 Pflegefachkräfte dagegen gibt es auf dem Arbeitsmarkt wahrscheinlich nicht“, hatte AWO-Landeschef Ulf Grießmann nach Bekanntwerden der Pläne von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im Gespräch mit dieser Zeitung erklärt.


Doch das Personal ist nur ein Problem, mit dem die Pflege aktuell zu kämpfen hat. Wie aus einer aktuellen Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion der Linken im Bundestag hervorgeht, gibt es deutliche Unterschiede bei den Eigenanteilen, die Heimbewohner zu bezahlen haben. Und diese Unterschiede führen zu Wanderungsbewegungen bei den Pflegebedürftigen. Grund dafür: Der Eigenanteil, den Patienten für die Pflege in Pflegeheimen zahlen müssen, ist in Thüringen im bundesweiten Vergleich am günstigsten. Er betrug im durchschnitt 237,19 Euro im Monat. Am teuersten ist in Berlin mit 872,50 Euro, wie aus der Antwort der Bundesregierung hervorgeht.


Im bundesweiten Schnitt betrug dieser je Einrichtung einheitliche Eigenanteil zum Stichtag 1. April 602,13 Euro. Über dem Durchschnitt liegen insgesamt sieben Länder, unter dem Durchschnitt neun Länder.
Pflegebedürftige oder die Angehörigen müssen den Eigenanteil leisten, weil die Pflegeversicherung – anders als die Krankenversicherung - nur einen Teil der Kosten trägt. Selbst zahlen müssen sie daneben auch für die Unterkunft mit Zimmerreinigung und Verpflegung. Dazu kommen umgelegte Kosten für Investitionen zum Beispiel in Umbauten und Modernisierungen ihres Heims sowie teils für Azubi-Vergütungen.


Wie aus der Antwort auf die Kleine Anfrage weiter hervorgeht, waren zum Stichtag 31. Dezember 2017 genau 779 933 Personen vollstationär pflegebedürftig. Davon waren 4125 dem Pflegegrad 1, 186.850 dem Pflegegrad 2, 240.933 dem Pflegegrad 3, 224.160 dem Pflegegrad 4 und 123.865 dem Pflegegrad 5 zugeordnet. Eine Aufschlüsselung nach Bundesländern ist nach Angaben der Regierung in dieser Statistik nicht möglich. Unterm Strick leben in Deutschland rund eine Million Pflegebedürftige in den rund 14.000 Pflegeheimen.


Die regionalen Unterschiede bei den Eigentanteilen haben nach Einschätzung von Branchenkennern schon in der Vergangenheit zu Wanderungsbewegungen bei Pflegebedürftigen geführt. So berichten vor allem Betreiber von Heimen im Grenzgebiet zu Hessen und Bayern, dass immer öfter Pflegebedürftige aus Hessen oder Bayern zu ihnen kämen. Sie dringen darauf, endlich bundesweit einheitliche Pflegesätze mit den Pflegekassen zu vereinbaren, denn nur so könne eine Vergleichbarkeit der Träger hergestellt werden.
Die regionalen Unterschiede der Zahlungen der Pflegekassen an die Heimbetreiber führen zu deutlichen regionalen Unterschieden bei der Bezahlung von Pflegekräften. So verdienen Pflegekräfte in Thüringen im Durchschnitt deutlich weniger als ihre Kollegen in Hessen, Bayern oder Baden-Württemberg. Das führt zu einer weiteren Wanderungsbewegung: In Thüringen dringend benötigte Pflegekräfte wandern nach ihrer Ausbildung in andere Bundesländer ab, wo sie mehr verdienen können.


Die Bundesregierung will nun mit Milliarden mehr Menschen in Pflegeberufe locken. Außerdem hatte Gesundheitsminsister Spahn in der Vergangenheit bereits angekündigt, auch im Ausland potenzielle Bewerber suchen zu wollen.


Die Linke-Sozialexpertin Sabine Zimmermann forderte: „Gute Pflege muss unabhängig vom Geldbeutel und vom Wohnort für jeden möglich sein.“ Nötig seien mehr Pflegekräfte und bessere Leistungen ohne Altersarmut. Die Pflege müsse daher endlich als Vollversicherung ausgestaltet werden, in der alle pflegebedingten Kosten übernommen werden. „So können die Eigenanteile sinken oder ganz entfallen.“


Die Deutsche Stiftung Patientenschutz warnte, zusammen mit den Kosten für Unterkunft, Verpflegung und Investitionen könnten viele Heimbewohner die Belastung nicht mehr schultern und rutschten in die Sozialhilfe. Eine Entlastung der Pflegebedürftigen plane Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) aber nicht, kritisierte Vorstand Eugen Brysch. „Es ist an der Zeit, dass die Pflegeversicherung zu ihrem ursprünglichen Zweck zurückkehrt. Sie hat die gesamten Pflegekosten zu übernehmen.“


Hintergrund für Unterschiede beim pflegebedingten Eigenanteil ist, dass die Schlüssel für die Personalausstattung je nach Bundesland vertraglich festgelegt werden. Wie es in einer Erläuterung der Privaten Krankenversicherung heißt, ist eine Vollkraft zum Beispiel in Berlin im Schnitt für 3,9 Bewohner mit Pflegegrad 2 zuständig – in Schleswig-Holstein aber für 5,4 Bewohner. Regionale Unterschiede können auch entstehen, weil die Personalkosten sich wie das allgemeine Lohnniveau bundesweit unterscheiden.

Autor

Jolf Schneider
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Veröffentlicht am:
04. 07. 2018
13:47 Uhr

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Jolf Schneider

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04. 07. 2018
13:47 Uhr



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