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Thüringen

"Wir haben den Osten blau gemacht"

AfD im Freudentaumel: Nachdem die Partei ihr Wahlergebnis in Thüringen mehr als verdoppelt hat, richtet sich der Blick jetzt auf ein Stück Macht.



Traum von der absoluten Mehrheit: AfD-Spitzenkandidat Björn Höcke (rechts) und Alexander Gauland, Bundessprecher und Fraktionsvorsitzender der AfD im Bundestag, feiern die ersten Prognosen.
Traum von der absoluten Mehrheit: AfD-Spitzenkandidat Björn Höcke (rechts) und Alexander Gauland, Bundessprecher und Fraktionsvorsitzender der AfD im Bundestag, feiern die ersten Prognosen.   Foto: Foto: Jens Büttner/dpa

Als der Moderator im Fernsehen wenige Sekunden vor 18 Uhr ankündigt, dass das Wahlergebnis für einige "schockierend" sein werde, ist im proppevollen Lokal nur höhnisches Gelächter die Folge. Die AfD feiert ihr Wahlergebnis. Besonders laut wird der Jubel, als die erste Prognose mit 24 Prozent über die Bildschirme flimmert. Und das auch noch in einem Lokal, das von allen Wahlpartys an diesem Abend in Erfurt am nächsten zum Landtag liegt. In den vergangenen 25 Jahren hatte hier meist die CDU ihre Wahlpartys gefeiert.

Für ihren Triumph hat die Partei mit dem hellblau dominierten Logo in Erfurt auch einiges an Bundesprominenz aufgefahren, darunter Parteichef Alexander Gauland und den Brandenburger Landeschef und Höcke-Vertrauten Andreas Kalbitz. Am lautesten bejubelt wird freilich Landeschef Björn Höcke, der auf der Bühne vor seinen Anhängern verkündet: "Die Thüringer Wähler haben heute die Wende 2.0 gewählt." Und da ist er wieder, der Mythos von einer neuen Revolution: "Altes zerfällt vor unseren Augen", sagt der frühere Geschichtslehrer und meint damit vor allem die bislang geltenden Mehrheiten in der Politik. "Im Osten geht die Sonne auf", verweist er auf die Wahlergebnisse in diesem Jahr in Sachsen und Brandenburg. Und: "Wir haben den Osten blau gemacht."

Noch nie, so verkündet Höcke, habe eine Partei nach einer Wahlperiode in einem Parlament ihr Ergebnis um mehr als 100 Prozent steigern können. "Beim nächsten Mal werden wir die absolute Mehrheit holen." Der Bundestagsabgeordnete Jürgen Pohl spricht von der Wahlparty denn auch als "Erntedankfest", bei dem man jetzt den Erfolg einfahre. "Wir werden uns unser Land zurückholen", ruft Höcke, bevor er verkündet, dass er jetzt eigentlich fast sprachlos sein und gleich zum Landtag, zum MDR müsse. Im Fernsehen erklärt er dann auch, dass die Regierung Ramelow abgewählt sei - wobei da klar ist, dass alle irgendwie denkbaren Mehrheits-Modelle der anderen Parteien wohl nicht funktionieren werden.

Das mit dem Land zurückholen muss den Vorstellungen der Spitze zufolge vielleicht nicht einmal bis zur nächsten Wahl warten. Gauland macht im Überschwang der Freude bereits erste Avancen in Richtung CDU, die ja nur drittstärkste Kraft geworden ist: "Die CDU und ihre linken Funktionäre müssen sich überlegen, ob sie nicht mit der einzigen bürgerlichen Volkspartei, die noch übrig geblieben ist, zusammenarbeiten wollen", sagt Gauland also. Zu dem Zeitpunkt liegen beide Parteien rechnerisch allerdings auch noch bei zusammen etwa 45 Prozent, so dass diese Vision auch nicht wahrscheinlicher wird. Eine Koalition und dann noch unter Führung der AfD?

Als Erklärung für den Wahlerfolg liefern Höcke, Gauland und Co. den Opfermythos: "Noch nie in der Geschichte ist eine einzelne Partei oder eine Person so diffamiert worden", sagt Höcke. Schließlich gab es mitten im Wahlkampf die Gerichtsentscheidung, der zufolge Höcke als "Faschist" bezeichnet werden darf.

Den Fragen, wie die Bundes-AfD denn jetzt angesichts des Höcke-Erfolges mit dem umstrittenen "Flügel"-Mann weiter umgehen werde, weicht Gauland aus. Höcke sei ja gar nicht rechtsextrem wie auch der "Flügel" nicht rechtsextrem sei. Und von der Bühne herab verkündet Gauland, Höcke habe alles richtig gemacht.

Kalbitz, bekanntlich auch ein "Flügel"-Mann, versucht sich dann noch an einem Gauland-Ausspruch der letzten Bundestagswahl: "Wir werden sie jagen, dieses inländerfeindliche Establishment, das sich den Staat zu eigen gemacht hat." Dafür benötige man nur noch den "derzeit noch etwas beratungsresistenten Westen".

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Jens Wenzel

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Veröffentlicht am:
28. 10. 2019
00:00 Uhr

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28. 10. 2019
00:00 Uhr



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