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Thüringen

Wander-Weltmeister trotzen Schnee und Eis

Die Wander-Weltmeisterschaften über die gesamte Rennsteiglänge von 169,3 Kilometer und über 100 Kilometer werden am Wochenende zu gnadenlosen Ausscheidungs-Wettbewerben.



Wander-Weltmeisterschaften am Rennsteig
Auch von Schnee und Eis ließen sich die Extrem-Wanderer nicht stoppen.   Foto: Gerd Hellmann » zu den Bildern

Blankenstein/Gumpelstadt - „Dann heißt das Polartief auch noch Werner“, sagt Werner Wolf ironisch, als er den Kleintransporter verlässt und im knöcheltiefen Schnee das Gepäck der WM-Teilnehmer zur Zwischenlagerung in die Oberhofer AWO Ferieneinrichtung trägt. Die Enttäuschung ist dem 68-Jährigen ins Gesicht geschrieben. Seit der Gründung des Pummpälzvereins 2001 hat er unermüdlich Ausdauer-Wettkämpfe organisiert. Mit einem Halbmarathon hatte 2004 alles begonnen. Unzählige Läufe und Radrennen im westlichen Thüringer Wald und der Rhön folgten.

Nichts hat den zutiefst heimatverbundenen Sportenthusiasten gestoppt. Auch nicht ein schwerer Schlaganfall im Jahr 2011. „Meine Festplatte war zu großen Teilen gelöscht. Ich habe alles wieder gelernt. Laufen ebenso wie Radfahren, Schwimmen und natürlich Autofahren“, sagt Werner Wolf unaufgeregt auf der Rückfahrt vom Startort Blankenstein in seinen Heimatort Gumpelstadt im Moorgrund. Seit 4 Uhr ist er mit dem Vereins-Sprinter auf Achse, bringt die Startunterlagen selbst an das kleine Flüsschen Pregnitz, das einst Deutschland West von Deutschland Ost trennte.

Nichts überlässt er dem Zufall. Viele einflussreiche Leute hat er ins Boot geholt, um seine Wander-Weltmeisterschaft stemmen zu können. „Freilich ist das keine offizielle Weltmeisterschaft. Der Begriff ist vielmehr ein PR-Gag. Die wettkampfmäßige Ausrichtung des Wanderns ist jedoch eine Möglichkeit für alle, die nicht rennen wollen oder können, ebenfalls an einem Ranking teilnehmen zu können“, erklärt der erfahrene Wettkampf-Organisator. Ähnlich urteilen auch die Teilnehmer am Rennsteig-Xtrem-Marathon, der jüngsten und zugleich härtesten Herausforderung, vor ihrer zweiten Auflage. „Ich habe unzählige Läufe bestritten, auch viermal den Rennsteig-Supermarathon. Meine Knie und mein Kreuz vertragen das Rennen aber nicht mehr. So versuch ich‘s halt mit straffem marschieren“, begründet Fritz Dornhofer aus Neuberg an der Muerz in seinem Wohnwagen, gebückt über eine Rennsteig-Karte, sein erstes Wander-Abenteuer auf dem berühmten Höhenweg. Wie alle 36 Männer und die sieben Frauen, die den langen Marsch bewältigen wollen, weiß der 58-jährige aus der Steiermark um das Risiko des Unternehmens: „Es gibt keine Finisher-Garantie. Im Januar habe ich bei Schnee und Eis einen Wander-Wettbewerb über 120 Kilometer um den Neusiedler See geschafft. Das hier ist wegen der 3600 Höhenmeter aber eine andere Kategorie.“

Der robuste Österreicher sollte Recht behalten. Noch auf der Rückfahrt des Org.-Chefs verabschieden sich die ersten sieben Leistungs-Wanderer über Handy bei Werner Wolf aus dem Rennen. Nach „nur“ 20,7 Kilometern am ersten Verpflegungspunkt in Brennersgrün haben sie den Kampf gegen den kalten Regen aufgegeben. Weitere werden folgen. So auch Walter Sittig. Nach 70 Kilometern gibt mit ihm einer der weltweit erfolgreichsten Leistungs-Wanderer am Verpflegungspunkt in Masserberg auf. Im vergangenen Jahr ist der drahtige Mann aus dem Schwarzwald nach einer Wettkampfdauer von 29:30 Stunden noch Zweiter des Wettbewerbs geworden. Diesmal nutzt dem Freiburger auch die Erfahrung von 224 durchgestandenen Wander-Marathons nichts. Regen, Schnee, Kälte und Magenschmerzen bezwingen ihn. Dankbar schlürft der 70-Jährige die heiße Nudelsuppe, auf die er sich so gefreut hat.

Mittlerweile ist es 21.00 Uhr. Gerade Mal sieben Starter haben Masserberg passiert. Es wird dunkel und auf dem durchweg mit Schnee bedeckten mittleren Teilstück des Rennsteigs müssen die im Rennen verbliebenen Wanderer neue Herausforderungen lösen: „Nur nicht verlaufen“, schießt es auch Marcel Friedrich aus Schwallungen immer wieder durch den Kopf. Er will unbedingt durchkommen. Außer den Wegmarkierungen mit dem berühmten „R“ gibt es mit Ausnahme auf dem letzten, bei der Hohen Sonne vom Rennsteig abweichenden Teilstück zum Zielort, keine weiteren Anhaltspunkte. Die Einsamkeit im gespenstisch wirkenden stockdunkelem Thüringer Wald ist eine zusätzliche psychische Belastung, der sich auch der Mann aus dem Werratal stellen muss. Der 37-Jährige besteht die Prüfung mit Bravour. Nachdem er einige Kilometer mit seinem ehemaligen Arbeitskollegen, dem erfahrenen Rennsteigläufer Jürgen Rößler aus Bad Salzungen gegangen war, nimmt er alleine die Verfolgung des in Führung liegenden Vorjahressieger Daniel Traut aus Ludwigsstadt und Jens Naujocks aus Krombach auf. Eingeholt hat er sie jedoch nicht.

Das Teilnehmerfeld, auch das 47-köpfige, um 20.00 Uhr in Masserberg gestartete des 100-Kilometer-Wettbewerbs, wird indes von Stunde zu Stunde schmaler. Nach Mitternacht fährt Werner Wolf abermals nach Masserberg, um entkräftete Wanderer zum Zielort zu bringen. Um 4.00 Uhr sind es nur noch 20 von den in Blankenstein gestarteten Wanderern, die an der Schmücke nach Oberhof unterwegs sind. Und, auf die warten noch einige Scharfrichter, der Große Beerberg ebenso wie der Große Inselsberg. Unbeeindruckt von diesen Hindernissen marschieren indes Daniel Traut und Jens Naujocks dem Zielort entgegen. Auch der einsetzende Nachtfrost und die damit einhergehende Glätte kann die beiden nicht beeindrucken. Nach 28:54 Stunden überqueren der 42-jährige Holzmechaniker aus Ludwigsstadt und der 54-jährige Malermeister aus dem schwäbischen Krumbach müde, aber überglücklich, gemeinsam die Ziellinie an der Kulturscheune in Gumpelstadt. „Einfach genial, dieser Rennsteig. Die Kälte, der Regen und der Schnee haben diesen Wettbewerb noch schwieriger gemacht, als er ohnedies schon ist“, sagt Jens Naujocks. Der hochaufgeschossene Schwabe weiß, wovon er spricht, denn er bestreitet ausschließlich ultralange Wanderungen. Die längste über 661 Kilometer in 170 Stunden.

Beeindruckend auch die Leistungen der Besten auf der 100-Kilometer-Distanz. Nach einer Gehzeit von 14:50 Stunden gewinnt Lutz Weber aus Hörselgau den Titel vor dem 20 Minuten später im Ziel eintreffenden Marcus Drehmann aus Bad Blankenburg. Der wiederum ist 17 Minuten vor Jens Thiele aus Ilmenau und Andre Rauch aus Petriroda an der Kulturscheune. Beide teilen sich den Bronzerang.

Für die Organisatoren vom Pummpälzverein um Werner Wolf ist der Tag noch lang nicht beendet. Noch Stunden vergehen, bis der letzte Teilnehmer das Ziel erreicht hat.

Autor

Gert Hellmann
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
05. 05. 2019
16:31 Uhr

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05. 05. 2019
16:31 Uhr



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