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Thüringen

Viele Obstwiesen in Thüringen sind gefährdet

Auf einer Wiese einen Apfel vom Baum pflücken. Dabei Vögel und Insekten beobachten. Dieser Wunsch erfüllt sich manchmal nicht mehr so leicht, denn viele Obstwiesen sind wegen Überalterung in Gefahr.



Die Äpfel wachsen: Auf Streuobstwiesen finden sich die Früchte häufig - oft werden sie zur Saftherstellung genutzt. Foto: Britta Pedersen/dpa
Die Äpfel wachsen: Auf Streuobstwiesen finden sich die Früchte häufig - oft werden sie zur Saftherstellung genutzt. Foto: Britta Pedersen/dpa  

Weimar/Erfurt - Die Sensen sind geschärft, kleine Mäher startklar: Auf vielen Obstwiesen in Thüringen wird dieser Tage Gras gemäht und Heu gemacht. Eine der notwendigen Arbeiten im Jahreskreis, um diese alte Kulturlandschaft zu erhalten. Auch die Kirschen sind reif. Im Land gibt es laut Landwirtschaftsministerium etwa 11 500 Hektar Streuobstwiesen mit jeweils mehr als zehn Bäumen. Die Flächengröße sei stabil. Die Wiesen stehen unter Naturschutz.

Die Grüne Liga Thüringen beobachtet dennoch seit Jahren, dass Streuobstwiesen aufgegeben werden. Sie lieferten nicht nur gesundes Obst, sondern seien auch ein "Hotspot" für Pflanzen, Tiere und Insekten, sagte Geschäftsführerin Grit Tetzel.

Die Landesanstalt für Umwelt und Geologie hat 115 Vogelarten in den Streuobstwiesen nachgewiesen, die sich als Brutvögel oder "Nahrungsgäste" von Obst, Insekten, kleinen Reptilien und Nagern ernährten. Darunter sind Baumpieper und Gartenrotschwanz, Blau- und Kohlmeise, Neuntöter und Steinkauz, Grauammer, Grauspecht und Raubwürger. Mehr als 1000 verschiedene Blütenpflanzen wachsen nach einer Kartierung auf Obstwiesen, die jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Bei den Insekten sind es der seltene Käfer Eremit, mehrere Schmetterlingsarten der Ameisenbläulinge und Wildbienen.

Schnitt erforderlich

Mangelnde Baumpflege und vor allem eine fehlende Mahd veränderten die Bedingungen auf den Streuobstwiesen, sagte Tetzel. "Bäume sterben ab, Büsche wachsen und verdrängen typische alteingesessene Pflanzen- und Tierarten." Andere Pflanzen und Tiere siedelten sich an. Der Verlust der Arten sei nicht zu unterschätzen. Damit verändere sich auch das gewohnte Landschaftsbild rund um Dörfer.

Vor allem hohe Altbäume in großen Kirsch-Plantagen - etwa um Weimar und Erfurt - überstiegen die Möglichkeiten von Privatbesitzern bei Baumschnitt, Ernte und Vermarktung der Früchte. Die Bäume seien in den 1970er Jahren - damals von den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) - zur besseren Versorgung der Bevölkerung angelegt worden.

Es gibt Fördergeld

"Heute könnten die Bäume ihre besten Erträge abwerfen, aber es fehlen kleine landwirtschaftliche Nebenerwerbsbetriebe." Als Begründung dafür müsse oft herhalten: Streuobstwiesen sind nicht wirtschaftlich. "Aber das waren sie nie", betonte die Naturschützerin. Sie ergänzten einst Landwirtschaft und Kleintierhaltung.

Thüringen habe die Bedeutung der Streuobstwiesen für den Naturschutz erkannt und im Gesetz verankert, sagte Tetzel. Landwirtschaft- und Umweltministerium fördern in zwei verschiedenen Programmen Baumschnitt, Grasmahd und das Nachpflanzen von Bäumen mit insgesamt jährlich einer Million Euro. Für die Grüne Liga, ein Netzwerk von Umweltinitiativen, reichen diese Maßnahmen aber nicht aus.

Sie plädiert nach dem Vorbild Bayerns und Brandenburgs für eine "Baumpauschale". Der Baumschnitt überfordere viele Besitzer finanziell. Bayern gebe jeweils acht Euro für maximal 100 Bäume pro Jahr und Obstwiese. Dies decke zwar nicht Kosten, helfe aber, dass alle Bäume über mehrere Jahre einen Schnitt bekommen können.

Auch Vermarktung oder Weiterbildungen können vom Land gefördert werden. Die Grüne Liga etwa bietet Baumschnittkurse an. Eine mobile Obstpresse verarbeitet die Äpfel von der eigenen Streuobstwiese der Dorfbewohner zu Säften. In Ostthüringen ist - initiiert vom Verein KulturNaturhof Bechstedt - eine Streuobstwiese im Entstehen. Der Verein Thüringer Grabfeld in Südthüringen engagiert sich zusammen mit einer Bio-Mosterei für die Verarbeitung der Früchte. Für Öko-Obst ist laut Agrarministerium ein Aufpreis zu zahlen.

Schau-Anlagen

Wer sich über die Vielfalt traditioneller Streu-Obstsorten in Thüringen informieren will, wird im Obstsortengarten auf dem Schlachtberg bei Bad Frankenhausen fündig. Allein 240 verschiedene Apfelsorten wachsen dort. Es ist die wichtigste Anlage im Freistaat zur Erhaltung alter Obstsorten: Darunter sind 140 Süß- und Sauerkirschsorten, 80 Birnen- und 90 Pflaumensorten nebst Zwetschen und Mirabellen. Auch Pfirsiche, Aprikosen, Walnüsse, Ebereschen und Mispeln finden sich dort. Eine kleinere Anlage gibt es in der Rhön. Mit Geld des Landes wurden dort auf zwei Standorten 121 Apfelsorten angepflanzt und veredelt.

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Antje Lauschner
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Veröffentlicht am:
22. 06. 2018
15:14 Uhr

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Antje Lauschner

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22. 06. 2018
15:14 Uhr



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