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Thüringen

Thüringer "Urwald-Perlen" auf 500 Kilometern erwandern

Urwälder gibt es schon lange nicht mehr. In Thüringen aber sollen sie neu entstehen. Diese "Urwald-Perlen" wird ein 500 Kilometer langer Wanderweg verbinden.



Der Schweinaer Grund wird sich selbst überlassen. Foto: Thomas Stephan/WWF
Der Schweinaer Grund wird sich selbst überlassen. Foto: Thomas Stephan/WWF  

Erfurt - Was Förster als "Störung" empfinden, ist für Naturschützer ein Glücksfall. Beispielsweise, wenn Bäume unter der Last ihrer Jahre und durch einen Sturm einfach umfallen. Während der Förster den Holzertrag in Gefahr sieht, sieht der Naturschützer neues Leben entstehen. Der umgefallene Baum bildet einen neuen Lebensraum für Moose, Pilze und Flechten, für Insekten, Vögel und Säugetiere. Je größer das Durcheinander, desto mehr Nischen findet das Leben - das ja bekanntlich immer einen Weg findet, siehe Jurassic Park.

Solche Anarchie in den Thüringer Wäldern ist bisher die Ausnahme, da der Wald forstlich genutzt wird. "Urwälder gibt es in Mitteleuropa nicht mehr", sagt Albert Wotke vom Umweltverband World Wide Fund for Nature (WWF). Aber das Durcheinander wächst. Thüringen hat rund 26 000 Hektar Wald der forstlichen Nutzung entzogen. Ohne Eingriffe der Förster sollen hier in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten neue Urwälder entstehen.

Die schönsten Flecken dieser 26 000 Hektar hat der WWF im Auftrag des Umweltministeriums ausgewählt. Diese "Urwald-Perlen" bilden die Glanzstücke eines deutschlandweit einzigartigen Vorhabens: Besucher sollen hier bei der Urwald-Werdung zusehen können. "Wir haben wunderschöne Naturschätze direkt vor unserer Haustür. Die wollen wir erlebbar machen", sagt Umweltministerin Anja Siegesmund (Grüne). Bis Ende nächsten Jahres soll ein Dutzend Urwald-Perlen ausgewiesen sein. Die Kosten des Vorhabens betragen rund eine Million Euro.

Gering ist der Anteil im Thüringer Wald, den der Forst weiterhin vor allem zur Holzgewinnung nutzen will. Eine Perle soll es mit dem Unesco-Biosphärenreservat Vessertal geben. In seiner Kernzone purzeln die Bäume bereits munter durcheinander, sodass der Urwald zu wachsen beginnt. Das WWF-Vorhaben ist aber noch nicht in trockenen Tüchern. "Es gibt weiteren Abstimmungsbedarf", sagt Elke Hellmuth, Vize-Leiterin des Reservats, etwa zu Wegen und dem Konzept der Umweltbildung. "Das ist ein ziemlich umfangreiches Vorhaben mit viel Detailarbeit."

Auch der Schweinaer Grund im Wartburgkreis, die Wälder und Schluchten um Eisenach und das Schwarzatal nördlich des Rennsteigs sollen als Urwald-Perlen ausgewiesen werden. In der Rhön wurde bisher kein Gebiet gefunden, laut WWF laufen aber die Gespräche mit den lokalen Verantwortlichen. In Nordthüringen werden in der Hainleite und der Hohen Schrecke, beides frühere Truppenübungsplätze, die neuen Urwälder wachsen.

Und zwar unter den Augen der Besucher. "Mit diesem Projekt wollen wir darstellen, wie die Urwälder von morgen entstehen", sagt WWF-Referent Jochen Schaub. Und betont: "Wir wollen die Leute nicht aussperren." In den Urwald-Perlen würden Rundwege und Mehr-Tages-Touren ausgewiesen, alles auf bestehenden Pfaden, schließlich soll die beginnende Wald-Anarchie nicht gestört werden. Ebenso werde auf Parkplätze und Nahverkehrs-Anbindung geachtet, es wird eine eigene App geben. In "Portalen" werde über Pflanzen und Tiere informiert. So über den seltenen Kardinalskäfer, einen kleinen Krabbler, der Kardinalsrot trägt. Der WWF hat ihn in der Hohen Schrecke entdeckt. Der Käfer soll Logo und Maskottchen der Thüringer Urwald-Perlen sein.

Verbunden werden die Perlen, von denen fünf feststehen und weitere sieben in der Planung sind, durch einen rund 500 Kilometer langen Wanderweg. Auch dieser wird nicht neu angelegt. Der WWF will vorhandene Wege nutzen, so den Lutherweg. Im Thüringer Wald wird es der Rennsteig sein. Wer sich also nach der Urwald-Perle Vessertal den Schweinaer Grund mit seinen uralten Bäumen anschauen möchte, kann dorthin über den Thüringer Höhenweg wandern.

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Eike Kellermann
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Veröffentlicht am:
07. 06. 2018
09:25 Uhr

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Eike Kellermann

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07. 06. 2018
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