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Thüringen

Studie: Thüringer stimmen oft Feinden der Demokratie zu

Die Demokratie als Staatsform stößt in Thüringen auf eine zunehmend große Zustimmung, zugleich nehmen antisemitische und rechtsextreme Positionen zu.



Wenige Wochen nach der Landtagswahl unterstreichen die Ergebnisse des aktuellen Thüringen Monitors, wie widersprüchlich die politische und gesellschaftliche Stimmung im Freistaat ist. So vertreten einerseits so viele Menschen in Thüringen wie noch nie seit Beginn dieser soziologischen Langzeitstudie die These, dass Demokratie „die beste aller Staatsideen“ sei. Insgesamt hätten 90 Prozent der repräsentativ Befragten dieser Aussage zugestimmt, heißt es in der Studie, die am Dienstag in Erfurt vorgestellt worden ist. In den vergangenen Jahren pendelte dieser Wert regelmäßig um die Marke von 80 Prozent herum, in den Jahren 2017 und 2018 hatte er bei 86 Prozent gelegen.

 
Gleichzeitig haben aber zahlreiche Thüringer auch alternative Gesellschaftsvorstellungen, die sich kaum mit demokratischen Grundüberzeugungen in Einklang bringen lassen. Beispielsweise gibt jeweils mehr als jeder vierte Befragte an, der Nationalsozialismus habe „auch seine guten Seiten“ gehabt beziehungsweise befürwortet eine „Rückkehr zur sozialistischen Ordnung“. Der Thüringen Monitor wird von der Landesregierung in Auftrag gegeben und misst seit 2000 die politische Einstellung der Menschen im Land.

In den Befragung für den aktuellen Thüringen Monitory

- stimmten 90 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass die Demokratie „die beste aller Staatsideen“ sei

- stimmten 26 Prozent der Befragten der Aussage zu, der Nationalsozialismus habe „auch seine guten Seiten“ gehabt

- befürworteten 27 Prozent der Befragten eine Rückkehr „zur sozialistischen Ordnung“

- schrieben 45 Prozent der Befragten der DDR „mehr gute als schlechte Seiten“ zu

- stimmten 16 Prozent der Befragten der Aussage „Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns“ zu

- gaben 56 Prozent der Befragten an, Deutschland sei, „durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maße überfremdet“

- stimmten 21 Prozent der Befragten der Aussage zu: „Im nationalen Interesse ist unter bestimmten Umständen eine Diktatur die bessere Staatsform.“

- erklärten 25 Prozent der Befragten, es gebe „wertvolles und unwertes Leben“

Die wissenschaftliche Leiterin des Thüringen Monitors, Marion Reiser, sagte, der überwiegende Teil der Menschen, die solchen Aussagen zustimmten, sehe darin keinen Widerspruch zu einem gleichzeitigen Bekenntnis zur Demokratie als bester Staatsidee. Eine mögliche Erklärung dafür sei, dass viele Menschen in Thüringen ein Demokratieverständnis hätten, das nicht universalistisch sei. Für sie gehörten Menschen aufgrund ihrer Abstammung zu einer bestimmten Demokratie – oder auch nicht. Nach den Vorstellungen des Grundgesetzes stehen die grundlegenden demokratischen Rechte in Deutschland dagegen jedem zu, der in der Bundesrepublik lebt; unabhängig davon, wo er herkommt. Reiser ist Professorin und Inhaberin des Lehrstuhls für das politisches System der Bundesrepublik Deutschland an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.
 
Mit der Zustimmung oder Ablehnung der Befragten zu bestimmten Aussagen messen die Forscher mit Hilfe des Thüringen Monitors, wie hoch der Anteil der Thüringer ist, die als rechtsextrem eingestellt gelten müssen. Nach der aktuellen Erhebung trifft dies auf 24 Prozent der Befragten zu. Im Jahr 2018 waren es 20 Prozent, im Vorjahr 19 Prozent gewesen. Ausweislich dessen habe es eine weitere „Enttaubisierung“ von rechtextremen Einstellungen in Thüringen gegeben, sagte Reiser.
 
Auffällig sei aber, dass der Anstieg bei rechtsextremen Einstellungen nicht alle Bevölkerungsgruppen in Thüringen gleichermaßen betreffe, sagte Reiser. Vor allem Menschen in einem mittleren Alter mit einem eher geringen Bildungsgrad, die in kleinen oder mittelgroßen Kommunen lebten, würden solche Einstellungen zunehmend teilen. Jüngere Menschen dagegen seien deutlich weniger anfällig für rechtsextreme Thesen.
 
Einen unmittelbaren Einfluss von Bildung und Einkommen darauf, dass Menschen rechtsextrem eingestellt seien, gebe es aber nicht, erklärte Reiser. Vielmehr sei die subjektive Sicht der Menschen auf ihre Lebenssituation und auf ihre Erwartungen an die eigene Zukunft entscheidend dafür, wie sie zu den entsprechenden Thesen stünden. Dass die Erfahrung von Menschen in einem mittleren Alter in den Nachwendejahren einen Einfluss darauf hätten, wie sie zu rechtsextremen Aussagen stünden, sei anzunehmen.
 
Eine Erklärung für das Ergebnis der Landtagswahl können die Daten aus dem Thüringen Monitor nach Einschätzung Reisers nur bedingt liefern. Bei der Wahl hatte keine der bisher in Deutschland üblichen Koalitionen eine parlamentarische Mehrheit erreicht: CDU und SPD hatten erneut deutlich Verluste hinnehmen müssen, während Linke und AfD Stimmgewinne erzielen konnten. Beide Parteien erhielten zusammen 54,4 Prozent der Zweitstimmen, die Linke davon 31 und die AfD 23,4 Prozent. Zwar würden die untersuchten politischen Einstellungen der Thüringer deren Wahlverhalten beeinflussen, doch einen direkten Zusammenhang zwischen den Einstellungen und dem Wahlverhalten hätten die Forscher nicht untersucht, sagte Reiser.

 

 

 

 

 
Autor

Von Sebastian Haak
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Veröffentlicht am:
03. 12. 2019
16:37 Uhr

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Von Sebastian Haak

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Veröffentlicht am:
03. 12. 2019
16:37 Uhr



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