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Thüringen

Studie: Kinderarmut und Überalterung werden zu Herausforderungen

Nach der Wende suchten viele junge Thüringer Arbeit im Westen. Laut Sozialforscher Helbig fehlt dem Freistaat deshalb die «demografische Mitte». In Zukunft werden weniger Junge mehr Alte versorgen müssen. Auch bei der Kinderarmut gab es in den vergangenen Jahren kaum Fortschritte.



Trotz Jahre guter Beschäftigung und steigender Löhne bleibt Kinderarmut in Thüringen ein Problem. Während die Arbeitslosenquote zwischen 2010 und 2017 deutlich sank, ging der Anteil von Kindern, die auf Leistungen zur Sicherung des Existenzminimums angewiesen sind, nur um einen Prozentpunkt zurück. Das geht aus einem Entwurf des zweiten Sozialstrukturatlas für Thüringen hervor, den Sozialministerin Heike Werner (Linke) und der Erfurter Sozialforscher Marcel Helbig am Montag vorstellten. Demnach erhielten im Jahr 2017 rund 38 400 Kinder unter 15 Jahren Leistungen zur Grundsicherung.

Diese Kinder machten 14,2 Prozent ihrer Altersgruppe aus. Der erste Sozialstrukturatlas für Thüringen wurde im Jahr 2011 vorgestellt.

«Trotz der ökonomisch sehr, sehr guten Entwicklungen, hat sich bei der Kinderarmut relativ wenig getan in den letzten Jahren», sagte Helbig, der Professor für «Bildung und soziale Ungleichheit» an der Universität Erfurt ist. Die Daten lieferten Hinweise, dass es vor allem Familien mit mehreren Kindern sind, die ein erhöhtes Armutsrisiko trügen.

Bundesweit lag der Anteil der Kinderarmut bei den Unter-15-Jährigen bei 14,7 Prozent. Helbig nannte vor allem die Ballung von Kinderarmut in bestimmten städtischen Gebieten - etwa in Teilen von Erfurt, Jena und Gera - als Herausforderung. In einigen Stadtteilen von Erfurt lag der Anteil der Kinderarmut bei 50 Prozent und mehr, wie aus den Daten hervorgeht. In Gera und Jena gibt es Quartiere, wo der Anteil zwischen 40 und 50 Prozent lag.

Bei der Altersarmut schneidet Thüringen den Daten nach sehr viel besser ab. Wird als Bemessungsgrundlage erneut der Bezug von Leistungen zur Grundsicherung herangezogen, lag der Anteil der Über-65-Jährigen, die Grundsicherung bezogen, nur bei etwa einem Prozent. Zum Vergleich: In Hamburg lag der Anteil bei etwa 8 Prozent, in Nordrhein-Westfalen bei 4 Prozent. Werner wies darauf hin, dass es ältere Menschen gibt, die Leistungen beziehen könnten, sie aber nicht in Anspruch nehmen, weil sie sich schämten.

«Es wird natürlich zu höheren Altersarmutsquoten in den nächsten Jahren kommen, weil sich da natürlich die Erwerbsbiografien der 90er Jahre und 2000er Jahre widerspiegeln werden», sagte Helbig. Damals war die Arbeitslosigkeit in den ostdeutschen Ländern sehr hoch. Der Wissenschaftler machte auch auf die Auswirkungen der Abwanderung in den beiden ersten Jahrzehnten nach der Wiedervereinigung aufmerksam. Viele junge Thüringer seien weggegangen, um in den westdeutschen Ländern Arbeit zu finden. «Es ist ein Großteil der demografischen Mitte abhandengekommen», sagte Helbig. So müssten immer weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter die Versorgungslasten der Älteren tragen. «Dieses Ungleichgewicht hat immer mehr zugenommen», sagte Helbig.

40,6 Menschen ab 65 Jahren mussten im Jahr 2017 statistisch gesehen von 100 Thüringern zwischen 15 und 65 Jahren versorgt werden. Laut Helbig liege der Freistaat damit deutlich über dem Wert für Deutschland. Dieser sogenannte Altenquotient werde laut Helbig bis zum Jahr 2030 auf in Thüringen 57,8 steigen. Dabei gehe die Schere zwischen Stadt und Land immer weiter auf. So seien in den Städten Erfurt, Weimar, Jena und teils umliegenden Gemeinden solche Entwicklungen nicht so stark ausgeprägt wie in den restlichen Landkreisen. dpa

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Veröffentlicht am:
09. 09. 2019
16:01 Uhr

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09. 09. 2019
16:01 Uhr



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