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Thüringen

Sie nimmt einen Anwalt - er ein Messer

Eine Ehe ist am Ende, aber der Mann will das nicht akzeptieren und greift zum Messer. Die Frau überlebt. Und hat sich im Prozess am Mittwoch eine deutlich höhere Strafe für ihren Mann gewünscht.



Meiningen - "Ich kann es nicht glauben", sagt der Mann, der auf der Anklagebank am Landgericht Meiningen sitzt, weil ihm die Staatsanwaltschaft versuchten Totschlag an seiner Ehefrau vorwirft. "Unser Leben ist ruiniert", sagt er. Schlägt die Hände vors Gesicht, heult. Vielleicht will er es nicht glauben? So, wie er nicht glauben wollte, dass seine Frau sich scheiden lassen will? "Ich hatte keinen Streit mit meiner Frau", sagt er. Ihre Miene sagt etwas anderes. Er aber erzählt fast verwundert, wie sie ihm erklärt habe, sie wolle nicht mehr mit ihm leben. "Ich war sicher, dass meine Frau sich nicht trennen wollte", sagt er. Das einzige Problem in der Ehe sei die Kinderlosigkeit gewesen. "Es war sein Problem", wird sie später sagen. Der Mann, 32 Jahre alt, beklagt in sehr vielen Worten, wie schlecht es ihm gehe. Dass er nicht essen und nicht schlafen könne, Schmerzen habe. Dass er leide.

Ein ähnliches Melodram muss sich auch an jenem Sonntag im Februar abgespielt haben, als die Frau dem Mann, den sie sehr jung geheiratet hatte, in der gemeinsamen Wohnung in Suhl eröffnete, sie werde am Montag einen Anwalt aufsuchen. Sie wolle sich scheiden lassen und auch die Scharade - glückliches Ehepaar, beide berufstätig, keine Sorgen - gegenüber der Familie beenden. "Ich konnte nicht mehr", sagt die Frau. Was sie von Schlägen und Aggressionen, ausgelöst von Kleinigkeiten, berichtet, sei, wird der Vorsitzende Richter später in der Urteilsbegründung sagen, "irgendwann für keinen mehr auszuhalten". Der Mann schnieft laut. Sie habe ihn, sagt die Frau, nicht aus der Wohnung geworfen - er sei nach ihrer Ankündigung gegangen, mit einer Decke, um draußen zu schlafen. Später habe sie den Betrunkenen hereingeholt und die Ambulanz gerufen, nachdem er gesagt habe, er sterbe jetzt.

Der Notfallsanitäter berichtet nicht von einem kranken Mann: "Ein blutverschmiertes Frauengesicht, ein Arm um ihren Hals; jemand versucht, die Tür zuzudrücken" - an der Frau, die er kurz darauf in die Arme genommen habe, habe er gesehen, was er in 20 Jahren im Beruf nur selten gesehen habe: "Todesangst". Messerstiche im Gesicht, im Hals - einer vier Zentimeter tief -, im Arm hatte die Frau. Und viel Glück. Weil, sagt die Rechtsmedizinerin, keine großen Gefäße getroffen worden seien - Halswunden seien sehr gefährlich, in diesem Fall aber sei die Lebensbedrohung nicht konkret gewesen. Und der Mann hat wohl, als die Frau versprach, nicht zum Anwalt zu gehen, von ihr abgelassen.

Just daran, mit einem Küchenmesser zugestochen zu haben, kann sich der Angeklagte nicht erinnern. "Ich mach’ die Augen auf und seh zwei Polizisten", sagt er. Jedes Detail aus dem Streit mit seiner Frau kann er wiedergeben, vom Angriff will er nichts mehr wissen - "ich schwöre". Man glaubt ihm nicht. Allerdings sei ihm, sagt auch die Staatsanwältin, der Tötungsvorsatz nicht nachzuweisen. Sie fordert drei Jahre und zwei Monate Haft; "fünf Jahre", will die aufgebrachte Ehefrau. Verurteilt wird der 32-Jährige wegen gefährlicher Körperverletzung und Nötigung zu zweieinhalb Jahren Gefängnis. m

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Veröffentlicht am:
20. 06. 2019
08:32 Uhr

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Veröffentlicht am:
20. 06. 2019
08:32 Uhr



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