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Thüringen

Ratlose Parteien: Wo sind all die Wähler hin?

Die einen sprechen vom "Schock" des Wahlergebnisses, andere sehen es als nur folgerichtig. Das macht die Suche nach Erklärungen aber auch nicht leichter.



Wählerwanderung am Beispiel der Verluste der CDU bei der Landtagswahl.
Wählerwanderung am Beispiel der Verluste der CDU bei der Landtagswahl.   Foto: Grafik: dpa » zu den Bildern

Am Tag danach werden gerne Superlative bemüht: Wohl keine Wahl in Thüringen war bisher so spannend - und ließ im Ergebnis die Parteien derart ratlos zurück wie in diesem Jahr. Und: Noch nie war der Einzug in den Landtag derart knapp wie die fünf Stimmen der FDP. Dabei wird gern auch ein Punkt übersehen, der für diese Wahl wichtig ist: Die Wahlbeteiligung von 64,9 Prozent. Vor fünf Jahren hatte sie im Land nur bei 52,7 Prozent gelegen - ein Indiz dafür, dass es dieses Mal aus Sicht der Wähler um sehr viel mehr ging.

Ganz überraschend ist das nicht: Schon vor der Wahl hatte sich die Polarisierung im Lande abgezeichnet und es war auch vorhergesagt worden, dass es in keiner der bislang denkbaren Konstellationen für eine Regierungsmehrheit reichen würde. Alles neu, alles passt nicht mehr zu den gängigen Klischees. Was aber auch kein Wunder ist, da mit der Linken und ihrem Spitzenkandidaten Bodo Ramelow ein Amtsinhaber als Ministerpräsident ins Rennen gegangen war, den es so bei früheren Wahlen auch nicht gegeben hatte.

Dementsprechend hat sich gezeigt, dass sich die Wahl sehr um Personen drehte, weniger um althergebrachtes Parteien- oder Lagerdenken. Schließlich hatte die Linke in ihrem Wahlkampf voll auf Ramelow gesetzt. Erste Großplakate im Wahlkampf waren sogar ohne das Parteilogo ausgekommen. Und Ramelow ging voll in der Rolle als "Landesvater" auf.

Die Analysen der Wahlforschungs-Institute zeigen denn auch eine recht interessante Wählerwanderung auf, wie aus der Grafik oben hervorgeht: Die Verluste der CDU speisen nicht nur die Zuwächse der AfD, sondern auch an zweiter Stelle die Zuwächse der Linken. Das Schreckgespenst "Rote Socken", das in den 90er Jahren vonseiten der CDU in Thüringen gern bedient wurde, scheint also aus Sicht der Wähler inzwischen ausgedient zu haben. Innerhalb der Christdemokraten tut man sich da offenbar noch um einiges schwerer, wie die aktuellen Debatten um Gespräche zwischen CDU-Spitzenkandidat Mike Mohring und Bodo Ramelow zeigen.

Viel mehr Stimmen

Dabei mutet die Zahl von rund 23.000 (Zweit-)Stimmen, die im Saldo von der CDU zur Linken gewechselt sind, noch vergleichsweise gering an. Es sind natürlich Wähler aus unterschiedlichsten Quellen, die die Linke mobilisieren konnte. Denn angesichts der höheren Wahlbeteiligung machen höhere Stimmenanteile ein noch viel deutlicheres Plus bei den absoluten Zahlen aus: Stimmten vor fünf Jahren rund 265.000 Wählerinnen und Wähler für die Linke, waren es jetzt fast 344.000 - ein Plus von insgesamt fast 79.000 Stimmen.

Noch deutlicher zeigt sich dieser Effekt bei den absoluten Stimmen-Zahlen der AfD. Von den Prozent-Anteilen hat sie ihr Ergebnis im Vergleich zu 2014 etwas mehr als verdoppelt. Die Zahl der rund 99.500 Stimmen 2014 wuchs demgegenüber um fast 160.000 auf rund 259.000. Davon kommt nach den Erhebungen der Wahlforscher etwa die Hälfte (78.000) aus dem Lager der Nichtwähler.

Die Entscheidung der Wähler gerade für die AfD wird häufig mit Protest begründet. Dies scheint nicht so ganz dazu zu passen, dass sich laut Wanderungs-Analyse 36 000 ehemalige CDU-Wähler der Partei von Björn Höcke zugewandt haben. Schließlich war ja auch die CDU in der zu Ende gegangenen Wahlperiode Oppositionspartei. Allerdings ist dabei natürlich auch denkbar, dass sich der Protest in diesem Fall gegen die Bundespolitik und damit gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel richtet. Doch die Ergebnisse deuten schon darauf hin, dass die Wähler durchaus zwischen Bund und Land zu unterscheiden wissen.

Erfolge der anderen

Unter dem Strich steht damit hauptsächlich eine Erkenntnis: Die These, dass eine niedrige Wahlbeteiligung die Kräfte am politischen Rand stärkt und dass sie bei einer hohen Wahlbeteiligung verlieren, lässt sich mit dem aktuellen Thüringer Wahlergebnis nicht bestätigen. Und: Der Bundestrend kann, aber muss nicht in Thüringen wirken. - Was allenfalls den Parteien bei der Interpretation des Wahlergebnisses hilft. Beispiel SPD: Es war absehbar, dass die Sozialdemokraten angesichts ihrer Personalmisere beim Bundesvorsitz nicht rosig abschneiden würden - der Ausgang der Mitgliederbefragung in der ersten Runde ging am Wochenende im Thüringer Wahltrubel geradezu unter. Klassischerweise hat es ein Koalitionspartner ja sowieso schwer, politische Erfolge als seine zu verkaufen. In Thüringen profitierte halt Ramelows Linke von Rot-Rot-Grün.

Ganz ähnlich sieht das nämlich auch bei den Grünen aus. Sie haben bei den Prozenten 0,5 Punkte im Vergleich zu 2014 eingebüßt. Bei den absoluten Stimmen bedeutet das aber ein Plus von gut 4000 Stimmen auf knapp 57 500. Der "Habeck-Effekt" nach dem angeblich bei den Frauen so gefragten Bundesvorsitzenden, der bei früheren Wahlen auch in Sachsen und Brandenburg sichtbar geworden war, scheint sich in Thüringen nahezu verflüchtigt zu haben. Schließlich waren die Grünen in den Umfragen deutlich höher gehandelt worden als sie schließlich mit dem Wahlergebnis ins Ziel einliefen. Der Amtsbonus der rot-rot-grünen Landesregierung landete wie gesagt fast ausschließlich bei der Linken.

Das wirft denn auch die Frage nach einem taktischen Wählen der Thüringer auf. Die Idee, statt der Linken eher SPD oder Grüne zu wählen, um das bisherige Regierungsbündnis zu stärken, war anscheinend nicht so recht verbreitet. Dann lieber gleich für das Original stimmen. Angesichts der Grünen, die im Laufe der Auszählung am Sonntagabend zeitweise unter der Fünf-Prozent-Marke rangierten, hätte das auch richtig ins Auge gehen können. Dabei wäre doch zu vermuten gewesen, dass Greta Thunberg und die Klimaschützer die Grünen viel deutlicher pushen würden.

Auf der anderen Seite dürfte es gerade die Taktik-Denke vieler Wähler gewesen sein, die der FDP den Weg zurück in den Landtag geebnet hat. Hatten die Liberalen doch auch gezielt mit dem Spruch "Zünglein an der Waage" geworben - in der Aussicht auf eine Koalition vielleicht von CDU, SPD und Grünen (Farb-Modell "Kenia"), falls es für Rot-Rot-Grün nicht reicht. "Kenia" hätte auf die Unterstützung der FDP (Farb-Modell "Simbabwe") angewiesen sein können - doch das Abschneiden von CDU, SPD und Grünen hat gezeigt, dass es hier um eine Gleichung mit drei Unbekannten ging. Da versagt am Ende jede noch so gekonnte Koalitions-Arithmetik.

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Jens Wenzel

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Veröffentlicht am:
29. 10. 2019
07:55 Uhr

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Jens Wenzel

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29. 10. 2019
07:55 Uhr



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