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Thüringen

Mit Zollstock und Klemmbrett dem Wolf auf der Spur

Sie sind quasi die Gerichtsmediziner für das Tierreich: Rissgutachter sollen klären, ob und welche Tiere für den Tod von Schafen, Ziegen und Co. verantwortlich sind. Von ihrem Urteil hängt viel ab.



Rissgutachter untersuchen an unterschiedlichen Spuren, ob Schafe, Ziegen oder andere Tiere tatsächlich von einem Wolf getötet wurden. Foto: Jörg Carstensen/dpa
Rissgutachter untersuchen an unterschiedlichen Spuren, ob Schafe, Ziegen oder andere Tiere tatsächlich von einem Wolf getötet wurden. Foto: Jörg Carstensen/dpa  

Weimar - Mit Zollstock und Klemmbrett steht die Gruppe angehender Rissgutachter versammelt um ein Häufchen auf einer Wiese. "Haare und Knochen der Beutetiere sind zu erkennen - das sieht nach Wildschwein aus", sagt Helen Mößlinger. Das Kothäufchen, dessen Duft an diesem heißen Sommertag besonders kräftig um die Nasen weht, lässt sich damit sehr wahrscheinlich einem Wolf zuordnen. Ohne mit der Wimper zu zucken, erklärt Mößlinger dann weiter, wie von dem zuvor zum Zwecke der Schulung abgelegten Häufchen eine fürs Labor verwendbare Probe zu nehmen ist.

Gemeinsam mit Gesa Kluth leitet Mößlinger die Fortbildung zum Rissgutachter bei der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie in Weimar. Kluth zählt zu Deutschlands bekanntesten Wolfsexpertinnen. Sie ist Mitgründerin des LUPUS Instituts in Sachsen, mit dem nicht nur die Thüringer Landesregierung in Sachen Wolf zusammenarbeitet.

Rissgutachter rücken aus, wenn ihnen ein Verdacht gemeldet wird, dass ein Weide- oder auch ein Wildtier von einem Wolf getötet wurde. Für Züchter und Halter sind die Beurteilungen der Rissgutachter entscheidend. Kommen diese zum Schluss, dass tatsächlich ein Wolf das Tier tötete, erhalten die Besitzer nämlich Entschädigung vom Land.

Um ein belastbares Urteil zu fällen, müssen die Gutachter vieles beachten - längst nicht nur mögliche Häufchen in "Tatortnähe", die ohnehin eine Seltenheit sind. Die zwölf Rissgutachter in spe erfahren bei der Fortbildung, dass Wölfe gerne den Pansen erbeuteter Wiederkäuer liegen lassen. Dafür aber den restlichen Kadaver gerne verschleppen, um ihn in Deckung zu verspeisen.

"Je blutiger ein Riss von außen aussieht, desto wahrscheinlicher ist es, dass es kein Wolf war", sagt Kluth. Zwar beißen Wölfe nach Kluths Angaben häufig derart kräftig zu, dass sie den Kehlkopf ihrer Beute zerdrücken. "Aber sie richten üblicherweise kein riesiges Blutbad an. Sie töten die Tiere ja nicht, weil sie wütend, sondern weil sie hungrig sind."

Die Begegnung mit einer Herde Beutetiere sei aber eben kein Normalfall für den Wolf. "In der Wildnis jagt der Wolf einzelnen Rehen nach und beißt gezielt zu, um möglichst effektiv zu töten", erklärt Kluth. Schafe hingegen flüchteten nicht wie Rehe. Der Wolf merke, dass er leichtes Spiel hat, beiße öfter und untypischer zu.

"Wenn sich Wölfe also ein paar Mal an der gleichen Stelle den Magen vollschlagen können, dann lernen sie daraus und kommen wieder." Schafe hätten so keine Chance. "Deshalb müssen wir sie schützen", sagt Kluth und verweist auf Schutzzäune und Herdenschutzhunde.

Rissgutachter gibt es in ganz Deutschland. Jedoch geht jedes Bundesland unterschiedlich mit ihnen um. "Manche haben einige wenige hauptamtliche Rissgutachter, andere setzen auf ehrenamtliche", sagt Kluth. Die Fortbildungsteilnehmer in Thüringen sind Veterinäre, Forstamtsmitarbeiter oder Wanderparkführer und sollen die Aufgabe ehrenamtlich übernehmen. Sie erhalten eine Aufwandsentschädigung.

Mehr als 80 Schafe und Ziegen sind laut Landesanstalt für Umwelt und Geologie im vergangenen Jahr in Thüringen von einem Wolf getötet oder infolge eines Wolfsangriffs gestorben. Zum Ausgleich zahlte das Land im vergangenen Jahr rund 9000 Euro und etwa 6000 Euro im laufenden Jahr an die Besitzer. Für Präventionsmaßnahmen wie Schutzzäune wurden im vergangenen Jahr rund 6700 Euro bewilligt. Für dieses Jahr stehen 10 100 Euro zur Verfügung, komplett genutzt wurden die Gelder noch nicht.

Ein Großteil der Risse lässt sich wohl auf einen einzigen Wolf zurückführen, genauer gesagt - auf eine Wölfin. Sie ist bisher der einzige nachgewiesene Wolf mit festem Revier in Thüringen. Das Zuhause des Tiers liegt auf dem Truppenübungsplatz in Ohrdruf. Die Wölfin zeugte im vergangenen Jahr wohl in Ermangelung eines Artgenossen mit einem Haushund Nachwuchs.

Um als "Alleinerziehende" möglichst effizient für ihren Sechserwurf zu sorgen, gehen Experten davon aus, dass die Wölfin eher als sonst ihre Beute unter Nutztieren suchte. Risse außerhalb des Ohrdrufer Gebiets gehen bislang wohl auf die Kappe von wandernden Tieren.

Mit den neuen Rissgutachtern solle ein Netzwerk für ganz Thüringen entstehen, heißt es im Umweltministerium. "Die Gutachter sind dann schneller vor Ort, weil ihre Wege kürzer sind", sagt Tom Wetzling, Ministeriumssprecher. Schnelligkeit ist gefragt, nicht nur damit die Halter zu ihrem Geld kommen, sondern damit im Zweifelsfall auch noch gute DNA-Proben entnommen werden können, bevor diese durch andere Einflüsse - Aasfresser etwa - verfälscht werden. Die DNA-Analyse bringt zwar meistens ein eindeutiges Ergebnis. Aber sie kostet zusätzlich Geld. Im günstigsten Fall 50 Euro, sagt Kluth. Aber es kann auch sehr viel teurer werden.

Die Analysen seien aber nicht nur in Zweifelsfällen nützlich, sondern auch für die Überwachung sinnvoll, heißt es im Ministerium. Schließlich lasse sich so etwa klären, ob immer wieder derselbe Wolf für Risse in einer bestimmten Region verantwortlich ist. Solches Wissen sei für die Festlegung offizieller Wolfsgebiete entscheidend.

Diese Festlegungen wiederum sind wichtig für Viehhalter. Denn innerhalb der anerkannten Areale erhalten sie Fördergeld für Präventionsmaßnahmen wie die Anschaffung von Zäunen oder Herdenschutzhunden. Um dann später in einem Rissfall Entschädigung zu erhalten, müssen die Tierhalter nachweisen, dass sie Schutzmaßnahmen getroffen hatten.

Bei ihren Einsätzen vor Ort geht es für die Rissgutachter aber längst nicht allein darum, wissenschaftlich sauber zu arbeiten. Sie müssten auch lernen, mit aufgebrachten Besitzern gerissener Tiere und ganzen Menschenmengen umzugehen, sagt Kluth. "Auch wenn die Halter vielleicht einmal ausfällig werden - man sollte sich nicht zu voreiligen Stellungnahmen hinreißen lassen."

Denn Tücken bei der Suche nach dem Übeltäter gibt es zur Genüge: "Weil ein Tier angefressen ist, glauben die Leute, dass es ein Wolf getötet hat, aber ein Kalb kann etwa an einer Lungenentzündung gestorben sein, und dann erst hat es sich vielleicht ein großer Beutegreifer geschnappt", so Kluth.

Auch Hunde können Schafe töten. Sie sind meist aber nicht so routiniert und schütteln die Beute, was der Wolf nicht tue, wie Kluth erklärt. "Ein halbes Lamm deutet in der Regel auf einen Fuchs hin, der trennt gerne den Kopf ab, weil ihm das ganze Tier zu schwer ist."

Die teils mühevolle Puzzelarbeit schreckt die werdenden Rissgutachter derweil nicht ab. "Über kurz oder lang wird es mehr Wölfe geben, als Rissgutachterin kann ich dann helfen, wilden Spekulationen den Wind aus den Segeln zu nehmen", sagt etwa Naturführerin Elisabeth Kätsch.

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Marie Frech
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Veröffentlicht am:
21. 08. 2018
12:00 Uhr

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Marie Frech

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21. 08. 2018
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