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Thüringen

In dieser Wohnung sind auch die Nachbarn willkommen

In Weimar ist eine Wohnung so umgebaut worden, dass dort nicht nur Menschen leben, sondern sich auch deren Nachbarn willkommen fühlen können. Bald ziehen die ersten Bewohner ein. Und mit ihnen große Erwartungen.



Marco Reusch wagt ein Experiment: Privater Wohnraum soll mit nachbarschaftlichem Leben verbunden werden.
Marco Reusch wagt ein Experiment: Privater Wohnraum soll mit nachbarschaftlichem Leben verbunden werden.   » zu den Bildern

Weimar - Weil die Wände bislang in keinem der Zimmer tapeziert sind und auch die Wasseranschlüsse in Küche und Bad noch freiliegen, lässt sich derzeit nur erahnen, wie diese Wohnung wirklich aussehen wird, wenn Marco Reusch hier in etwa einem Vierteljahr einziehen wird. Immerhin sind die vielen Wanddurchbrüche schon gemacht worden, die davon erzählen, dass diese Wohnung in Weimar etwas Besonderes ist. Reusch und die Frau, die mit ihm einziehen wird, werden sich künftig von Zimmer zu Zimmer bewegen können, ohne den Umweg über den Flur gehen zu müssen. Diese Wohnung soll offener sein als vergleichbare Immobilien. Sie soll gemeinschaftlicher nutzbar sein. Nicht nur von Reusch und der Frau. Sondern auch von ihren Nachbarn.

Der 26-jährige Architektur-Student hat sich bereits überlegt, wie er das mit der Gemeinschaft anstellen will; nun, da die Wohnung zumindest baulich so eingerichtet worden ist, dass sie anders genutzt werden kann als eine gewöhnliche Wohnung. Zunächst einmal, sagt er, wollten die neuen Bewohner ihre Nachbarn bei einem Glas Wein oder Kaffee und Kuchen näher kennenlernen. Den soll es in der Wohnung geben, in der noch die Metallschienen sichtbar sind, mit deren Hilfe die Decken abgehängt werden. Oder im Gemeinschaftsgarten des Hauses, der bislang nur selten genutzt wird. Zu diesem Garten wird es in Zukunft einen Zugang direkt von der Küche von Reuschs Wohnung aus geben. Auch diese Tür ist neu in die Außenwand des Hauses geschnitten worden. Vorher war hier nur ein Fenster.

Und haben die Neuen im Haus die Nachbarn erst einmal kennengelernt, soll gemeinsam gekocht und getanzt werden. Und geteilt. "Vielleicht muss bei der Nachbarin die Sockelleiste festgeschraubt werden und ich habe den Akkuschrauber dazu", sagt Reusch. "Sie hat dafür die Gugelhupf-Form, die ich nicht habe."

Der Umbau der Wohnung und die Pläne, die Reusch nun hat, sind Teil eines von der Bauhaus-Universität begleiteten Projektes, mit dem unter anderem das Thüringer Infrastrukturministerium, die Aufbaubank des Landes und das kommunale Wohnungsunternehmen der Stadt - die Weimarer Wohnstätte - ausprobieren wollen, wie Wohnen in der Zukunft aussehen könnte. Ein Wohnen, bei dem zumindest manche Wohnungen deutlich gemeinschaftlicher genutzt werden sollen als bisher üblich. Ein Wohnen, bei dem Nachbarschaft wieder deutlich mehr zählen soll, als das derzeit vielerorts der Fall ist.

Schon seit 2017 wird an diesem Projekt - das den Titel "Drei Zimmer, Küche, Diele, Bad", kurz: #3ZKDB - gearbeitet, bei dem die Aufbaubank vor allem das Geld dafür bereit gestellt hat, dass die 85 Quadratmeter große Wohnung umfassend saniert und eben auch umgebaut werden kann. Was nicht ganz günstig ist.
Für gewöhnlich sagt, der Geschäftsführer der Wohnstätte, Udo Carstens, investiere das Unternehmen in die Modernisierung einer solchen Wohnung etwa 15 000 bis 20 000 Euro. In diese Projektwohnung sei etwas das Drei- bis Vierfache gesteckt worden.

Das aus einer Vielzahl von Gründen: Zum einen wurde die Wohnung über etwa fünf Jahrzehnte hinweg von einer zuletzt über 90 Jahre alten Frau bewohnt, weshalb es dort einen erheblichen Sanierungsstau gab. Zum anderen muss wegen der vielen Wanddurchbrüche der Fußboden komplett neu gemacht werden. Außerdem kostet die Umsetzung von Pilotprojekten immer mehr als das Umsetzen von Schema F. Auch werden nun unter anderem ein großer Wandschrank und zumindest teilweise eine Küche fest in die Wohnung verbaut. Letzteres wegen der Nachhaltigkeit. "Warum", fragt Barbara Schönig, "muss jeder immer seine eigene Küche kaufen?" In Zeiten, in denen Menschen sehr mobil sind und häufiger umziehen, sei das eine Verschwendung von Geld und anderen Ressourcen. Schönig ist Professorin für Stadtplanung an der Bauhaus-Universität und eine der wissenschaftlichen Begleiterinnen des Vorhabens.

Über den Erfolg oder Misserfolg dieses Projekts wird maßgeblich entscheiden, ob die Nachbarn von Reusch das Angebot annehmen, in diese Projektwohnung zu kommen, sich tatsächlich als Gemeinschaft zu verstehen. Bislang, erzählt Schönig, hätten sich die Nachbarn - Paare, Familien, Alleinstehende - sehr offen dafür gezeigt. Sie wüssten, was mit der Wohnung im Erdgeschosse passiere, wer da mit welcher Motivation einziehe. Umso spannender wird es nun sein, die Reaktionen der Nachbarn zu beobachten, weil ein Kollege von Schönig - der Weimarer Stadtsoziologe Frank Eckardt - auf einer Veranstaltung erst jüngst erklärt hatte, viele Deutsche wollten heute gar keine engen nachbarschaftlichen Beziehungen mehr. Sie wollten ihre Nachbarn grüßen. Sonst aber nichts. Schönig sagt, sie glaube das nicht. Eine alleinerziehende Mutter zum Beispiel sei sicher dankbar, wenn sie ihre Kinder bei einem Nachbarn lassen könne, "wenn sie mal schnell weg muss". "Aber vielleicht traut sie sich gar nicht zu fragen", sagt Schönig.

Reusch wiederum sagt, auch aus "persönlichem Idealismus" heraus glaube er, dass die Nachbarn die Angebote annehmen würden, die mit dieser Wohnung gemacht werden sollen. "Sicher nicht alle, aber manche schon." Ab etwa Mitte 2020 wird sich zeigen, ob das stimmt.

Autor
Sebastian Haak

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Veröffentlicht am:
11. 07. 2019
13:32 Uhr

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Sebastian Haak

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11. 07. 2019
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