Topthemen: Der NSU-ProzessMobilität und EnergieGebietsreformFußball-Tabellen

Thüringen

Grünes Band am einstigen Todesstreifen Vorbild für Südkorea?

Aus dem Todesstreifen, der bis 1989 Deutschland teilte, wurde ein Rückzugsgebiet für seltene Tiere und Pflanzen. Das Grüne Band, das Thüringen jetzt zum Naturmonument erklären will, weckt Interesse in einem noch geteilten Land.



Delegation aus Südkorea besichtigt Grünes Band
Thüringen, Ifta: Jae Kyong Chun vom National Nature Trust aus Südkorea besichtigt im Wartburgkreis das Grüne Band auf der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Die Delegation aus Südkorea informiert sich in Thüringen, wie ein Todesstreifen zu einem Schutzgebiet für Pflanzen und Tiere wurde. Die derzeitig entmilitarisierte Zone zwischen Nord- und Südkorea ist 248 Kilometer lang und ungefähr vier Kilometer breit. Thüringens Grünes Band hat eine Lange von 763 Kilometern, von insgesamt 1400 Kilometern in Deutschland.   Foto: Martin Schutt, dpa

Eisenach/Seoul  - «Ich wollte das selbst sehen», sagt Chun Jae Kyong. Der Südkoreaner steht an einem sonnigen Oktobertag im thüringischen Ifta auf dem Kolonnenweg, wo bis 1989 DDR-Militärfahrzeuge an der innerdeutschen Grenze patrouillierten. Chun vom staatlich geförderten südkoreanischen National Nature Trust hat zusammen mit der Umweltexpertin Hwang Eun Ju Tausende Kilometer zurückgelegt, um ein Gebiet zu sehen, von dem er nach eigenem Bekunden schon viel gelesen hat: das Grüne Band. Ein Naturrefugium durch Deutschland, zu dem sich der einstige Todesstreifen 29 Jahre nach dem Mauerfall entwickelt hat.

 

Eingeladen zu dem Spaziergang auf dem verwitterten Betonweg durch recht wilde Natur mit bunt gefärbten Blättern hat die Südkoreaner Thüringens Umweltministerin Anja Siegesmund (Grüne). Sie will das Grüne Band per Gesetz als Naturmonument schützen. Immerhin sei es in Thüringen 763 Kilometer lang - etwa die Hälfte der Gesamtlänge durch Deutschland und etwa drei Mal so lang wie die Grenze zwischen Nord- und Südkorea mit knapp 250 Kilometern.

Das Gesetz habe zwei Ziele: die Perlenkette verschiedener Biotope zu erhalten und gleichzeitig einen erlebbaren Erinnerungsort an die deutsche Teilung zu bewahren. Als Siegesmund hörte, dass zur Europäischen Grüne-Band Konferenz, die noch bis Freitag auf der Wartburg bei Eisenach läuft, auch Vertreter aus dem geteilten Korea kommen, war für sie klar: «Die musst du treffen.»

Bei dem Spaziergang an dem geschichtsträchtigen Ort nahe der Landesgrenzen von Thüringen und Hessen wird viel diskutiert. Chun stellt immer wieder Fragen: Wem gehören die Flächen am Grünen Band? Wer hat sie gekauft? Sieht der Kolonnenweg überall so aus? Gibt es Lücken im Grünen Band? Was steht in dem Thüringer Gesetz das der Landtag möglicherweise im November nach mehr als einjähriger Debatte beschließt?

Auf der koreanischen Halbinsel zieht sich die demilitarisierte Zone (DMZ), von der Hwang spricht, ebenfalls wie ein grünes Band zwischen dem südlichen und nördlichen Teil entlang. Naturschützer schätzen die vier Kilometer breite Pufferzone als üppiges, naturnahes Ökosystem. Es ist fast unberührt von Menschen, eine Art Niemandsland. Doch die Reihen von übermannshohen Elektrozäunen, Stacheldraht und Gräben genau an der Demarkationslinie zwischen Süd- und Nordkorea, die zahlreichen Beobachtungsposten und patrouillierenden Soldaten erinnern daran, dass sich hier die am stärksten gesicherte Grenze der Welt befindet.

Ingrid Werres von der Thüringer Stiftung Naturschutz erzählt, dass das Land von der Bundesregierung 4000 Hektar Land im und am Grünen Band erhielt. Aber es seien auch Flächen in Privatbesitz. Chun berichtet, dass in der DMZ etwa 40 Prozent der Flächen in privater Hand seien. «Das ist ja wie bei uns», stellt Siegesmund fest. Sie ermuntert ihre Gäste, so viel wie möglich zu erwerben. «Wer die Flächen hat, kann Naturschutz betreiben.»

In Südkorea solle ein Programm zum Flächenerwerb starten, sagt Hwang. Dafür würden auch Spenden gesammelt. Ein Gesetz sichere, dass die vom Trust gekauften Flächen nur dem Naturschutz dienen. Aber die Preise seien in kurzer Zeit gestiegen. Auf Fragen, wie sich Nordkorea verhalte, antwortet sie ausweichend: «Es gibt keinen direkten Kontakte.»

Doch immerhin beschlossen Süd- und Nordkorea bei ihrem Gipfeltreffen im April 2018, die militärischen Feindseligkeiten «im Konfrontationsgebiet inklusive der DMZ» hinter sich zu lassen. An einigen Stellen wurde sogar mit der Räumung von Landminen begonnen.

Die Südkoreaner wollen in Thüringen nicht nur wissen, was gut läuft. Sie wollen auch aus Fehlern lernen, die das wiedervereinigte Deutschland beim Naturschutz beging. Vielleicht wäre es besser gewesen, den Grenzstreifen gleich als Nationalpark, oder - wie in Thüringen geplant - als Naturmonument auszuweisen, meint Chun.

Als dann alle am ehemaligen Grenzwachturm stehen, äußert die koreanische Umweltexpertin Hwang ihre Hoffnung, dass die Wiedervereinigung von Süd- und Nordkorea kommt. «Aber noch stehen viele Soldaten auf beiden Seiten.» Siegesmund versucht es mit Zuversicht: «In der DDR hat auch die Umweltbewegung zur friedlichen Revolution beigetragen.»

 

Veröffentlicht am:
18. 10. 2018
11:37 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Anja Siegesmund Gesetz Nature Naturschutz Personen aus Südkorea Pflanzen und Pflanzenwelt Tiere und Tierwelt
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Grünes Band

08.11.2018

Opposition beklagt Tricks und Täuschungen beim Grünen Band

Umweltministerin Anja Siegesmund will das Grüne Band komplett unter Schutz stellen. Das Gesetz soll am Freitag im Landtag beschlossen werden. Doch der Widerstand ist immer noch groß. » mehr

Der Schweinaer Grund wird sich selbst überlassen. Foto: Thomas Stephan/WWF

07.06.2018

Thüringer "Urwald-Perlen" auf 500 Kilometern erwandern

Urwälder gibt es schon lange nicht mehr. In Thüringen aber sollen sie neu entstehen. Diese "Urwald-Perlen" wird ein 500 Kilometer langer Wanderweg verbinden. » mehr

Das Grüne Band an der Landesgrenze zwischen Thüringen und Hessen im Juni vor fünf Jahren. Es soll "Nationales Naturmonument" werden. Foto: Wenzel-Orf/epd

10.06.2018

Keine Entschädigung im Grünen Band

Das Grüne Band soll in Thüringen unter Naturschutz gestellt werden. Ein Gutachten kommt zu dem Schluss, dass dafür Eingriffe ins Eigentum möglich sind - ohne Entschädigung. » mehr

Am Grünen Band bei Milz. Hier bewirtschaften heimische Landwirte die Flächen und wollen das auch weiter tun - aber ohne neue Auflagen und Verbote, sagen sie. Genau diese befürchten sie aber, wird aus dem Grünen Band ein Naturmonument. Fotos: Schunk

22.05.2018

"Oft ist alles anders als versprochen"

Über das Pro und Contra zum Nationalen Naturmonument Grünes Band wird heiß diskutiert. Landwirte, Waldbauern und Kommunen trauen dem Gesetzentwurf nicht. Sie befürchten gravierende Einschnitte. » mehr

Der Gipskarst am Winkelberg bei Ellrich (Südharz) sorgt für eine besondere Naturlandschaft. Mit der will man jetzt intensiver um Gäste werben. Foto: dpa

04.05.2018

Naturschutz soll im Norden den Tourismus ankurbeln

Nicht nur Thüringer Wald und Rhön werben um Urlauber, auch andere Regionen wollen mehr Gäste anziehen. Das Image von unberührter Natur soll so künftig auch im Norden ziehen. » mehr

Wolf-Mischlinge

Aktualisiert am 27.03.2018

Nach Abschuss von drei Wolf-Hund-Hybriden geht Jagd weiter

Drei der umstrittenen Wolf-Hund-Mischlinge auf dem Truppenübungsplatz in Ohrdruf sind erschossen worden. Einem weiteren Mischling könnte ein Zug zum Verhängnis geworden sein. Das die restlichen Tiere noch lebend gefangen... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Coca-Cola-Weihnachtstrucks in Meiningen Meiningen

Weihnachtstrucks in Meiningen | 11.12.2018 Meiningen
» 24 Bilder ansehen

Unfall auf dem Autobahnzubringer bei Eisfeld Eisfeld

Unfall auf dem Autobahnzubringer bei Eisfeld | 11.12.2018 Eisfeld
» 9 Bilder ansehen

Pressekonferenz zum Polizeieinsatz in Georgenzell Georgenzell

Tödliche Schüsse in Georgenzell | 10.12.2018 Georgenzell
» 24 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
18. 10. 2018
11:37 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".