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Thüringen

"Geschichten gibt es noch mehr als genug"

An neun Abenden fuhr die Rennsteigbahn in den vergangenen zwei Wochen als Theaterzug für die Inszenierung "Spitzkehre" von Ilmenau hinauf zum Bahnhof Rennsteig.



Abfahrt an der Spitzkehre: Theaterchef Jens-Erwin Siemssen würde im kommenden Jahr gerne wiederkommen und den Südhang der Rennsteigbahn bespielen. Der ozeanblaue Zug bleibt wohl noch einige Wochen am Bahnhof Rennsteig stehen, nach einem Abstecher nach Frankreich möchte die Truppe hier proben. Fotos: ari
Abfahrt an der Spitzkehre: Theaterchef Jens-Erwin Siemssen würde im kommenden Jahr gerne wiederkommen und den Südhang der Rennsteigbahn bespielen. Der ozeanblaue Zug bleibt wohl noch einige Wochen am Bahnhof Rennsteig stehen, nach einem Abstecher nach Frankreich möchte die Truppe hier proben. Fotos: ari   » zu den Bildern

Ein Gespräch mit Jens-Erwin Siemssen, Eigentümer und Regisseur des Eisenbahn-Theaters "Das letzte Kleinod", über die vielen Gespräche, mit denen sein Team und er sich der Heimatgeschichte des Thüringer Walds angenähert haben. Und warum er im kommenden Jahr gerne wieder auf der Rennsteigbahn gastieren würde.

Der Theaterzug

Am historischen Bahnhof von Geestenseth sind die zehn Eisenbahnwagen des Theaters "Das Letzte Kleinod" stationiert. Mit dem ozeanblauen Zug spielt die Künstlergruppe Theaterprojekte auf dem Schienenweg. Der 130 Meter lange Zug wurde kürzlich aufwendig saniert und hat die Zulassung, um auf dem öffentlichen Schienennetz bewegt zu werden. In vier Schlafwagen können bis zu 17 Mitwirkende in Einzelkabinen wohnen. In einer modernen Großküche können 120 Personen am Tag versorgt werden. Im Zug gibt es außerdem ein Theaterstudio, ein Büro, Werkstätten und einen Güterwaggon für Theatertechnik.

 

 

 

Herr Siemssen, die "Spitzkehre" hat den Zielbahnhof erreicht. Wie fällt Ihr Fazit nach neun Vorstellungen aus?

Großartig. Ich hätte damit nicht gerechnet, auch vor drei Wochen noch nicht, als wir mit der Werbung so richtig in die Öffentlichkeit gingen, aber wir waren wirklich an jedem Abend ausverkauft, haben Abend für Abend vor 78 Zuschauern gespielt und mehr geht mit dem Zug nun einmal nicht. Das freut mich umso mehr, weil das Projekt "Spitzkehre" ein sehr spontanes war, das mit Geflüchteten arbeitete, mit lokalen Akteuren vor Ort und mit Geschichten, die sich immer noch weiter entwickelt haben. Wir konnten also nicht zwei Jahre im Voraus planen, wir konnten nur planen, dass wir die "Spitzkehre" machen, doch wie genau sie aussieht, das hat sich wirklich erst in den letzten Wochen vor der Premiere ergeben.

 

Sie tauchen tief ein in die Heimatgeschichte und in die Befindlichkeiten der Region. Wie haben Sie sich dem angenähert?

Dass wir Theater auf einer Eisenbahnstrecke spielen ist ja durch ein Förderprogramm des Bundesministeriums für Landwirtschaft entstanden. Das Programm hat uns Mittel gewährt für ein Kulturprojekt im ländlichen Raum, mit unserem Zug und einem Museumsbahnverein. Das ganze sollte eigentlich in Niedersachsen, also in der Nähe unseres Heimatbahnhofs stattfinden. Doch dort kam man einfach nicht in die Pötte. Außerdem waren wir zu diesem Zeitpunkt ohnehin mehr im Osten Deutschlands unterwegs und so kam der Kontakt zur Rennsteigbahn. Im vergangenen August habe ich zum ersten Mal bei Herrn Thiele angerufen, ob der Verein Interesse an einer Zusammenarbeit hätte und er hat spontan ja gesagt.

 

Damit war die Strecke gefunden, doch wie ging es dann weiter?

Im vergangenen November haben wir die ersten Interviews mit Zeitzeugen geführt und mit Leuten, die sich in der Heimatgeschichte sehr gut auskennen. Wir hatten mit den Museen in Manebach und Stützerbach zwei gute erste Anlaufpunkte und dann entwickelt sich das meistens über Gespräche über den Gartenzaun. Oft sind wir zuerst bei Gemeinderatssitzungen gewesen und haben unsere Idee dort vorgestellt. Und ab dann wurde es oft zum Selbstläufer.

Als wir in Manebach beim Thema Masken nicht so richtig vorankamen, da bin ich dann eines Tages einfach in den Dorfladen gegangen und habe die Verkäuferin dort angesprochen, ob sie nicht jemanden kennt, der uns was über die Geschichte der Maskenproduktion erzählen kann. Zwei Tage später rief sie mich an und hatte tatsächlich jemanden gefunden.

 

Wann hatte die Geschichte dann Form angenommen?

Richtig eingestiegen hier in der Region sind wir ab Februar. Das Buch zu "Spitzkehre" ist dann aber sogar noch einmal ergänzt worden, als wir mit unserem Zug Mitte Mai hier ankamen. Da haben wir noch mehr Interviews geführt. Zum Beispiel hatten wir damals für die Szene bei der Forellenzucht noch nichts. Der Teil ist tatsächlich erst entstanden, als wir unseren Zug schon am Bahnhof Rennsteig abgestellt hatten.

 

Im Vorfeld haben viele in der Region gesagt, es sei doch eine Schnapsidee, auf der Rennsteigbahn Theater spielen zu wollen. Ist Ihnen das oft vorgehalten worden, wenn Sie Ihre Idee vorgestellt haben?

Der Begriff Schnapsidee zieht sich durch meine Berufslaufbahn der vergangenen 27 Jahre. Wir sind ein Eisenbahn-Theater, das einzige, das ich weltweit kenne. Und wir versuchen immer Formate zu entwickeln, die mit dem Thema Eisenbahn zu tun haben. Das kann bedeuten, dass uns der Zug nur an unseren nächsten Spielort bringt und dort als Hotel dient. Wir haben aber auch schon im Zug Theater gemacht und das war ja auch unsere erste Idee hier für die Rennsteigbahn. Wir wollten eigentlich fünf Waggons zur Region inszenieren und die dann jeweils mehrere Tage an den Orten entlang der Strecke bespielen. Doch dann kam die Idee des reisenden Formats, dass der Zug unsere Tribüne wird und die Landschaft unsere Bühne. Und ich muss sagen: Eine größere Bühne kann man sich nicht vorstellen als die entlang einer Eisenbahn. Das war für uns auch eine Premiere. Das mag der eine oder andere für eine Schnapsidee halten, doch wir haben es ja nicht als Gag gemacht, sondern um dem Zuschauer Zugang zu dieser grandiosen Landschaft zu geben.

War der Reiz für Sie auch, Geschichten in einer blühenden Landschaft zu erzählen, aus einer Zeit, in der bestimmte Industrien hier blühten, vor Bahnhöfen, die eben heute nur noch den Wert für eine Museumsbahn haben?

Mir war es immer wichtig zu zeigen, warum die Landschaft heute so aussieht, wie sie aussieht. Und deshalb endet auch jedes Bild so, wie es endet. Es ist durch die Wende natürlich unglaublich viel den Bach runtergegangen. Da habe ich als Westler aus den Interviews mit den Leuten ganz viel mitgenommen, wie sie die Wende erlebt haben, welch einschneidendes Ereignis das für sie war. Es geht mir nicht darum zu zeigen, dass früher alles besser war. Zu DDR-Zeiten. Natürlich nicht. Aber es ist eben nicht genau hingeschaut worden, was mit der Region, der Wirtschaft und den Menschen gemacht wurde. Ich glaube, an dem einen oder anderen Punkt hätte man vor einer Entscheidung länger innehalten müssen. Außerdem hätte aus meiner Sicht die Wertschätzung für die Menschen hier und ihrem Tun größer sein müssen.

 

Was ist Ihnen noch hängen geblieben aus Ihren Gesprächen vor Ort?

Wir waren in Stützerbach auf einer Einwohnerversammlung, da ging es um das Thema Dorferneuerung. Das sind im Moment ja noch bittere Zahlen, die man da hört. Wenn 80 Prozent der Leute, die in Stützerbach noch Fremdenzimmer vermieten, 65 Jahre und älter sind. Da ist ein enormer Sanierungsstau und es wird einen Umbruch geben müssen. Aber ich als Privatmann kann sagen, dass ich die Gegend hier sehr lieben gelernt habe in den vergangenen Wochen. Super. Ich bin viel gewandert, habe viele Pflanzen und Tiere gesehen, die man anderswo nicht mehr sieht. Ich sehe ein großes Potenzial, gerade vor dem Hintergrund des Klimawandels und der Frage, wie viele Abgase wir verbrauchen, um in den Urlaub zu fahren.

 

Wer wollte die "Spitzkehre" denn sehen, vor allem Einheimische?

Ja, schon, doch wir hatten jeden Abend etwa zehn Prozent der Zuschauer, die aus Erfurt kamen. Und daher glaube ich, dass eine Inszenierung wie unsere bei den Menschen auch Lust wecken kann, doch einmal wieder jenseits des Theaters einen Ausflug in den Thüringer Wald zu machen.

 

Sie arbeiten bei Ihren Inszenierungen auch mit Laienschauspielern und Musikgruppen aus der Region zusammen. Wie finden Sie die?

Das entwickelt sich meistens ganz von allein. Wenn wir auf einer Bürgerversammlung unsere Idee vorstellen, dann werden wir anschließend angesprochen. Das hat auch hier wieder ganz toll funktioniert. Respekt an alle, die Abend für Abend durchgehalten haben. Ich habe "Die Moosbacher" und auch die Blaskapelle Stützerbach nach einigen Vorstellungen gefragt, ob es denn noch geht. Aber die haben anstandslos durchgezogen.

 

Wie haben Sie die Musik zu den einzelnen Bildern ausgewählt?

Auch da haben wir natürlich mit Menschen gesprochen, was typisch ist für die Region. Und so waren dann einige Stücke, wie das Glasmacherlied in Stützerbach schnell gesetzt.

 

Auf dem Bahnhof Rennsteig werden die Zuschauer dann von den "Moosbachern" empfangen, die das Rennsteiglied anstimmen und es gibt Bratwurst beim Waldfest. Ist das nicht zu viel Klischee?

Wir sind tatsächlich von einigen gefragt worden, ob wir das ernst meinen. Aber ich hoffe, dass jeder gemerkt hat, dass wir es mit einem Augenzwinkern meinen. Aber ich habe Abend für Abend festgestellt, dass es nicht nur "Die Moosbacher" und unser Ensemble waren, die das Rennsteiglied gesungen haben. Ich finde Volksmusik gehört dazu, wenn man die Geschichte einer Region erzählen möchte, und deshalb passt sie auch zum Waldfest am Bahnhof Rennsteig.

 

Der Rennsteigbahn-Verein hat schon den Wunsch geäußert, Sie sollen doch wiederkommen. Wie stehen die Chancen?

Die stehen gar nicht schlecht, würde ich sagen. Nach der Spitzkehre geht die Strecke ja noch weiter, wieder den Südhang hinunter. Wie sind die gemeinsam mit Herrn Thiele auch schon abgefahren. Wir würden gerne wiederkommen, denn Geschichten gibt es noch mehr als genug zu erzählen.

Interview: Jolf Schneider

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Veröffentlicht am:
29. 06. 2019
08:57 Uhr

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29. 06. 2019
08:57 Uhr



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