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Thüringen

Experten setzen Prioritäten: Mehr Personal statt Beitragsfreiheit

Ziel der rot-rot-grünen Landesregierung ist es, die Kindergarten-Beiträge der Eltern abzuschaffen. Experten halten etwas anderes für wichtiger.



In den Kitas in Thüringen fehlt es laut einer Studie an Personal. Außerdem seien die Erzieherinnen oft zu schlecht bezahlt. Archiv-Foto: Monika Skolimowska/dpa
In den Kitas in Thüringen fehlt es laut einer Studie an Personal. Außerdem seien die Erzieherinnen oft zu schlecht bezahlt. Archiv-Foto: Monika Skolimowska/dpa  

Erfurt - Seit 2018 müssen Eltern in Thüringen für das letzte Kindergartenjahr keine Beiträge mehr zahlen. Ab diesem Sommer, so hat es die rot-rot-grüne Mehrheit noch kurz vor Ende der vorigen Wahlperiode beschlossen, werden auch für das vorletzte Kita-Jahr keine Elternbeiträge mehr fällig. Danach peilt Bildungsminister Helmut Holter (Linke) sogar die vollständige Beitragsfreiheit an.

Allerdings gibt es Stimmen, die das in Frage stellen - und zwar aus einer Richtung, die der Links-Regierung eher nahesteht. Die Gewerkschaften Erziehung und Wissenschaft (GEW) und Verdi sowie der Landesförderverein Kindertagesstätten haben jetzt eine Studie vorgelegt, die etwas anderes als die Beitragsfreiheit für wichtiger hält. Nämlich deutlich mehr und besser bezahlte Kindergärtnerinnen.

"Niemand hat etwas gegen Beitragsfreiheit einzuwenden", betont zwar der Soziologe Klaus Dörre, Leiter des Zentrums Digitale Transformation Thüringen, das die Studie erarbeitet hat. "Aber wenn die Mittel knapp sind, hat die Qualitätsverbesserung an den Kitas Vorrang." Mit "Qualität" ist nicht die bauliche oder technische Ausstattung der Einrichtungen gemeint, sondern eben die Zahl des Personals und dessen Bezahlung.

Würde das Kita-Personal tatsächlich auf das von Dörre, Gewerkschaften und Förderverein gewünschte Niveau aufgestockt, wäre das mit Kosten von einigen hundert Millionen Euro pro Jahr verbunden. Die Forderung nach mehr Personal ist freilich nicht aus der Luft gegriffen. Vielmehr berufen sich die Anhänger auf die Bertelsmann-Stiftung, die eine deutliche Verbesserung des Personalschlüssels empfiehlt. Demnach sollte bei den unter Dreijährigen eine Erzieherin maximal drei Kinder betreuen; bei den über Dreijährigen sollten auf eine Erzieherin im Schnitt maximal 7,5 Kinder kommen.

Studien-Autor Martin Ehrlich hat berechnet, wie viele Kindergärtnerinnen in Thüringen zusätzlich eingestellt werden müssten, um die Bertelsmann-Empfehlung zu erfüllen. Der Anstieg wäre enorm. Stand 2018 hätten in Thüringen rund 14 500 Kindergärtnerinnen gearbeitet, sagt der Autor. Wenn die Forderung schrittweise bis 2030 umgesetzt würde, müsste die Zahl auf mehr als 25 000 steigen - trotz zurückgehender Kinderzahlen. Da in diesem Zeitraum auch noch viele Erzieherinnen in Rente gehen, müssten insgesamt fast 19 000 Personen neu eingestellt werden.

Es wäre ein Kraftakt ohnegleichen - aber ein lohnenswerter, meinen die Befürworter. "Wir wollen mehr Personal, damit die Beschäftigten nicht am Abend erschöpft nach Hause wanken", sagt Verdi-Landesgeschäftsführerin Corinna Hersel. Soziologe Dörre verweist darauf, dass der Betrieb in vielen Kindergärten nur durch das Engagement der Mitarbeiterinnen aufrechterhalten
werde.

In Interviews zur Studie hätten einige gesagt, sie gingen nur dann nicht zur Arbeit, "wenn der Arm abfällt". Gerade ältere Kolleginnen - fast ein Viertel ist älter als 54 Jahre - sind demnach an der Grenze der Belastbarkeit. Zum Stress tragen die großen Gruppen bei, aber auch Belastungen durch mehr Bürokratie und die Tatsache, dass Kitas gerade in sozialen Brennpunkten eine Art Reparaturbetrieb für kaputte Familien sind. Hinzu komme eine schlechtere Bezahlung als in West-Bundesländern. Die freien Träger, bei denen die Mehrzahl der Thüringer Kindergärtnerinnen angestellt ist, zahlen laut Dörre noch einmal schlechter als kommunale Träger. Statt durchschnittlich 3500 Euro Brutto-Monatsgehalt seien es 700 bis 800 Euro weniger. Er fordert daher eine einheitliche Bezahlung. "Die Dumping-Konkurrenz um Löhne ist auszuschalten."

Angesichts des generellen Arbeitskräftemangels und der Lockrufe der West-Länder kann Thüringen laut Dörre in Zukunft seinen Bedarf an Kindergärtnerinnen nur decken, wenn der Beruf durch höhere Gehälter und entspanntere Arbeitsbedingungen attraktiver wird. "Es müssen maßgebliche Verbesserungen bei den Entgelten herbeigeführt werden", fordert auch Nadine Hübener von der GEW. Ansonsten würden gerade in grenznahen Regionen, wozu Südthüringen mit seiner Nähe zu Bayern und Hessen zählt, die Erzieherinnen angesichts der Einkommensunterschiede "mit den Füßen abstimmen".

Autor

Eike Kellermann
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
28. 04. 2020
08:17 Uhr

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Eike Kellermann

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Veröffentlicht am:
28. 04. 2020
08:17 Uhr



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