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Thüringen

Es geht um den Schutz von Oma und Opa

Ministerpräsident Bodo Ramelow wirbt um Verständnis für die Beschränkungen, durch die das Corona-Virus eingedämmt werden soll. Ziel sei es, die Älteren als Hauptrisikogruppe zu schützen.



Bodo Ramelow
Ministerpräsident Bodo Ramelow: „Es geht jetzt um den Lebensschutz der Bürger.“   Foto: ari (Michael Reichel)

Erfurt - Auch Ministerpräsidenten können irren. Das gibt der Thüringer Regierungschef Bodo Ramelow (Linke) bei einem eilig einberufenen Pressegespräch am Samstag zu. Er selbst habe bis Donnerstag gedacht, dass die Schließung von Schulen und Kindergärten vorerst nicht nötig sei, berichtet er. Doch dann kam die Konferenz der Ministerpräsidenten in Berlin. "Ich habe eine solche Sitzung bisher noch nicht erlebt", sagt Ramelow. Bei dieser erklärten Wissenschaftler den Politikern, worin das Hauptrisiko des neuartigen Corona-Virus besteht - ein Risiko, das sie laut Ramelow tags zuvor selbst noch anders bewertet hätten.

Jetzt richtig verhalten

Bei Symptomen, die auf eine Infektion mit dem Corona-Virus hindeuten, den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter der bundesweit einheitlichen Telefonnummer 116 117 oder den Hausarzt anrufen, um sich zu informieren, wie man sich weiter verhalten soll. Keinesfalls direkt zum Hausarzt oder in die Notaufnahme gehen, weil man dort weitere Leute anstecken könnte.

Das Robert-Koch-Institut empfiehlt:

  • zu Hause bleiben, wann immer möglich; Zimmer regelmäßig lüften
  • nicht notwendige Reisen absagen oder verschieben
  • möglichst nur für Versorgungsgänge rausgehen; Abstand von 1 bis 2 m zu anderen Personen halten
  • private Kontakte auf das Notwendigste reduzieren bzw. Möglichkeiten ohne direkten/persönlichen Kontakt nutzen (Telefon, Internet etc.)
  • Risikogruppen durch Familien- und Nachbarschaftshilfe versorgen; aktiv Hilfsangebote machen
  • Umgang mit Erkrankten im Haushalt festlegen (Schlafen und Aufenthalt in getrennten Zimmern; Mahlzeiten getrennt einnehmen; räumliche Trennung von Geschwisterkindern)
  • gemeinschaftliche Treffen/Aktivitäten absagen (Vereine, Sportgruppen, größere private Feiern)
  • enge Begrüßungsrituale vermeiden (Küsschen, Händeschütteln)

Das zeigt, wie reißend der Fluss ist, in dem sich Politik, Wissenschaft und Gesundheitswesen bei der Bewältigung der außergewöhnlichen Lage gerade befinden. Die Kehrtwende kam prompt. Nun werden auch in Thüringen ab nächstem Dienstag die Schulen und Kitas geschlossen. Der Lehrbetrieb an den Hochschulen wird vorerst bis Anfang Mai ausgesetzt. Veranstaltungen mit mehr als 50 Personen sind untersagt. Ob solche mit weniger Personen stattfinden dürfen, soll von den Behörden restriktiv im Einzelfall entschieden werden.

Schulschließungen waren für Ramelow deshalb zunächst nicht einleuchtend, weil der Corona-Virus nach jetzigem Wissensstand für junge Menschen als ungefährlicher gilt. Warum also Schulen und Kitas dichtmachen? Kindergartenkinder und Schüler stecken sich durch den engen Kontakt gegenseitig an. Eltern wissen, wie schnell Grippe oder Durchfall umgehen. Die Ansteckung wäre für die Kinder und Jugendlichen gar nicht so schlimm. Allerdings haben sie viele Kontakte zu älteren Generationen. Und genau da liegt das Problem.

Das Ziel heißt Zeit kaufen

"Je älter, desto höher die Wahrscheinlichkeit für Schwersterkrankungen", sagt der Ministerpräsident. Die Kinder bringen das Virus aus Kita und Schule mit nach Hause - und gefährden dann vor allem Oma und Opa. Mit der Schließung von Kindergärten und Schulen soll die Ausbreitung des Virus verlangsamt werden. "Alle Maßnahmen haben nur einen Zweck: Zeit zu kaufen", sagt Ramelow.

Die Landesregierung will jetzt eine Notfall-Verordnung auf den Weg bringen, wie die Kinderbetreuung nach den Schließungen zu gewährleisten ist, gerade für Eltern, die an ihrer Arbeitsstelle unabkömmlich sind und nicht zu Hause bleiben können. Die Großeltern als Hauptrisikogruppe sollten jedenfalls vorerst nicht die Betreuung übernehmen.

Tödliche Bedrohung

Zeit ist wichtig, da mit einem Impfstoff frühestens in einem Jahr zu rechnen ist. Zudem stellt die vom Corona-Virus verursachte Lungenkrankheit Covid-19 zumindest für Ältere und Vorerkrankte eine tödliche Bedrohung dar. Die Zahlen, die Ramelow von der Ministerpräsidenten-Konferenz mitgebracht hat, sind beunruhigend. Demnach lautet die Prognose, dass sich in den nächsten zwei Jahren rund 1,5 Millionen Thüringer mit dem Corona-Virus infizieren. Für die meisten - man rechnet mit 80 Prozent oder 1,2 Millionen Menschen - ist das "nichts anderes als Herpes", sagt Ramelow. Soll heißen, das ist zwar so unangenehm wie das Ekel-Bläschen an der Lippe, aber auch nicht schlimm. Diese große Zahl an Menschen wird nach jetzigem Wissensstand allenfalls eine milde Covid-19-Erkrankung erleben. Bei einem von fünf Infizierten soll sie gar nicht ausbrechen.

Anders sieht das bei den verbleibenden 20 Prozent aus. Bei dieser Gruppe - und das betrifft dann eben die Älteren - nimmt die Erkrankung keinen milden Verlauf. Vier Prozent der Betroffenen erkranken nach bisherigem Wissen schwer, sagt Ramelow. Vier Prozent klingt wenig. Tatsächlich aber handelt es sich um 60.000 Menschen in Thüringen. Sie müssen auf die Intensivstation eines Krankenhauses, brauchen Beatmung. Würde schlagartig eine solche Krankheitswelle über den Freistaat hereinbrechen, könnte das den Kollaps des Gesundheitssystems bedeuten.

Auch deshalb wird jetzt alles unternommen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Dass man ihm einfach seinen Lauf lässt, damit alle mal die Krankheit durchmachen, wie das auch einige meinen, lehnt Ramelow mit Hinweis auf die Gefahren für die Risikogruppen ab. "Es geht jetzt um den Lebensschutz der Bürger", sagt er.

Zahl der Intensivbetten wird hochgefahren

Zugleich bereitet sich Thüringen auf eine Zunahme von schweren Covid-19-Erkrankungen vor. 650 Klinikbetten auf Intensivstationen habe der Freistaat, sagt der Ministerpräsident. Die Zahl soll auf 1.400 hochgefahren, zudem Beatmungsgeräte angeschafft werden. Die Krankenhäuser sollen vorerst auf alle nicht dringend nötigen Operationen verzichten, um die Betten auf den Intensiv-Stationen nicht zu blockieren. Ein bis zwei Wochen, so die bisherige Erfahrung, müsse ein Covid-19-Patient auf der Intensivstation versorgt werden. Die Todesfallrate liegt laut Ramelow bei 2,3 Prozent.

Umfassende Hilfen für die Wirtschaft

Für die Wirtschaft stellt der Ministerpräsident umfassende Hilfen in Aussicht. 1,5 Milliarden Euro liegen nach seinen Angaben in der Rücklage der Landeskasse bereit. Kulturvereinigungen wie die Thüringer Bachwochen, die ihre Veranstaltungen absagen müssen, sollen trotzdem die zugesagten Fördergelder bekommen. "Es gab ein Leben vor Corona. Es wird ein Leben nach Corona geben. Wir müssen jetzt das Leben mit Corona organisieren", sagt Ramelow. Ihm zufolge arbeitet die Landesverwaltung derzeit "knapp unter der Schwelle zum Katastrophenalarm". Allerdings könnte der Krisenstab der Landesregierung aktiviert werden. Darüber solle am Dienstag im Kabinett beraten werden.

Jeder einzelne kann jetzt mithelfen, die Verbreitung des hochansteckenden Virus zu verlangsamen. Ganz einfache Dinge sind wirksam: regelmäßig gründlich Händewaschen, Abstand zu anderen Leuten halten, auf Verein oder Fitnessstudio vorerst verzichten. Auch wenn man jung und kerngesund ist, und einem das Virus wohl nichts anhaben kann, fällt man so als Überträger aus - und schützt die Älteren, die die Hauptrisikogruppe darstellen, also die eigenen Großeltern, den alten Mann in der Nachbarschaft, die Oma mit dem Rollator.

Ministerpräsident Ramelow sieht jeden gefordert, seine Selbstverantwortung wahrzunehmen und zu entscheiden, ob er etwa noch Straßenbahn fährt oder in die Kneipe geht. Er weiß, dass erhebliche Einschränkungen auf die Bürger zukommen, was ihre privaten und sozialen Kontakte betrifft. Der Ministerpräsident sagt: "Wir gehen auf ein ziemlich doofes Ostern zu." Aber er betont auch: "Corona bekämpft man nicht durch Hysterie." Für Hamsterkäufe gebe es keinen Grund, da keine Engpässe bei Lebensmittel drohten.

Autor

Eike Kellermann
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Veröffentlicht am:
14. 03. 2020
20:06 Uhr

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Eike Kellermann

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14. 03. 2020
20:06 Uhr



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