Lade Login-Box.
Topthemen: Landtagswahl 2019Freies Wort hilftFolgen Sie uns auf InstagramSport-Tabellen

Thüringen

Emotionaler, direkter, persönlicher: Wahlkampf auf Social Media

Wer heute Wahlen gewinnen will, muss sich auf Facebook, Instagram und Twitter präsentieren: mal ironisch, mal ganz persönlich und nah. Nicht allen Politikern macht das Spaß.



Ministerpräsidenten, die auf Youtube Videospiele spielen. CDU-Wahlhelfer, die über eine App Punkte sammeln und vergleichen, wer die größere «Legende» ist: So sieht Wahlkampf im Jahr 2019 aus. Die Zeiten, in denen Politiker Kugelschreiber verschenkten und sich auf ihre Plakate am Straßenrand verlassen konnten, sind lange vorbei.

 

Social Media hat den Wahlkampf grundlegend verändert. Das zeigt sich auch vor der Thüringer Landtagswahl am 27. Oktober. Er ist direkter, emotionaler und persönlicher geworden, wie der Jenaer Professor für Kommunikations- und Medienpsychologie, Tobias Rothmund, sagt. Überall und zu jeder Zeit können Wähler angesprochen und mobilisiert werden und die Inszenierungsmöglichkeiten für Politiker vervielfältigen sich.

«Hallo Leute! Schön, dass ihr wieder da seid. Ich bin der Bodo. Und ich wollte euch was verraten: Ich beschäftige mich manchmal mit Video Games.» Wenige Wochen vor der Wahl präsentiert sich Thüringens Ministerpräsident Ramelow so in einer Reihe von Youtube-Videos. Auf ironische Weise greift der Linken-Politiker gängige Stilmittel von «Influencern» auf – also von Menschen, die ihr Geld damit verdienen, Dinge und Themen im Internet anzupreisen.

Bewusst versucht die Linke nicht, das Thema ernsthaft anzugehen, sondern ironisiert den Versuch, Ramelow als Influencer darzustellen: Etwa mit übertrieben vielen Schnitten im Video oder einem Foto des Social-Media-Stars Bianca «Bibi» Heinicke im Hintergrund des Büros.

Die wenigsten Politiker setzen in den Sozialen Netzwerken allerdings auf Ironie – auf Facebook oder Instagram zu verzichten, kann sich aber auch niemand leisten. «Man wird keine Wahl nur mit einem extrem guten Social-Media-Wahlkampf gewinnen, aber man wird auf jeden Fall eine Wahl verlieren, wenn man es nicht nutzt», sagt der Politikberater Martin Fuchs.

Die im Thüringer Landtag vertretenen Parteien haben dafür eigens angestellte sowie ehrenamtliche Mitarbeiter, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur bei CDU, Linke, SDP, Grüne und AfD ergab. Alle veröffentlichen bezahlte Werbe-Beiträge in verschiedenen Netzwerken, vor allem bei Facebook und Instagram. Nicht alle wollten auf Nachfrage sagen, wie viel Geld sie für den Online-Wahlkampf ausgeben. Die Thüringer Grünen zahlen dafür ebenso wie die Linke einen niedrigen fünfstelligen Betrag. Auch die Thüringer SPD spricht von einer fünfstelligen Summe.

Während den sechs Wochen vor der Wahl online besonders aktiv zu sein, ist Fuchs zufolge aber nicht entscheidend. Vielmehr müsse man es langfristig schaffen, sich eine «Community» aufzubauen, die man vor der Wahl mobilisieren kann.

Seiner Einschätzung nach hat das vor allem der CDU-Spitzenkandidat Mike Mohring gemacht. «Er hat es unter den Thüringer Politikern am besten geschafft, eine Personenmarke aufzubauen», sagt Fuchs. Auf Instagram zeigt Mohring Fotos und Videos seiner Wahlkampfauftritte, auf Facebook gibt es Live-Diskussionen. Immer wieder wendet er sich direkt an seine Fans, forderte sie etwa im April nach einem Talkshow-Termin via Instagram dazu auf, auf einem Herzchen-Barometer darüber abzustimmen, welches Foto von ihm am schönsten ist.

«Selbstverständlich nutzen Politiker und Politikerinnen Social Media auch, um ihr Image aufzupolieren», sagt Fuchs. «Es allerdings hauptsächlich dafür zu nutzen, ist zum Scheitern verurteilt.» Um bei den Nutzern anzukommen, brauche es «langen Atem, Souveränität und eine ausgeprägte Dialogkultur.»

Um den On- und Offline-Wahlkampf miteinander zu verknüpfen, hat die CDU eigens die App «Connect» entwickeln lassen. Dort können Wahlhelfer zum Beispiel digital Adressen von Wählern austauschen, an deren Tür sie geklopft haben. Sie können dann angeben, ob die Tür geöffnet wurde, wie positiv die Meinung der Anwohner zur CDU war und über welche Themen gesprochen wurde. An je mehr Türen man klopft, desto mehr Punkte sammelt man. Social Media erleichtert in diesem Fall vor allem den Austausch und die Organisation. Wahlhelfer wissen zum Beispiel schneller, an welchen Türen sie gar nicht erst klopfen müssen.

Die Sozialen Netzwerke können den Parteien auf der anderen Seite aber auch helfen, sich neue Wählergruppen zu erschließen. «Die Linkspartei hat etwa in Sachsen jahrelang auf Facebook zielgerichtete Wahlwerbung an AfD-Fans adressiert, darunter waren dann auch Protestwähler und -wählerinnen», erzählt Fuchs.

Vor der Europawahl im Mai 2019 hat er die Online-Auftritte der deutschen Parteien analysiert. Das Ergebnis: «"Die Partei" und die AfD waren am erfolgreichsten, was die Online-Reichweite, die Interaktionsraten und so weiter angeht», sagt Fuchs. «Aber am Ende hat "Die Partei" zwei Leute ins Parlament bekommen und die AfD ist unter den Erwartungen geblieben.»

Ohnehin sei es nicht mehr zeitgemäß, zwischen on- und offline zu unterscheiden, da es zwischen den beiden keine Trennung mehr gebe, sagt Rothmund. «Es verändert sich beides, in Abhängigkeit voneinander.»

Und unabhängig davon, wie erfolgreich sie damit sind - manche Landespolitiker haben schlicht Freude daran, sich in den Sozialen Netzwerken zu präsentieren. Dazu gehört etwa Thüringens Kulturminister Benjamin-Immanuel Hoff (Linke). Auf seinem Instagram-Kanal sehen die Nutzer Selfies seiner vielen Zugreisen oder Posen vor Museen, Sonnenuntergängen und Rednerpulten.

«An Instagram mag ich – weil ich Fotos mag – die häufig hohe künstlerische Funktion des Mediums», sagt Hoff. Facebook sei für ihn hingegen nur noch das «verstaubte Eingangsportal in die Sozialen Netzwerke», Twitter nutze er als Nachrichtenmagazin.

Anders sieht es Mohring, obwohl der in den Netzwerken sehr aktiv ist. «Das ist notwendig, aber ist keine Freude», sagt er. «Es sind Zeitdiebe, die uns vom realen Leben abhalten.» dpa

 

Autor

Redaktion
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
07. 10. 2019
07:15 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Alternative für Deutschland Benjamin-Immanuel Hoff CDU Deutsche Presseagentur Facebook Instagram Internet Kulturminister Mike Mohring Politiker der Linken SPD Social Media Soziale Netzwerke Thüringer Landtag Thüringische Ministerpräsidenten Twitter Wahlen Wahlkampf Wähler YouTube
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Ministerpräsident Ramelow hält Höcke auf Distanz

30.09.2019

Landtagswahl in Thüringen: Ramelow hält Höcke auf Distanz

Ein schillernder Ministerpräsident, ehrgeizige Grüne und eine zitternde SPD: Rot-Rot-Grün will nach der Landtagswahl am 27. Oktober in Thüringen weiter regieren - gegen eine starke AfD. Das Wort Minderheitsregierung fäll... » mehr

auszaehlung wahlhelfer

Aktualisiert am 27.05.2019

CDU bleibt stärkste Kommunalpartei - AfD auf Rang zwei

Die CDU behauptet sich als stärkste Partei, die AfD macht hinter ihr einen großen Satz. Die Linke verliert - mehr als die SPD. Die Karten für die Landtagswahl scheinen neu gemischt. » mehr

Bodo Ramelow

02.09.2019

Ramelow nach Landtagswahlen: «Der Osten bleibt regierbar!»

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) sieht in den Ergebnissen der Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg ein Zeichen der Stabilität. » mehr

Interview: Dirk Adams, Spitzenkandidat der Grünen in Thüringen.

03.09.2019

"Wir wollen zweistellig werden"

Bei den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg haben die Grünen als einzige der etablierten Parteien an Zustimmung gewonnen. Was bedeutet das für die Wahl und die Partei in Thüringen? Fragen an Dirk Adams, den Spitzen... » mehr

Mike Mohring

02.10.2019

Zum Abschluss noch einmal Lager-Wahlkampf

Ein letztes Mal haben sich die Abgeordneten dieses Thüringer Landtages zur Plenardebatte getroffen. Die war streckenweise so heftig, dass inzwischen völlig klar ist, wie sehr Thüringen in einem Lagerwahlkampf steckt. » mehr

"Politischer Schwerpunkt auf Schulen und Kitas." Susanne Hennig-Wellsow würde im Land gern so weitermachen.

17.01.2019

"Wir hatten gedacht, es ginge mehr und schneller"

In den Umfragen hat Rot-Rot-Grün keine Mehrheit. Trotzdem kämpft Susanne Hennig-Wellsow, Landes- und Fraktionschefin der Linken, für eine Fortsetzung des Bündnisses. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Country Westerntanz

Meisterschaften Country Westerntanz Meiningen | 13.10.2019 Meiningen
» 52 Bilder ansehen

Unfall Siegritz

Unfall Siegritz | 12.10.2019 Siegritz
» 11 Bilder ansehen

Unfall Dreieck Suhl

Unfall Dreieck Suhl | 10.10.2019
» 15 Bilder ansehen

Autor

Redaktion

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
07. 10. 2019
07:15 Uhr



^