Lade Login-Box.
Topthemen: Freies Wort hilftFolgen Sie uns auf InstagramSport-Tabellen

Thüringen

Eltern setzen sich im Streit um Einschulung durch

Der lange Kampf einer Familie aus Westthüringen hat sich gelohnt: Ihr Sohn muss in diesem Jahr - anders als zunächst entschieden - noch nicht in die Schule. Seine Mutter sieht darin auch eine Botschaft an andere Eltern.



Bad Salzungen/Erfurt - Ausgerechnet am sechsten Geburtstag ihres Sohnes kam für Marie-Luise Otto und ihren Mann Fabian die Nachricht, auf die sie lange warten mussten; eine, die vor allem für das Kind eine gute Nachricht ist: Der Junge wird nun doch nicht schon in dem in Kürze beginnenden Schuljahr eingeschult. Sondern erst im Schuljahr 2020/2021. Ganz so, wie die Eltern des Kindes das wollten. Ganz anders als es die Schulleiterin der potenziellen Grundschule des Jungen zunächst entschieden hatte.

Die Mutter des Jungen ist erleichtert, zufrieden, glücklich. "All die Kraft, Zeit und auch das Geld, das wir in diesen siebenmonatigen Kampf gesteckt haben, haben sich gelohnt", sagt Otto. Sie und ihr Mann hätten in den vergangenen Wochen manchmal an sich gezweifelt; daran, dass sie das Richtige tun, wenn sie darauf bestehen, dass ihr Kind nicht jetzt schon in die Schule muss, sondern noch ein weiteres Jahr im Kindergarten bleibt. Doch immer wieder seien sie zu dem Schluss gekommen, im Sinne ihres Kindes dem Konflikt mit der Schulleiterin nicht auszuweichen. "Nun hat sich das bestätigt."

Marie-Luise und Fabian Otto hatten seit Monaten zu verhindern versucht, dass ihr Sohn schon in diesem Schuljahr eingeschult wird. Der Junge ist weniger als zwei Wochen vor jenem Stichtag - dem 30. Juli beziehungsweise 1. August - sechs Jahre alt geworden, an dem sich in Thüringen entscheidet, ob Kinder regulär in diesem oder im nächsten Schuljahr eingeschult werden. Nicht nur die Eltern, sondern unter anderem auch die Kindergartenerzieherinnen des Jungen halten es wegen seiner Entwicklung für besser, wenn er noch ein weiteres Jahr im Kindergarten verbringt. Trotz dieser Empfehlung hatte die Leiterin der staatlichen Grundschule in Gumpelstadt im Wartburgkreis, Isabell Muskulus, aber entschieden, dass der Junge schon jetzt eingeschult wird; gestützt unter anderem auf die Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchung.

Laut Landesgesetz kann Muskulus das tun: In Thüringen haben die Leiter der Schulen, an denen die Kinder eingeschult werden sollen, die letzte Entscheidung darüber, ob die Jungen oder Mädchen um ein Jahr zurückgestellt werden oder nicht. Sind Eltern mit dieser Entscheidung nicht einverstanden, können sie den Rechtsweg dagegen beschreiten. Das hatten die Ottos getan.

Zudem hatten Ottos sich in dem Streit an Thüringens Bildungsminister Helmut Holter (Linke) gewandt. In dem Gespräch habe Holter sich offen für das Anliegen der Familie gezeigt, sagt Otto. "Er hat sich wirklich Zeit genommen." Auch wenn er erklärt habe, er könne die Entscheidung der Schulleiterin nicht überstimmen, habe Holter zugesagt, die Akten zu dem Fall würden im Ministerium geprüft.

Ob es nun tatsächlich Druck aus dem Ministerium war, der Muskulus dazu bewogen hat, ihre ursprüngliche Entscheidung zu revidieren, oder ob es ein weiteres medizinisches Gutachten war, das die Ottos zum Entwicklungsstand ihres Kindes vorlegten, nachdem sie den ersten Bescheid von Muskulus erhalten hatten: Inzwischen jedenfalls hat die Schulleiterin einen sogenannten Abhilfebescheid an die Rechtsanwältin der Eltern verschickt, in dem es heißt, "im Rahmen der Ausübung des pflichtgemäßen Ermessens" sei der ursprüngliche Bescheid der Schule erneut überprüft worden. Ergebnis: Dem Antrag der Eltern auf Zurückstellung des Kindes für ein Jahr vom Schulbesuch werde nun doch stattgegeben. Das zusätzliche Gutachten hatte die Argumente der Eltern und Kindergärtnerinnen, die gegen einen Schulbesuch ab dem Schuljahr 2019/2020 sprechen, bestärkt.

Dem Erfolg der Familie in diesem Streit wohnt nach Einschätzung von Marie-Luise Otto auch eine Botschaft an andere Eltern im Freistaat inne. Es sei richtig gewesen, diesen Konflikt auszutragen; und das auch öffentlich zu tun, sagt sie. Das solle Eltern ebenso Mut machen, sich gegen Entscheidungen zu wehren, die sie für falsch hielten, wie es auch Behörden sensibilisieren könne, in Zukunft mehr auf die Eltern der Kinder zu hören. Dass Eltern dabei - wie auch sie - von Mitarbeitern von Verwaltungen bisweilen als Querulanten wahrgenommen würden, müsse man hinnehmen, auch wenn diese Zuschreibung grundfalsch sei. "Wir wollten ja nur das Beste für unser Kind", sagt Otto. Die "DDR-Denke", nach der man "bloß nicht anecken" dürfe, sei heute nicht mehr zeitgemäß.

In dem Abhilfebescheid heißt es auch, dass der Freistaat die Kosten für die Rechtsanwältin der Ottos übernimmt. Nicht aus Großzügigkeit, sondern weil das Land dazu unter anderem nach dem Thüringer Verwaltungsverfahrensgesetz verpflichtet ist. Damit hatten sie und ihr Mann nicht gerechnet, sagt Otto.

So, wie die verschobene Einschulung ein Geschenk für ihren Sohn ist, ist dieser Teil der Nachricht eine Art Geschenk für sie.

Autor
Sebastian Haak

Sebastian Haak

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
18. 07. 2019
11:29 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Eltern Familien Helmut Holter Kinder und Jugendliche Kultus- und Bildungsminister Ministerien Mütter Schulbesuch Schulen Schulrektoren Söhne
Bad Salzungen Erfurt
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Junge Lehrerinnen und Lehrer zieht es in Thüringen eher in die Städte. Dadurch entsteht ein Ungleichgewicht, in den ländlichen Regionen fehlt es an Pädagogen. Bildungsminister Helmut Holter will fürs neue Schuljahr einen Austausch zwischen den Schulen.	Archivfoto: Julian Stratenschulte/dpa

14.08.2019

Minister fordert Solidarität unter Lehrern in Thüringen

In Thüringen sind dieses Jahr bereits hunderte neue Lehrer eingestellt worden. Trotzdem wird es zu Schuljahrsbeginn nicht überall allen Unterricht geben. Minister Holter nimmt die Pädagogen in die Pflicht. » mehr

SPD-Landeschef Wolfgang Tiefensee. Archivfoto: ari

17.08.2019

SPD verspricht: Jeder pensionierte Lehrer wird ersetzt

Bildung ist ein wichtiges Thema der Landtagswahl. Die Thüringer SPD will den Lehrerberuf attraktiver machen, den Schulen mehr Freiheit geben und die Zahl der Lehrer halten. » mehr

Kniefall vor einer Olympiasiegerin: Die band Sunshine Brass gab dem Treffpunkt Handwerk und der Verleihung des MuT-Preises den musikalischen Rahmen, Britte Steffen brachte den Glanz von zwei Olympiasiegen mit. Foto: ari

26.06.2019

Vom Mut, den Umweg zum Erfolg zu gehen

Drei glückliche Gewinner, eine Olympiasiegerin, die zeigt, dass Erfolg nur im Team möglich ist und ein Minister, der kurze Wege zu Schulen verspricht. Das war die MuT-Preisverleihung. » mehr

Jetzt wird es wieder ernst, nicht nur in der Bildungspolitik: Bunt angestrichen hat sich dieses Schulkind den ersten Schultag am kommenden Montag in seinem Kalender. Foto: ari

17.08.2019

Und jährlich grüßt das Bildungs-Murmeltier

Ein neues Schuljahr beginnt und viele Probleme sind die alten. Deshalb ist vorhersehbar, was an den Schulen im Land in den nächsten Monaten los sein und wie die politische Debatte darum verlaufen wird. » mehr

Schulkind

17.08.2019

Zum Schulstart eskaliert Streit um Bildungspolitik

Der Start ins Schuljahr beschert Jahr für Jahr einen Schlagabtausch der Bildungspolitiker im Land. Doch in diesem Jahr wird auch noch gewählt. Daher fällt der Streit um Lehrermangel und Unterrichtsausfall besonders hefti... » mehr

Schulbrot

vor 20 Stunden

Jedes zehnte Kind geht mit leerem Magen zur Schule

Frühstück ist für Grundschulkinder die wichtigste Mahlzeit, sagen Eltern in einer Umfrage. Trotzdem gibt es viele, die morgens alleine oder gar nichts essen. Politiker sprechen von einem "untragbaren Zustand". » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Frühschoppen mit Versteigerung Sachsenbrunn

Frühschoppen mit Versteigerung | 18.08.2019 Sachsenbrunn
» 35 Bilder ansehen

Unwetter Schleusingerneundorf Schleusingen

Unwetter Schleusingen | 18.08.2019 Schleusingen
» 8 Bilder ansehen

Neptun-Taufe Ratscher Ratscher

Neptun-Taufe Ratscher | 17.08.2019 Ratscher
» 9 Bilder ansehen

Autor
Sebastian Haak

Sebastian Haak

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
18. 07. 2019
11:29 Uhr



^