Topthemen: Gebietsreform: Das ändert sich in SüdthüringenMobilität und EnergieFußball-Tabellen

Thüringen

Ein zweites Jahr ist ihnen nicht genug

Innerhalb der rot-rot-grünen Koalition gibt es seit Monaten Überlegungen, in der nächsten Legislaturperiode ein zweites beitragsfreies Kita-Jahr einzuführen. Die Grünen sagen dazu: Ja, aber…



Astrid Rothe-Beinlich. Archivfoto: dpa/Martin Schutt
Astrid Rothe-Beinlich. Archivfoto: dpa/Martin Schutt  

Erfurt - Den Thüringer Grünen gehen die Pläne von Linken und SPD zur Einführung eines weiteren für Eltern beitragsfreien Kita-Jahres im Freistaat nicht weit genug. Zwar wolle die Grüne-Landtagsfraktion die entsprechenden Überlegungen der Koalitionspartner nicht blockieren, sagte deren bildungspolitische Sprecherin, Astrid Rothe-Beinlich, am Dienstag in Erfurt unserer Zeitung. Doch müsse eine solche Entlastung der Eltern bei den Kita-Gebühren auch mit weiteren Investitionen in die Betreuungsqualität in den Kindergärten und -krippen im Freistaat einhergehen, forderte sie.

Eltern und auch Erzieherinnen und Erzieher hätten ihr immer wieder gesagt, wie wichtig es ihnen sei, dass unter anderem das viele Bundesgeld, das in den nächsten Jahren in diese Einrichtungen fließen soll, auch dort wirklich ankomme, sagte Rothe-Beinlich. Das Geld müsse also zum Beispiel genutzt werden, um zusätzliches Personal an den Kitas einzustellen, damit eine Erzieherin nicht mehr so viele Kinder wie bislang betreuen müsse und damit mehr Zeit für die einzelnen Kinder habe. Gleichzeitig räumte Rothe-Beinlich ein, dass die Bundesmittel alleine nicht ausreichen werden, um sowohl in ein zweites für die Eltern beitragsfreies Kita-Jahr als auch in eine wirklich höhere Betreuungsqualität zu investieren. Dazu müsse auch weiteres Landesgeld zur Verfügung gestellt werden. Die Finanzplanung des Freistaats zeige aber, dass dieses Geld vorhanden sei.

Eine Frage des Personals

Vertreter von Linken und SPD haben sich in der Vergangenheit mehrfach dafür ausgesprochen, in Thüringen nun bald auch das vorletzte Kindergartenjahr für Eltern beitragsfrei zu stellen. Rot-Rot-Grün hat bereits durchgesetzt, dass das Land und nicht mehr die Eltern für das letzte Kita-Jahr vor der Einschulung der Kinder die Kita-Gebühren übernimmt. Schon die Einführung des ersten für Eltern beitragsfreien Kita-Jahrs war und ist umstritten. Denn tatsächlich profitieren sozial starke Familien dadurch deutlich mehr als sozial Schwache, die oft nur kleine oder gar keine Kita-Gebühren zahlen. Auch hat die Einführung des ersten für Eltern kostenfreien Kita-Jahrs nicht dazu geführt, dass deutlich mehr Kinder als bisher einen Kindergarten besuchen.

Auf welche Summe sich die von den Grünen gewünschten Investitionen in die Betreuungsqualität summieren und was genau mit dem Geld geschehen soll, dazu gibt es bereits einen detaillierten Vorschlag der Landtagsfraktion, den deren Abgeordnete am Mittwoch in Erfurt auf einer Klausurtagung beschließen werden. In dem Papier, das unserer Zeitung vorliegt, heißt es unter anderem, nach den Vorstellung der Grünen sollten ab dem 1. August 2020 in der Altersgruppe der Vier- bis Fünfjährigen höchstens zwölf Kinder auf eine Erzieherin kommen dürfen. Bislang dürfe eine Erzieherin bis zu 16 Kinder in dieser Altersgruppe betreuen. Um diesen besseren Betreuungsschlüssel umzusetzen, würden etwa 530 weitere Erzieherinnen und Erzieher in Thüringen gebraucht. Zudem entstünden weitere Sachkosten bei den Kommen. "Bei vollständiger Umsetzung des Personalschlüssels gehen wir von ganzjährlichen Kosten ab 2021 in Höhe von circa 31 Millionen Euro aus", heißt es in der Beschlussvorlage. Woher das zusätzliche Personal kommen soll, steht in dem Papier nicht.

Zudem sollen nach den Vorstellungen der Grünen sogenannte multiprofessionelle Teams nun auch an Kitas zum Einsatz kommen. Dazu solle ein eigenes Landesprogramm aufgelegt werden, über das ab 2020 für drei Jahre insgesamt 100 Kitas im gesamten Freistaat gefördert werden sollen; vor allem solche, die inklusiv arbeiten und in sozialen Brennpunkten liegen. Die Kosten dafür beziffern die Grünen auf etwa sieben Millionen Euro für das Jahr 2020.

Die Idee dahinter: Über multiprofessionelle Teams die Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher zu unterstützen, indem weiteres Personal - das nicht auf den Mindestbetreuungsschlüssel angewendet werden soll - in den Kitas tätig ist. Dieses Personal - das zum Beispiel aus dem pflegerischen, handwerklichen, künstlerischen oder musischen Bereich stammt - soll sich dann dort vor allem um Kinder kümmern, die besonders gefördert werden müssen. So soll es möglich werden, dass behinderte und nicht-behindert Kinder sowie solche, die zum Beispiel Schwierigkeiten beim Lernen haben, gemeinsam einen Kindergarten besuchen können. Die Kinder sollen so schon früh lernen, wie unterschiedlich Menschen sind und mit dieser Unterschiedlichkeit umgehen können. Für den Bereich der Schulen fordert beispielsweise der Thüringer Lehrerverband den verstärkten Einsatz von multiprofessionellen Teams schon lange.

Erst vor etwa sechs Monaten hatte auch die Bertelsmann-Stiftung kritisiert, in Thüringen stagniert der Ausbau der Kita-Qualität seit Jahren. Beim Betreuungsschlüssel habe sich der Freistaat seit Jahren nicht verbessert, hieß es in einer Mitteilung der Stiftung, die bundesweit regelmäßig analysiert, wie viele Kinder von wie vielen Pädagogen betreut werden. Gerade für ältere Kita-Kinder in Thüringen seien die Betreuungsquoten im Ländervergleich relativ schlecht, hieß es.

Der Bund stellt den Bundesländern über das sogenannten Gute-Kita-Gesetz zwischen 2019 und 2022 etwa 5,5 Milliarden Euro zur Verfügung, damit diese die Kitabetreuung verbessern können. Wie die Länder das Geld einsetzen - für neue Plätze, mehr Qualität bei bestehenden Plätzen, mehr Beitragsfreiheit - ist ihnen überlassen.

Autor
Sebastian Haak

Sebastian Haak

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
09. 01. 2019
10:42 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Bertelsmann Stiftung Eltern Erzieher Erzieherinnen und Erzieher Kindergärten Kindertagesstätten Lehrerverbände Mitarbeiter und Personal Papier SPD Sachkosten Sozialbereich
Erfurt
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Kita

Aktualisiert am 28.05.2018

Hohe Zusatzkosten in Thüringer Kindergärten

Ein Kita-Jahr ist in Thüringen gebührenfrei. Allerdings haben Eltern überdurchschnittlich hohe Zusatzkosten zu tragen und müssen einen hohen Anteil ihre Einkommens für die Kinderbetreuung aufwenden. » mehr

Der Mann im Hintergrund: Wilfried Rudolph hatte es 1999 bei der Eröffnung des Kulturstadtjahres in Weimar mit Bundespräsident Roman Herzog (links) und Ministerpräsident Bernhard Vogel nicht mehr geschafft, aus dem Bild zu kommen. Foto: Ralph Hirschberger/dpa-Archiv

16.01.2019

Der Redenschreiber: "Ordentliche Arbeit, egal für wen"

Wilfried Rudolph ist Rentner. Er war Mitarbeiter aller Thüringer Ministerpräsidenten - von Duchac bis Ramelow. Eines seiner bewegendsten Erlebnisse war ein Besuch bei Kalikumpeln im Hungerstreik. » mehr

Andreas Bausewein, Oberbürgermeister von Erfurt, hat das rot-rot-grüne Bündnis in der Landeshauptstadt platzen lassen. Archiv-Foto: Michael Reichel/dpa

17.12.2018

Nur ein rot-rot-grünes Zweckbündnis

Ein harter Streit ums Personal hat vor Kurzem die rot-rot-grüne Koalition im Stadtrat von Erfurt beendet. Was da in der Landespolitik vor sich ging, ist mehr als eine lokalpolitische Angelegenheit. » mehr

Im Laufe eines Lebens sammelt sich einiges an Unterlagen an. Sicher nicht so viel wie auf diesem Foto. Trotzdem ist es sinnvoll, wenn Familien ihre Unterlagen ordnen und Angehörige wissen, wo sie was im Notfall finden. Foto: dpa/Archiv

25.10.2018

Gebietsreform: Allein das Drucken kostet tausende Euros

Zwar ist von den einst großen Plänen für eine rot-rot-grüne Gebietsreform nur noch ein bisschen was geblieben. Doch selbst dieses Bisschen ist eine große Herausforderung für die Landesverwaltung. Selbst bei so banalen Di... » mehr

In seiner Stadt ist der Begriff Kindergarten allgegenwärtig: Bad Blankenburgs Bürgermeister Mike George. Foto: Stadtverwaltung

10.01.2019

Kindergarten-Kampagne hofft auf 1000 weitere Unterschriften

Heute endet die Frist für die Petition, mit der die Initiatoren den Begriff Kindergarten wieder im allgemeinen Sprachgebrauch verankern wollen. Die nötige Zahl von 1500 Unterschriften ist aber längst erreicht. » mehr

Wolfgang Tiefensee. Archivfoto: ari

14.02.2019

Nächste Insolvenz am Logistik-Standort Thüringen

In der Logistik arbeiten in Thüringen Zehntausende Menschen. Nun hat es ein weiteres großes Unternehmen der Branche Insolvenz angemeldet. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Apres Ski Sause in Toschi´s Station

Après-Ski-Sause Toschi´s Station | 17.02.2019 Zella-Mehlis
» 52 Bilder ansehen

Kristallmarathon

Kristallmarathon Bergwerk Merkers | 17.02.2019 Merkers
» 84 Bilder ansehen

Winterzauber Schmiedefeld

Winterzauber Schmiedefeld | 17.02.2019 Schmiedefeld
» 75 Bilder ansehen

Autor
Sebastian Haak

Sebastian Haak

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
09. 01. 2019
10:42 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".