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Thüringen

Die Menschenfischer

Es ist ruhig geworden um die Flüchtlingskrise. Kein Vergleich zum Jahr 2015, als mehr als eine Million Migranten nach Europa kamen, die meisten übers Mittelmeer. Doch auch heute ertrinken dort noch Menschen. Zwei Männer aus Meiningen wollten das nicht mehr mit ansehen.



Sie seien die Antwort auf "staatliches Versagen", sagen Erhard Driesel (62) und Stefan Kehrt (38). Driesel ist eigentlich Fotograf von Beruf, Kehrt Arzt. In diesem Sommer waren die zwei Meininger als Seenotretter auf dem Mittelmeer.	Foto: ari
Sie seien die Antwort auf "staatliches Versagen", sagen Erhard Driesel (62) und Stefan Kehrt (38). Driesel ist eigentlich Fotograf von Beruf, Kehrt Arzt. In diesem Sommer waren die zwei Meininger als Seenotretter auf dem Mittelmeer. Foto: ari   » zu den Bildern

Das Wasser ist fast so flach wie ein Spiegel. Wie ein großes Tuch aus blauer Seide, das langsam auf und ab wiegt. Keine großen Wellen, keine tosende See. So kann kein Massengrab aussehen, glaubt man. Die "Seefuchs" liegt ruhig auf dem Mittelmeer. Etwas mehr als 30 Meilen sind es bis zur libyschen Küste. Irgendwo westlich von Libyens Hauptstadt Tripolis treibt der knapp 27 Meter lange Fischkutter. Er ist auf der Suche. Früher, als die "Seefuchs" noch "Heringshai" hieß und zur Fischfangflotte der DDR gehörte, fischte sie in der Nord- und Ostsee, heute rettet sie Menschen im Mittelmeer.

Knapp 60 Kilometer vor der afrikanischen Küste ist es unendlich heiß, 38 bis 40 Grad Celsius im Schatten. Erhard Driesel und Stefan Kehrt sind auf Deck. Mit den anderen zehn Mitgliedern der Crew, allesamt Freiwillige aus ganz Europa, halten sie Ausschau nach kleinen Punkten am Horizont. Punkte, die vielleicht ein Flüchtlingsboot sein könnten.

Seit ein paar Tagen sind die beiden Meininger nun schon mit der "Seefuchs" auf dem Mittelmeer unterwegs. Eigentlich führen Driesel und Kehrt ein anderes Leben: Der 62-jährige Driesel ist Fotograf, hat in der Theaterstadt seinen eigenen Fotoladen; Kehrt arbeitet seit sechs Jahren als Chirurg am Meininger Klinikum. Beide sind gute Freunde, wohnen zusammen im selben Mietshaus. Aber die vergangenen zwei Jahre haben beide verändert.

Für den Fotografen Driesel war es ein einziges Bild, das alles auf den Kopf gestellt hat: das Foto des kleinen syrischen Jungen, dessen Körper am türkischen Badeort Bodrum angespült wurde. Drei Jahre wurde Aylan Kurdi alt. Er ist ertrunken im Mittelmeer. "So etwas darf man nicht zulassen. Wir sind eine Menschenfamilie", sagt er. Driesel hat einen Segelschein, ist seit 14 Jahren regelmäßig auf hoher See. Als ihm sein Kumpel Stefan Kehrt von der Organisation Sea-Eye und den fast 1000 Freiwilligen, die bereits mitmachen, erzählt, schlägt er ein. Diesen Sommer wollten sie nicht in den Urlaub fliegen und am Strand liegen. Stattdessen fuhren sie aufs Mittelmeer, um Menschen zu retten.

Nach einem Vorgespräch in Regensburg, wo der Unternehmer Michael Buschheuer im Herbst 2015 Sea-Eye gegründet hat, ging es Ende Juli per Flugzeug nach Malta, in dessen Hauptstadt Valletta die "Seefuchs" und ihr grünlackiertes Schwesterschiff "Sea-Eye" vor Anker liegen. Von da aus brachen Driesel und Kehrt gen Libyen auf. Zwei Wochen lang sollen sie die Region vor der Küste nach Flüchtlingen absuchen.

Bis auf maximal 30 Meilen darf die Nichtregierungsorganisation an die Küste heranfahren. Was genau passiert, wenn man diese Grenze überschreitet, will niemand herausfinden. In Libyen herrscht auch sechs Jahre nach dem Sturz von Diktator Gaddafi weiter das Chaos. Die aktuelle Regierung hat außerhalb der Hauptstadt kaum Einfluss, im Osten des Landes hat ein Kriegsherr das Sagen. Andere Helferorganisationen berichten von Warnschüssen, die die libysche Küstenwache auf ihre Boote abgegeben haben soll. Als "angespannt" beschreibt Stefan Kehrt seine Stimmung, als er das erste Mal an Bord der "Seefuchs" geht.

Aber es ist eben nicht nur das eigene Leben, um das sich die Mitglieder der zwölfköpfigen Crew sorgen. Sie haben auch Angst vor dem Leid, das irgendwo da draußen auf sie wartet. Was, wenn plötzlich das erste Flüchtlingsboot am Horizont auftaucht? Was, wenn bereits einige der Menschen an Bord nicht mehr leben oder schwer verwundet sind?

Zumindest in der Theorie ist alles durchgeplant. Jeder hat seine Aufgabe. Wird ein Boot gesichtet, setzt sich die "Seefuchs" in Bewegung. Ist sie bei den Hilfesuchenden eingetroffen, wird ein Schlauchboot zu Wasser gelassen, das zunächst einmal die Lage im Flüchtlingsboot prüft. Was die Macher von Sea-Eye, aber auch Driesel und Kehrt, immer wieder betonen: "Wir betreiben nur Seenotrettung, keinen Transport von Flüchtlingen!" Bedeutet: Die Crew verteilt lediglich Rettungswesten und Trinkwasser an die Migranten und verständigt die Seenotrettungsleitstelle MRCC in Rom, die für das gesamte Mittelmeer zuständig ist. Den Abtransport der Flüchtlinge übernehmen dann größere Schiffe, die sie nach Italien bringen.

Auf der "Seefuchs" selbst ist kaum genügend Platz für die Crew. Verletzte könnten nur behelfsmäßig im Kapitänszimmer versorgt werden. Mehr als Notfallversorgung sei nicht drin, sagt Chirurg Kehrt. Man müsse sich schon vorher damit auseinandersetzen - was man tut, wenn man einen Patienten vor sich liegen hat, für den es keine Hoffnung mehr gibt. Da müsse man eine Grenze ziehen: Was man als Arzt noch macht und was sich nicht mehr lohnt. "Man kann nicht alle medizinischen Ressourcen an Bord für einen hoffnungslosen Fall verbrauchen."

Ausgerechnet die Füße leiden bei der Überfahrt übers Wasser mit am meisten, erzählt der Arzt. Oft tagelang sitzen die Flüchtlinge in den Schlauchbooten in einer Mischung aus Urin, Fäkalien, Benzin und Erbrochenem. "Die Schlepper", erzählt Stefan Kehrt, "versprechen den Menschen, dass das Meer wie ein Fluss sei, den sie nur überqueren müssten." Allein in den ersten Monaten dieses Jahres sind laut der Internationalen Organisation für Migration 2410 Menschen in diesem 200 Meter tiefen "Fluss" gestorben.

Die Tage auf der "Seefuchs" vergehen. Das Wasser ist friedlich, kein Seegang. Jeden Morgen fliegen Maschinen der spanischen Luftwaffe über die Köpfe der "Seefuchs"-Besatzung hinweg. Auch kleinere Privatflugzeuge kommen hin und wieder aus Richtung Malta geflogen und kreisen über dem Meer. Sie alle sind auf der Suche nach treibenden Flüchtlingsbooten. Aber kein einziges taucht auf. Irgendetwas stimmt nicht, glauben die Sea-Eye-Helfer. Andere Hilfsorganisationen melden ebenso keinen einzigen Einsatz. Stefan Kehrt hat ein mulmiges Gefühl: "Wir haben gemerkt, im Hintergrund passiert politisch etwas." Er sollte recht behalten.

In den ersten Augusttagen beschloss das italienische Parlament, die libysche Küstenwache auch innerhalb ihrer Hoheitsgewässer unter die Arme zu greifen. Am 13. August sind Erhard Driesel und Stefan Kehrt wieder zurück in Deutschland. Am gleichen Tag hat Sea-Eye-Gründer Buschheuer die Rettungsmission gestoppt. Unter den aktuellen Bedingungen sei keine Seenotrettung mehr möglich. Libyen hat die Zone seines Einsatzgebiets von 12 auf 74 Seemeilen vor der Küste vergrößert. Zu weit für die "Seefuchs", die höchstens neun Knoten, also knapp 17 Stundenkilometer, schnell fahren kann. "Das reicht nicht, um im Notfall rechtzeitig dort zu sein", sagt Stefan Kehrt.

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Karsten Tischer
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Veröffentlicht am:
29. 08. 2017
12:49 Uhr

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