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Thüringen

Damit der Palast der Feen blitzt und blinkt

In den Saalfelder Feengrotten wird gespritzt und gesprüht. Jedes Jahr im Januar helfen alle mit, die Tropfsteine wieder auf Hochglanz zu bringen.



Auf dem Boden der Quellgrotten hat sich Eisenoxid abgesetzt, das Nick Mewes aus dem Becken spült.
Auf dem Boden der Quellgrotten hat sich Eisenoxid abgesetzt, das Nick Mewes aus dem Becken spült.   » zu den Bildern

Durch die Tür geht es in eine andere Welt. Vom Sonnenschein, der den Wintertag ein wenig zu warm macht für diese Jahreszeit, nur über die Schwelle in die Düsternis. Es ist kalt, es riecht nach Moos, es ist feucht. Ein paar Funzeln im Gang helfen, zumindest nicht zu stolpern. Aufpassen muss man trotzdem. Der Boden ist uneben, die Decke hängt tief. "Kopf einziehen, wer über einen Meter siebzig groß ist", ruft Arne Bullermann. Er ist der technische Leiter der Saalfelder Feengrotten und sieht in diesen Wochen nicht viel Tageslicht. Acht Kollegen bringen dort gerade die Tropfsteine zum Glänzen - vorgezogener Frühjahrsputz in dem ehemaligen Bergwerk, wie in jedem Januar.

Von früh um sieben Uhr bis nachmittags um halb vier helfen von den Gästeführern bis zum Gärtner alle zusammen. Sie bohren, sie kleben, sie spritzen, sie sprühen. Wer an den Tropfsteinen arbeitet, muss besonders vorsichtig sein: Die sind extrem empfindlich, da sie aus Diadochit bestehen - einem Mineral, Eisensulfat, das grundsätzlich selten vorkommt, weich und gelblich ist. Deswegen heißt es umgangssprachlich Bergbutter.

Von dem dunklen Gang geht es über metallene, rutschige Stufen nach unten in die Quellgrotten. Vor dem Wasserstrahl, mit dem Franko Michel die Fliesen abspritzt, fließt rotbrauner Schlamm. "Das ist Eisenoxid", erklärt sein Kollege Arne Bullermann. Also Rost. "Er lagert sich im Laufe des Jahres ab." Und sorgt dafür, dass sich die Grotte immer wieder anders zeigt. "Sie kann sich jährlich verändern, von gelb bis dunkelrot."

Sogar grüne Stellen sind dabei. Das ist nicht gewollt, passiert aber automatisch. Wenn Besucher kommen und gehen, gelangen Keime, Sporen oder Samen unter Tage. An Stellen, an denen in der Höhle Lichter angebracht sind, gedeihen in der feuchten Luft Moose, Flechten und Algen. Lampenflora nennt sich das. "Wenn wir die nicht bekämpfen, verschwinden die schönen Farben und alles wird grün", sagt Arne Bullermann. "Klar, dass wir das nicht wollen."

Feingefühl nötig

Die Tropfsteine von den Gewächsen zu befreien, braucht Feingefühl. Den Grund versteht man am besten, wenn man den Märchendom besucht, die älteste der Saalfelder Grotten, die gleichzeitig als die beeindruckendste gilt. Seit 1993 halten die Feengrotten den Guiness-Rekord als farbenreichste Schaugrotten der Welt. Stirnlampen leuchten den Grottenführern Jennifer Schild und Marko Neumeister den Weg zwischen den Stalagmiten hindurch, die wie kleine Türmchen in die Höhe wachsen. Von oben hängen die Stalaktiten hinab, über Jahrhunderte immer länger geworden. Den längsten schätzen die Feengrotten-Mitarbeiter auf einen Meter achtzig. Es ist eine Gratwanderung für jeden, der sich dazwischen bewegt: Bloß nirgends anstoßen, damit nichts kaputt geht, und sich gleichzeitig mit einem Helm vor herabfallenden Teilen schützen. Denn immer wieder brechen Tropfsteine von selbst ab, zerbersten in Tausend Stücke, wenn sie auf den Boden aufschlagen, sagt Arne Bullermann.

An ihren Enden sind sie gerade mal einen halben Millimeter dick. Halb so schmal also wie der Abstand zwischen zwei Millimeter-Strichen auf einem Lineal. Und wie sehr man tatsächlich aufpassen muss, wenn man sich durch die Grottenlandschaft bewegt. Allein das scheint schon eine Herausforderung zu sein. Beim Putzen wird es noch komplizierter.

Zurück in die Quellgrotten, wo Franko Michel noch immer mit dem Schlauch im Becken steht. Das ausgespülte Eisenoxid soll später als natürliches Ocker-Farbpigment verwendet werden. Die anspruchsvollere Aufgabe für den Grottenführer und seinen Kollegen Nick Mewes aber sind die Tropfsteine.

Eine Tinktur - "Geheimrezept der Feengrotten", sagt Arne Bullermann -, soll das störende Grün ablösen, welches sie dreckig wirken lässt. So viel verrät der technische Leiter: "Die große Chemie vermeiden wir, weil die nicht gut fürs Mikroklima ist." Damit alles heil bleibt, wird die Flüssigkeit mit einem Spritzgerät aufgesprüht, wie man es von der Gartenarbeit kennt. Dann dauert es ein oder zwei Wochen, bis sich das Grünzeug löst und einfach herunterläuft.

"Gerade die dünneren Tropfsteine kann man nur einnebeln", sagt Grottenführer Franko Michel. "Richte ich einen Strahl darauf, brechen sie ab." Das passiert deswegen, weil sie aus der weichen Bergbutter bestehen. Dafür wachsen sie aber auch schnell - natürlich vergleichsweise: "Normale Tropfsteine werden in hundert Jahren einen Zentimeter länger", sagt Nick Mewes. "Unsere schaffen drei."

Wie Jahresringe

Er hebt einen auf, der auf dem Boden liegt. Er bricht das helle Stöckchen auseinander. Innen sieht es aus wie ein Stück Borkenschokolade. Oder wie Jahresringe bei einem Baumstamm. Denn wie beim Baum hat sich Schicht um Schicht angesetzt, als das Wasser von oben nachlief und nachlief und das noch immer tut. Und zwar deswegen, weil beim früheren Bergbau eine Gesteinsschicht durchbrochen worden sei, die Wasser trage, erklärt Nick Mewes.

Seit dem 16. Jahrhundert wurde in Saalfeld sogenannter Alaunschiefer abgebaut, den man an den schwarzen Wänden der Grotten sehen kann. In weniger als 300 Jahren entstand daraufhin die Tropfsteinwelt, die im Jahr 1910 entdeckt wurde.

1914 öffneten die Saalfelder Feengrotten für Besucher, heute existiert eine richtige Erlebniswelt, sogar mit ein paar Gästezimmern. Seit vergangenem Jahr kommen immer mehr Leute, die reine Luft atmen wollen: Saalfeld hat als erster Kurort in Thüringen die Zertifizierung als "Staatlich anerkannter Ort mit Heilstollenkurbetrieb" erhalten.

Deswegen wird bei der aktuellen Putzaktion auch der Heilstollen renoviert: Die Anker im Netz an der Decke, das die Gäste vor herabfallenden Steinen schützen soll, erhält Gewinde aus Edelstahl. "Die rosten nie wieder", sagt Arne Bullermann. "Das heißt, wenn ich in Rente gehe, sind die immer noch da." Und er sieht aus, als dauere es noch etwas, bis der Ruhestand kommt.

Außerdem werden in den Grotten derzeit flächendeckend Leitungen gelegt fürs interne Telefonnetz. Und im Märchendom laufen die Vorbereitungen für die Umstellung auf LED-Beleuchtung. Die 18 Lampen, die derzeit die Farben der Höhle erstrahlen lassen, brauchen zu viel Energie.

Großes Medieninteresse

In diesen Tagen kommt sich Arne Bullermann vor wie ein Öffentlichkeitsarbeiter, meint er und lacht. Das Interesse von Fernsehen und Presse an dem Großputz scheint riesig, rund ein Dutzend Teams aus Redakteuren, Fotografen oder Kameraleuten habe er durch die Feengrotten geführt. Im vergangenen Jahr seien es ähnlich viele gewesen, sagt er.

Obwohl er für die Besuche der Journalisten seine Kollegen einspannen muss, wirkt keiner der Mitarbeiter ungeduldig angesichts ungezählter Fragen und Kameralinsen. Im Gegenteil: Es sind die Gäste, denen nach zwei Stunden in den Grotten die kühlen acht Grad Celsius tief in die Glieder gekrochen sind und die es wieder ans Tageslicht treibt. Wie wohlig sich doch Wintersonne anfühlen kann.

Die Feengrotten öffnen wieder am 1. Februar.

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Alexandra Paulfranz

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Veröffentlicht am:
18. 01. 2020
14:36 Uhr

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Alexandra Paulfranz

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18. 01. 2020
14:36 Uhr



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