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Thüringen

"Corona-Lockerung macht Kindergarten-Betreuung schlechter"

Schulen und Kindergärten sollen Mitte Juni fast und nach den Sommerferien ganz normal öffnen, schlägt Ministerpräsident Ramelow vor. Aus der Forschung kommen kritische Töne - auch wenn die Not der Eltern groß ist.



Bald alles wieder wie vorher in der Kita? Eher nicht. Archivfoto: dpa
Bald alles wieder wie vorher in der Kita? Eher nicht. Archivfoto: dpa  

Erfurt - Die Überlegungen von Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) zu einem baldigen Regelbetrieb von Schulen und Kindergärten stoßen in der Wissenschaft auf Vorbehalte. "Ich sehe das mit Skepsis", sagte die Erfurter Erziehungswissenschaftlerin Barbara Lochner. "Die Betreuungsbedingungen in der Kita werden sicher schlechter sein als vor der Krise."

Zwar hätten viele Eltern wegen ihrer Berufstätigkeit oft keine andere Wahl, als ihre Kinder in die Tagesbetreuung zu geben. Doch habe es schon vor der Corona-Krise ein Fachkräfteproblem in den Thüringer Einrichtungen gegeben. "Wenn wir da jetzt noch die Risikogruppen rausrechnen, dann haben wir eine Situation, die pädagogisch nicht wünschenswert ist", erklärte Lochner. Denn es würden dann noch mehr Erzieherinnen fehlen bei einer gleichbleibend hohen Anzahl zu betreuender Kinder. Lochner ist an der Fachhochschule Erfurt Professorin für die Pädagogik der Kindheit.

Ramelow hatte vorgeschlagen, Schulen und Kindergärten in Thüringen nach den Sommerferien - also ab September - wieder vollständig zu öffnen. Dies soll gelten, auch wenn es dann noch keinen Impfstoff gegen Covid-19 geben sollte. Eine solche Rückkehr zum vollständigen Regelbetrieb war eigentlich erst für den Zeitpunkt vorgesehen, ab dem es einen Impfstoff oder wenigstens Medikamente gegen die Lungenkrankheit gibt, die durch das neuartige Coronavirus ausgelöst wird. Dies wäre nach Expertenansicht frühestens zu Jahresbeginn 2021 der Fall. Zuletzt hatten sich auch Elternvertreter skeptisch zu den Öffnungs-Plänen Ramelows geäußert.

Wenn Ramelow wieder alle Schulen und Kitas regulär öffnen wolle, dann brauche es vor allem in Städten mehr Räume und Personal, sagte Lochner. Woher die Pädagogen kommen sollten, sei völlig unklar. "Ich halte es für keine gute Idee, intensiv mit Quereinsteigern zu arbeiten, das geht ergänzend an manchen Stellen, aber nicht flächendeckend." Ohne Fachpersonal sei eine gute Betreuung nicht zu leisten. "Dann betreuen wir unsere Kinder irgendwie, stellen aber nicht sicher, dass Kita wirklich ein Bildungsort ist und dort der Infektionsschutz eingehalten wird."

Lochner hatte bei einem Forschungsprojekt im April Thüringer Eltern über das Internet zu ihrer Situation in der Corona-Krise befragt. Nach ihren Angaben haben innerhalb von zwei Wochen etwa 4300 Menschen teilgenommen - davon 3000 in den ersten vier Tagen. Offenkundig hätten die Eltern die Möglichkeit, an der Studie teilzunehmen, auch als ein Sprachrohr verstanden, um auf ihre Sorgen aufmerksam zu machen.

Die Studie soll in den nächsten Monaten detailliert ausgewertet werden. Erste Ergebnisse zeigten, dass Eltern bei einigen Kindern die Angst wahrgenommen hätten, sich selbst oder die Großeltern mit dem Virus zu infizieren. Vor allem aber zeigen die ersten Befunde, wie hoch belastet sich Eltern in der Corona-Krise sehen - und dass sie mit den Unterstützungsangeboten durch Schulen und Kitas häufig unzufrieden waren.

Es habe zwar ein großes Verständnis dafür gegeben, dass die Einrichtungen geschlossen werden mussten, sagte Lochner. Doch sei in der Zeit, in der die Studie durchgeführt wurde, erkennbar gewesen, "dass die Geduld vieler Eltern mit den Schulen oder den Kitas erst mal am Ende war". Unter anderem hätten die Schulen nicht klar kommuniziert, was mit dem Unterrichtsstoff geschehen sollte, den sich die Kinder zu Hause mit Hilfe ihrer Eltern aneignen sollten. "Offensichtlich hatten viele Schulen und auch die Politik zu hohe Erwartungen daran, dass die Eltern das Homeschooling mal so nebenbei bewältigen", sagte Lochner.

Es habe in der Studie zwar auch ein kleiner Teil der Eltern erklärt, sie würden mit der coronabedingten Situation gut klar kommen. Sie würden sich freuen, jetzt mehr Zeit mit ihren Kindern zu haben. "Aber ich hätte gedacht, der Anteil dieser Eltern ist noch größer", sagte Lochner. "Die Mehrzahl von ihnen hat eher gesagt: Wir kriegen das hin, aber es kostet uns die letzten Nerven." dpa

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Veröffentlicht am:
02. 06. 2020
07:33 Uhr

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02. 06. 2020
07:33 Uhr



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