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Bis zu 100 Quereinsteiger gegen Lehrermangel

Im Freistaat fällt zu viel Unterricht aus. Damit die Quote in den kommenden Jahre sinkt, setzt das Bildungsministerium vom kommenden Jahr an auf Seiteneinsteiger - und auf ein anderes Modell als Sachsen.



Hochgestellte Stühle in einem Klassenzimme.. Der Freistaat sucht Wege gegen den Unterrichtsausfall. Dabei setzt das Bildungsministerium unter anderem auf Quereinsteiger.   Foto: dpa/Archiv

Erfurt - Mit bis zu hundert Seiteneinsteigern will die Landesregierung im kommenden Jahr den Lehrermangel an den Schulen im Freistaat abfedern. Die ersten Seiteneinsteiger sollen zum neuen Halbjahr im Februar erstmals vor der Klasse stehen, wie der Sprecher des Bildungsministeriums Frank Schenker sagte. Erstmals sollen auch Lehrkräfte mit nur einem Fach unterrichten. Eine Verordnung, die die berufsbegleitende Qualifizierung der Berufsanfänger regelt, soll im Dezember im Bildungsausschuss beschlossen werden und Anfang 2018 in Kraft treten.

Anders als an Berufsschulen sind Quereinsteiger an allgemeinbildenden Schulen wie Grund- und Regelschulen im Freistaat die Ausnahme und nur im Bereich Deutsch als Zweitsprache (DaZ) tätig. Andere Bundesländer wie Sachsen arbeiten schon seit Jahren mit einer Vielzahl an Seiteneinsteigern. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Thüringen (GEW) sieht in der Einstellung von Quereinsteigern das Resultat verfehlter Ausbildungs- und jahrelanger Sparpolitik. Schenker spricht von einer «notwendigen Ergänzung in einer Mangelsituation». Ausgebildete Lehrer hätten jedoch immer Vorrang.

Anders als in Sachsen, wo die Neuen vor ihrer ersten Unterrichtsstunde drei Monate nachqualifiziert werden, sollen die Thüringer Quereinsteiger ihr pädagogisch-didaktisches Rüstzeug parallel zu ihren ersten Unterrichtsstunden bekommen. Mit diesem Verfahren habe man an Berufsschulen gute Erfahrungen gesammelt, sagte Uta Asmus-Hersener, die die Ausbildung der Seiteneinsteiger im Ministerium organisiert. «Fachlich bringen die ja alle schon was mit.» Ein Restrisiko, dass die Quereinsteiger sich in ihrer neuen Rolle nicht wohl fühlten, bleibe bestehen.

Die GEW und andere Verbände fordern, Seiteneinsteiger sollten möglichst vor der Einstellung qualifiziert werden. «Ohne Nachqualifizierung sollte kein Seiteneinsteiger an einer Schule arbeiten», sagte Landesvorsitzende Kathrin Vitzthum. In Sachsen lag die Abbrecherquote im vorigen Schuljahr bei 10, zuvor sogar bei 20 Prozent.

Die Pläne des Bildungsministeriums sehen vor, dass Seiteneinsteiger mit einem Fach ein Jahr, mit zwei Fächern zwei Jahre nachqualifiziert werden. Anschließend folgt eine einjährige Probezeit, ehe sie die Laufbahnbefähigung inklusive Möglichkeit zur Verbeamtung erhalten. Dann sind sie mit studierten Lehrern gleichgestellt.

Während der Nachqualifizierung unterrichten die Seiteneinsteiger 4 Tage beziehungsweise 18 Schulstunden pro Woche an ihrer Schule und kommen einen Tag wöchentlich zum Studienseminar. Dort sollen die didaktisch-pädagogischen Kenntnisse vermittelt werden: Wie motiviere ich Schüler? Welche Medien und welche Methoden setze ich ein? Wie baue ich eine Unterrichtsstunde auf? Während der ersten Wochen stehen die Seiteneinsteiger allerdings ganz ohne Vorkenntnis da. Das Ministerium setzt auch darauf, dass die Neuen von den Kollegen «an die Hand genommen» werden.

Zum Start der Nachqualifizierung werden die Seiteneinsteiger in Tarifstufe E11 eingeordnet, verdienen also gut 3100 Euro brutto. Zwei Jahre später liegt das Einkommen schon bei fast 3700 Euro. Ein verbeamteter Lehrer erhält an einer Regelschule derzeit knapp 3300 im ersten Jahr. Beamte zahlen jedoch deutlich weniger Sozialabgaben. Besonders viele Lehrer fehlen Schenker zufolge im ländlichen Raum sowie an Regelschulen in den naturwissenschaftlichen und musischen Fächern. An Gymnasien gibt es mehr Bewerber als nötig.

Das Land will im kommenden Jahr 900 Lehrer einstellen - 80 wurden bereits in dieses Jahr vorgezogen. Weitere 300 Stellen sind Entfristungen bereits tätiger Lehrer und 150 sind ebenfalls schon beschäftigte DaZ-Lehrer, die weiter für den Freistaat arbeiten werden. Somit bleiben 370 Stellen, die noch besetzt werden müssen. Außerdem haben die Regierungsfraktionen gerade ein Bildungspaket im nächsten Doppelhaushalt verankert, das 2018 und 2019 die befristete Einstellung von je 300 Lehrern vorsieht.

Im Freistaat fielen zu Beginn des Schuljahres 4,1 Prozent des Unterrichts ersatzlos aus - das waren 12 649 Unterrichtsstunden. Vor einem Jahr waren es noch etwa 10 300 Stunden.
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06. 11. 2017
08:01 Uhr

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06. 11. 2017
08:01 Uhr



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