Lade Login-Box.
Fotowettbewerb 2020 zum Digital-Abo
Topthemen: Podcast: Offen gesagtCoronavirus in ThüringenCorona-HilfsbörseFolgen Sie uns auf Instagram

Thüringen

Anne-Sophie: Zu Hause, aber noch lange nicht angekommen

Das Schicksal von Familie Ewald aus Wasungen hat viele Leserinnen und Leser bewegt. 57 000 Euro spendeten sie, damit die Mutter und ihre drei Kinder nach einem tragischen Unfall finanziell abgesicherter zurück ins Leben finden.



Wo vorher ein Fenster war, wird der Aufzug für den Rollstuhl installiert. F. (2): swo
Wo vorher ein Fenster war, wird der Aufzug für den Rollstuhl installiert. F. (2): swo   » zu den Bildern

Wasungen - Schon von außen ist zu erkennen, dass sich im Erdgeschoss des Wohnblocks in der Caspar-Neumann-Straße in Wasungen etwas tut. Da, wo einst ein Fenster war, ist nun ein Türloch geschnitten, unten breiter als oben. Hier soll der Aufzug für den Rollstuhl installiert werden, auf den die gerade 15 Jahre alt gewordene Anne-Sophie nach einem Verkehrsunfall angewiesen ist.

Das Mädchen ist am 21. Mai aus einer Spezialklinik entlassen worden. Anfang Juni wurde sie aber bereits wieder in Meiningen operiert. "Das Schlüsselbeinimplantat und eine Beckenschraube wurden entfernt", erzählt Mutter Mandy und zeigt das Metallteil, das so lang ist wie ihre Handfläche.

Während die Mutter berichtet, was sich in den letzten Wochen alles veränderte, liegt Anne-Sophie auf der Couch und schaut fern. Die Wohnlandschaft und weitere Möbel mussten neu gekauft werden, denn die Familie zog mittlerweile vom dritten Stock ins Erdgeschoss, weil hier die Möglichkeit bestand, die angrenzende Wohnung behindertengerecht umzubauen. Da kommt das Spendengeld von "Freies Wort hilft - MITEINANDER-FÜREINANDER", dem Hilfsverein der Heimatzeitungen, gerade recht. Die alte Couch habe nicht ins neue Wohnzimmer gepasst und sei zudem viel zu tief gewesen, sagt Mutter Mandy. Schließlich muss Anne-Sophie nun fast den ganzen Tag auf ihr verbringen. Mit Hilfe der Mutter schafft sie es von der Couch ins Bad, zur Toilette, in ihr Zimmer oder in den Rollstuhl. In ein paar Wochen soll die Wohnung nebenan fertig umgebaut sein. Der Durchbruch ist in der Wohnzimmerwand der Ewalds schon sichtbar.

Im Moment werkeln die Handwerker auf der anderen Wandseite, um die Zimmer rollstuhlgerecht herzurichten. Gerade werden die Elektroarbeiten erledigt. Das Hämmern, Bohren und Klopfen beeinträchtigt die Genesung natürlich. Denn auch Mutter Mandy ist noch krankgeschrieben, ihr Arm ist noch nicht wieder voll funktionsfähig.

Anne-Sophie hatte es bei dem Unfall im September nahe Schwallungen am schlimmsten erwischt. Ihre Geschwister Tonny (13) und Lindsay (11) können zwar wieder zur Schule gehen, Corona-bedingt waren sie jetzt lange zu Hause. Beide seien noch immer traumatisiert nach dem Unfall, an dem Mutter Mandy schuldlos war. Ein Großtaxi hatte ihnen die Vorfahrt genommen. Der Kleinwagen der Ewalds war Schrott. Jetzt hat die Familie einen Kleinbus gekauft, damit kann Anne-Sophie mit dem Rollstuhl transportiert werden.

Markus, der Freund der Mutter, hat bei der Wohnungsverwaltung nachgefragt, ob die Familie einen festen Stellplatz genau neben dem Aufzug der jetzt im Bau befindlichen Wohnung bekommen kann. "Das wäre eine Erleichterung", weiß er. Schließlich muss Mandy als alleinerziehende Mutter von drei Kindern, davon jetzt eins im Rollstuhl, schon so genug wuppen - und damit ist nicht die Muskelkraft gemeint.

Ihre Arbeit will Mandy Ewald, wenn der Arm wieder in Ordnung ist, wieder aufnehmen. Allerdings kann sie nicht mehr in Schichten arbeiten, denn Anne-Sophie soll künftig im Förderzentrum in Schmalkalden beschult werden. Das Mädchen wird dann morgens geholt und nachmittags wieder gebracht. "Und da muss ich zu Hause sein", sagt Mandy Ewald.

Anne-Sophie kommt mit der neuen Situation noch nicht zurecht. Auf die Frage, wie es ihr geht, antwortet sie ehrlich: "Scheiße." Sie will, "dass das Metall aus meinem Körper rausgemacht wird". Und meint damit unter anderem die Implantate in beiden Beinen und im Schambein. Und sie meint, dass sie jetzt "plemplem" sei. Die Teenagerin beschreibt mit diesem Wort ihre Gedächtnislücken, ebenfalls eine Folge des Unfalls.

Eine Begutachtung wegen des Schulwechsels steht noch bevor, ein Schulassistent sei beantragt. Auch wenn Anne-Sophie noch nicht damit klarkommt, "dass ich jetzt auf die Behindertenschule muss".

Mit dem Rollstuhl üben will sie nicht. Sie will eigentlich gar nicht in den Rollstuhl, sagt sie trotzig. Einziger Lichtblick: ihr kleiner Terrier, der wie ein Wirbelwind in der Stube der Familie herumhüpft. "Der muss dreimal am Tag raus", sagt Anne-Sophie. Eine Aufgabe, die sie wieder unter Menschen bringen kann. Doch ihr bisheriges Leben hat sich für die 15-Jährige komplett geändert, es wird nie mehr so sein, wie vor diesem Tag im September. Ob und, wenn ja, wie sich ihre Gedächtnisleistungen verbessern, könne oder wolle ihr niemand sagen, erzählt Mutter Mandy. Ohne Rollstuhl werde es aber wohl nie mehr gehen.

Zumindest verbessert sich bald die Wohnsituation für die ganze Familie, wenn die Zimmer nebenan fertig sind. Dann hat Anne-Sophie ihr eigenes Reich, große Zimmer, ein eigenes rollstuhlgerechtes Bad, breite Türöffnungen und durch den außen angebrachten Aufzug die Möglichkeit, auch alleine das Haus zu verlassen. So richtig freuen darüber kann sich der Teenager nicht. "Ich muss mein ganzes Leben bei meiner Mutter bleiben", sagt sie bedauernd. Ob das in ein paar Jahren wirklich so ist, wird sich zeigen. Natürlich muss Anne-Sophie mithelfen, ihren Gesundheitszustand zu verbessern. Mit der Ergotherapie hat sie schon begonnen.

Wenn die Zimmer fertig sind, wird der Hilfsverein mit dem gespendeten Geld helfen, die Wohnung für Anne-Sophie nach ihren Wünschen auszustatten. Dann soll ein Mietfonds eingerichtet werden, von dem ein Teil der künftigen Miete der Ewalds getragen wird, die mehr als das Doppelte der jetzigen kostet, nämlich 1135 Euro. Wegen der hohen Investitionskosten läuft der Mietvertrag auf zehn Jahre. Der Umbau der Wohnung verursacht Kosten in Höhe von 51 000 Euro, davon erhält der Eigentümer 50 Prozent Förderung des Landes Thüringen und einen Zuschuss der Krankenkasse der Mieterin zur Verbreiterung der Türen in Höhe von 4000 Euro. Die Restkosten in Höhe von 21 000 Euro will der Eigentümer auf die Miete umlegen. Deshalb ist Mandy Ewald froh über die so große Hilfsbereitschaft der Leser der Heimatzeitungen, die ihr damit finanziell eine große Last nehmen.

 

Spenden auf das Konto des Hilfsvereins bei der Rhön-Rennsteig-Sparkasse IBAN: DE39 8405 0000 1705 017 017 sind weiter möglich. Bitte mit dem Stichwort "Ewald".

Autor
Silke Wolf

Silke Wolf

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
08. 07. 2020
08:13 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Alleinerziehende Mütter Behindertenschulen Debakel Familien Kinder und Jugendliche Mieten Mieterinnen und Mieter Mädchen Mütter Rollstühle
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Sie wünschen sich nichts sehnlicher als ihre Mutter und Ehefrau zurück: Sven Köhler mit Tiara, Emily, Luna und dem drei Wochen alten Edward-Rolf. Fotos: Benkert

07.08.2020

"Mama muss wieder nach Hause, egal wie"

Sven Köhler ist Papa. Neunfacher Papa. Der kleinste Sohn Edward ist gerade mal zwei Wochen alt. Seine Mutter Tessa hat das Baby nur ganz kurz kennenlernen dürfen. Ob sie ihn überhaupt jemals in die Arme schließen kann? K... » mehr

Der Schriftzug «Unfall» leuchtet an einem Streifenwagen

10.06.2020

Auto landet im Straßengraben - Zwei Kinder leicht verletzt

Zwei Kleinkinder sind bei einem Unfall im Saale-Orla-Kreis leicht verletzt worden. Die Mutter war mit ihrem Auto von der regennassen Fahrbahn abgekommen. » mehr

Ein Bild aus früheren Tagen: Schlangenfütterung im Exotarium Oberhof. Auch die Reptilienschau gehört zu den Unterzeichnern des Briefes. Archivfoto: Bauroth

14.04.2020

67 Freizeitunternehmer fordern Hilfe vom Land

Unternehmen wie die Skiarena Silbersattel oder das Exotarium Oberhof haben sich mit einem Hilferuf an die Landesregierung gewendet. Sie fordern Hilfen. Zum Beispiel in Form eines Kurzmietengeldes. » mehr

Marek Kasprzyk aus Polen holt die Spargelkisten vom Feldrand ab. Seit vielen Jahren schon kommt er jedes Jahr nach Herbsleben.

18.06.2020

Endspurt für den Spargel nach holprigem Corona-Start

Die Spargel-Saison geht zu Ende. Der Start war wegen Corona holprig - Gaststätten waren dicht, Erntehelfer fehlten. Ein Teil der Felder hat deshalb längst Pause. » mehr

Aprilscherz!

Aktualisiert am 01.04.2020

Was sich zum 1. April ändert

Von der Miete über eine Lockerung bei Hartz-IV bis hin zu Adoption von Stiefkindern: Ab April gibt es bundesweit einige gesetzliche Änderungen. » mehr

Als wäre er der große Bruder: Alqasin mit einem der kleineren Kinder.

25.09.2019

Ein sicherer Hafen für begrenzte Zeit

Am Weltkindertag fahren die Kinder aus dem Kinderheim in Neuhaus nach Nürnberg in den Zoo. Sie wirken fast wie eine Familie. Doch genau das bringt diese Kinder und Jugendlichen zusammen, dass sie alle keine Familie haben... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Montgolfiade Heldburg

Montgolfiade | Heldburg
» 24 Bilder ansehen

Brand Tettau Tettau

Großbrand Tettau | 09.08.2020 Tettau
» 39 Bilder ansehen

Flächenbrand Limbach Limbach

Flächenbrand Limbach | 09.08.2020 Limbach
» 10 Bilder ansehen

Autor
Silke Wolf

Silke Wolf

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
08. 07. 2020
08:13 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.