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Thüringen

"Als gebe es ab morgen gar nichts mehr zu kaufen"

Menschen sind wegen des neuartigen Coronavirus verunsichert, und nicht jede Reaktion auf diese Angst ist rational erklärbar. Auch Hamsterkäufe sind ein Teil dieses Phänomens.



Zeichnung: Stuttmann
Zeichnung: Stuttmann  

In den sozialen Netzwerken machen Bilder die Runde, die leere Supermarktregale zeigen. Da, wo sonst haltbare Lebensmittel wie
H-Milch, Linsen, Haferflocken oder Nudeln, aber auch Konserven oder Verbrauchsmaterialien wie Toilettenpapier oder Küchentücher stehen, ist gähnende Leere zu sehen. Und tatsächlich sehen in diesen Tagen auch in Südthüringer Geschäften einige Regale so aus wie auf den Bildern, die auf Smartphones und Tablets die Runde machen. Allein: Mitteleuropa - und damit Deutschland - steht nicht unmittelbar vor dem Weltuntergang und auch ein langes Wochenende, Ostern, Pfingsten oder Weihnachten stehen nicht im Kalender.

Die Zivilen Notreserven der Bundesrepublik

Für Krisenfälle unterhält die Bundesrepublik Deutschland insgesamt rund 150 Lagerstätten, in denen die sogenannte Zivile Notreserve eingelagert ist. Dabei handelt es sich um einen Vorrat an Grundnahrungsmittel, die an die Bevölkerung ausgegeben werden, sollte es Engpässe in der Nahrungsversorgung geben. Knapp zehn Kilogramm längerfristig haltbarer Lebensmittel, etwa Reis, Erbsen, Linsen, Milchpulver, Kondensmilch werden für die Bürger
bevorratet. Darin enthalten sind auch die Reserven der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE): Dabei handelt es sich um die sogenannte Bundesreserve Getreide. Hafer, Gerste, Roggen und auch Weizen sind eingelagert. Daraus soll im Krisenfall vor allem Mehl für die Brotversorgung der Bevölkerung hergestellt werden

So soll unter Umständen über mehrere Wochen hinweg sichergestellt werden können, dass jeder Bürger Deutschlands täglich wenigstens eine ausreichende Mahlzeit zu sich nehmen kann.

Um Plünderungen zu verhindern, werden die Lagerorte geheim gehalten. Es ist davon auszugehen, dass vor allem in den Ballungsräumen und Großstädten und weniger im zur Selbstversorgung fähigen ländlichen Raum derartige Reserven benötigt werden würden.

Insgesamt sind rund 800 000 Tonnen Lebensmittel in dem Vorrat, der ständig erneuert wird. Der vorgehaltene Warenwert liegt bei rund 200 Millionen Euro. all

 

Umsätze explodiert

 

Immerhin sind in der zurückliegenden Woche die Einzelhandelsumsätze um 30 bis 40 Prozent gestiegen. Wie aus heiterem Himmel habe dieser Ansturm manche Geschäfte und Ketten erwischt, heißt es von verschiedenen Händlern.

Vor einem Einkaufszentrum in Zella-Mehlis räumt ein Paar mittleren Alters gerade Kofferraum und Rücksitze seines Kombis voll. Immerhin drei Einkaufswagen haben die beiden proppevoll vollgeladen, neben Obstkonserven, die sie paketweise verstauen, haben sie auch mehrere Kisten Sekt, einige Tüten Mehl, zwei Paletten Milch und etliche Tüten Zucker und Eier gleich paketweise gekauft. Auf die über den Parkplatz gerufene Frage eines jungen Mannes, ob sie denn den Laden schon leergekauft hätten, antwortet die Dame etwas angenervt, dass eine Familienfeier ins Haus stünde und sie vorhabe, den Nachmittag und Abend damit zu verbringen, für diesen Anlass Kuchen zu backen. Der Mann packt unterdessen in aller Seelenruhe weiter die Einkäufe ins Auto. Nicht jeder, der einen Großeinkauf tätigt, ist also ein Hamsterkäufer. Und für die allermeisten Menschen geht das Leben sowieso weiterhin seinen gewohnten Gang.

Dennoch ist in diesen Tagen einiges etwas anders als gewohnt. Vielleicht liegt es auch daran, dass man mitunter auch vermehrt auf Dinge achtet, die einem sonst nie aufgefallen wären. Immerhin gibt es nun auch in Thüringen die ersten bestätigten Fälle von Ansteckungen mit dem Coronavirus. Erste Kultur- und Sportveranstaltungen werden abgesagt, in sonst gut besuchten Gaststätten ist plötzlich problemlos ein Platz zu bekommen.

Lieferungen wie gewohnt

Es ist Anfang März 2020, als der Handelsverband Deutschland sich gemüßigt sieht, mitzuteilen, dass die Lieferstrukturen funktionierten und die Versorgung der Bevölkerung gewährleistet sei. Der Sprecher einer großen Handelskette sagt in einem Interview zu den augenscheinlichen Engpässen schulterzuckend: "Es ist irrational, aber es ist eben so."

Von einem anderen Unternehmen, einem der Platzhirsche des deutschen Einzelhandels, heißt es, es gebe trotz einer spürbar erhöhten Nachfrage "keine Engpässe in der Warenversorgung". Die routinemäßige Versorgung der Märkte würde wie gewohnt fortgesetzt, sollte das eine oder andere Produkt vergriffen sein, sei es mit der nächsten regulären Lieferung wieder verfügbar. Es gebe insgesamt keine Produkte, bei denen ein Mangel bestehe, die Großhandelslager seien gut gefüllt. Mitunter dauere es aber eben zwei, drei Tage, ehe die Laster aus den Zentrallagern wieder ihre Runden in der Region drehen.

"Eigentlich", sagt ein Marktleiter, "sollte sowieso jeder einen gewissen Vorrat im Haus haben. Nicht wegen der überdrehten Angst, die sich gerade breit macht, sondern, weil man auch so einfach mal krank werden kann oder unangekündigter Besuch in der Tür stehen könnte."

Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht, denn es macht schon einen Unterschied, ob man nun Eierlikör, Kekse und Knabberkram für Freunde bereithält oder in der echten oder auch nur gefühlten Angst davor lebt, dass die Versorgung mit lebensnotwendigen Produkten in absehbarer Zeit zusammenbrechen könnte.

Kaum ein Nachkommen

In der Suhler Innenstadt berichtet eine Verkäuferin von ihren Erlebnissen: "Die Leute sind manchmal unmöglich, manche reagieren so, als gebe es ab morgen gar nichts mehr zu kaufen." Und tatsächlich sind in dem Discounter, in dem sie an der Kasse sitzt, H-Milch mit 3,5 Prozent Fettgehalt, billiges Mineralwasser und preiswerte Nudeln, aber auch einige Fertiggerichte abverkauft. "Morgen kommt neue Lieferung", beruhigt sie eine Kundin und zeigt kopfschüttelnd in Richtung der Kosmetikregale. "Desinfektionsmittel und feuchte Tücher sind weg, aber ganz normale Seife gibt’s ja zum Glück auch noch", frotzelt sie: "und das Wasser kommt ja immer noch aus der Leitung."

In einem Selbstbedienungskaufhaus sind am Dienstagvormittag keine Haferflocken zu finden. Auf die Frage, ob diese denn ausverkauft seien, bittet eine Verkäuferin um Entschuldigung: "Wir kommen mit dem Nachräumen kaum hinterher. Ich kann Ihnen aber gern ein paar Packungen aus dem Lager holen, wenn ich gleich sowieso zum Auffüllen hinter gehe." Als dies nicht dringend nötig ist, kassiert sie weiter. In der Schlange wird rege diskutiert. Während des Kassiervorganges berichtet die Verkäuferin einer Stammkundin, am Nachmittag hätte eine Käuferin, die einen ganzen Karton mit den Getreideflocken im Wagen stehen hatte, bei ihr nachgefragt, was man eigentlich damit anfangen könne, sie selbst kenne Haferflocken sonst eigentlich nur als Tierfutter. Man ist geneigt, zu meinen , dass ja vielleicht auch dieser Einkauf für die Katz’ gewesen sein könnte.

Sarkasmus und Humor

Ein Kunde meint, dass der gute Abverkauf von Lagerbeständen dem Verkaufspersonal entgegenkommen würde: "Die Inventur zum Quartalsende geht dann jedenfalls schneller." Der Handelsverband Deutschland jedenfalls sieht kein Problem bei der Versorgung, auch wenn das Virus "die Konsumstimmung und das Kaufverhalten beeinflussen".

Dass nicht alles so heiß gegessen, wie es gekocht wird, ist auch in den sozialen Netzwerken zu sehen. Corona sorgt dort nicht nur für Angst, sondern auch für Lacher, und sei es nur mit der entsprechend illustrierten Feststellung, dass so mancher Zeitgenosse mit einer eigentlich ungeeigneten Atemschutzmaske besser aussehe als ohne eine solche.

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Holger Schalling
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Veröffentlicht am:
04. 03. 2020
08:04 Uhr

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04. 03. 2020
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