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Thüringen

Albträume, Schockstarre - und die Angst vor Monstern

Misshandelte und sexuell missbrauchte Kinder, eine Frau soll verkauft werden, ihre zwei Babys will man stehlen? In einem Dorf soll Unfassbares geschehen sein. Dabei sollen die eigenen Kinder missbraucht und in Kisten gesteckt worden sein.



Meiningen - "Zeig’ dein Gesicht!" - er tut es nicht. Der Mann auf der Anklagebank bedeckt sich, mal mit Papier, mal mit der Hand, wendet sich konsequent ab. Aber viele, die im großen Saal im Landgericht Meiningen murmelnd oder rufend verlangen, er solle sein Gesicht zeigen, dürften wissen, wie der Mann aussieht. In einem kleinen Dorf wie Ritschenhausen im Landkreis Schmalkalden-Meiningen kennt man sich. Die Frau auf der anderen Seite der Anklagebank versucht erst gar nicht, sich zu verbergen.

Die Frau und der Mann, sie 39, er 45 Jahre alt, sie reichen ihren Verteidigern kaum bis an die Schultern, sind verheiratet, haben sechs gemeinsame Kinder, das älteste 2006 geboren, das jüngste 2014. Sie würdigen sich keines Blickes. Was ihnen in der Anklage vorgeworfen wird, könnte man schwerlich glauben, würde es nicht von einer erfahrenen Staatsanwältin vertreten, die schon in viele Abgründe gesehen hat.

Das Ehepaar soll an einem Nachmittag im September eine Frau, unterwegs mit ihren drei Monate alten Zwillingen, angesprochen und dazu gebracht haben, in ihr Haus in Ritschenhausen zu kommen. Der Plan soll gewesen sein, die Frau über einen Kontaktmann als "weiße Ehefrau" nach Gambia zu verkaufen und die Babys als eigene Kinder auszugeben und großzuziehen. Zwei Wochen - in denen intensiv nach den Vermissten gesucht wurde - blieb die Frau, die in einem Mutter-Kind-Heim lebte, wohl einige Probleme hat und sich dem Druck des Ehepaars beugte, ehe sie das Haus verließ.

Was völlig abstrus klingt, sieht anders aus, nachdem der zweite Teil der Anklage verlesen ist: Der 45-Jährige soll zwei seiner eigenen Kinder sexuell missbraucht haben - es ist auch von Praktiken die Rede, die viele Erwachsene als erniedrigend verweigern würden. Seine Frau soll davon ebenso gewusst haben wie von den Kisten, in die die beiden stundenlang gesperrt worden sein sollen - unternommen hat sie wohl nichts.

Seit der Verhaftung des Ehepaars leben vier der sechs Kinder in einer heilpädagogischen Wohngruppe. Eine der Frauen, die sich dort um sie kümmern, berichtet von zwei Mädchen und zwei Jungen, die von Albträumen und Schreikrämpfen geplagt würden; ein Junge erzähle von seiner "Angst vor Monstern". Sie berichtet von Kindern, deren zerstörte Zähne hätten gezogen werden müssen. Die kein Bad betreten wollten und die alle bis vor Kurzem Windeln getragen hätten - auch "als Kontaktschutz". Von Kindern, für die selbst minimaler Körperkontakt "ganz schwierig" sei. Alle seien mehr oder weniger in der Entwicklung "zurück", zwei "sprechen sehr wenig und schlecht". Es gehe ihnen inzwischen zwar besser, "sehr auffällig bis heute" sei aber, dass sie auf alles, was sie erschrecke - eine laute Stimme genüge - sofort apathisch reagierten, in "eine Schockstarre" fielen. "Es dauert eine halbe Stunde, bis sie sich überhaupt wieder bewegen."

Der angeklagte Mann, ihr Vater, schweigt. Die angeklagte Frau, ihre Mutter, hat sich - vermutlich über ihre Verteidigerin - unter Ausschluss der Öffentlichkeit erklärt. Und man darf annehmen, dass diese Erklärung zumindest ein Teil-Geständnis beinhaltet hat. Nicht nur, weil, wer unschuldig ist oder sich unschuldig fühlt, in der Regel sehr daran interessiert ist, das laut und öffentlich zu sagen. Auch, weil sich die Vorsitzende Richterin am Ende des ersten Prozesstages allein an den Mann wendet - um ihn eindringlich daran zu erinnern, dass man mindestens einen der Jungen, die er missbraucht haben soll, hören müsse, falls er sein Schweigen nicht breche. Und dass es sich nicht günstig auf die Höhe der Strafe auswirken werde, wenn er es seinen kleinen Söhnen nicht erspare, als Zeugen aussagen zu müssen. Sie dulde, sagt die Richterin, keinerlei "Spielchen" zulasten eines Kindes.

Der 45-Jährige schweigt. Aber sein Verteidiger kündigt eine Aussage für den nächsten Prozesstag - Anfang Juni - an. m

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Veröffentlicht am:
22. 05. 2019
07:59 Uhr

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22. 05. 2019
07:59 Uhr



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