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100 Jahre Waldorf: «Mehr als nur seinen Namen tanzen»

Öko und esoterisch - Klischees über Waldorfschulen gibt es viele. Dennoch verbuchen sie 100 Jahre nach Gründung der ersten Einrichtung großen Zulauf. Vor allem im Osten.



Einige Mädchen schwingen Hula-Hoop-Reifen, andere schlagen kunstvoll ein Rad oder baumeln am Trapez in der Luft. Viele Jungen haben sich für das Rola-Bola entschieden - ein Balancierbrett. In der fünften Klasse der Dresdner Waldorfschule steht Zirkusunterricht auf dem Plan. Die Turnhalle ist in buntes Licht getaucht und mit Tüchern verhängt, Eltern sorgen mit Querflöte, Gitarre und Kontrabass für Livemusik. Zirkus ist Bestandteil des Lehrplans. Vier Monate lang trainieren die Kinder und proben für eine Aufführung. «Ich finde es schön, mit anderen Kindern was auf die Bühne zu bringen und zu zeigen», sagt die zehn Jahre alte Enid und greift sich wieder ihren Reifen.

Noten bekommen die Fünftklässler dafür nicht. Es geht nicht darum, es am besten zu machen. «Es geht um Mut, Respekt und die Erfahrung, sich aufeinander zu verlassen», sagt Sportlehrerin Silvia Linke. Nicht nur Zirkusunterricht steht in der Waldorfschule auf dem Stundenplan. Auch Stricken, Nähen, Ausdruckstanz, Garten- und Ackerbaubau, Musik, Bildhauerei, Schreinern, Korbflechten und Schmieden gehören dazu. Noten gibt es bis zur Oberstufe nicht, Sitzen bleibt niemand, Fächer wie Mathe, Deutsch und Geografie werden in «Epochen» - in mehrwöchigen Blöcken - unterrichtet.

«Kopf, Herz und Hand werden gleichermaßen gefördert», sagt Holger Kehler, Geschäftsführer der Dresdner Waldorf Schule, über den Bildungsansatz. Es geht also nicht nur ums Pauken, sondern auch um handwerkliche und künstlerische Fähigkeiten und die Entwicklung der Persönlichkeit. Ein Konzept, das gefragt ist: Für das nächste Schuljahr gibt es 140 Anmeldungen für 64 Plätze. Zur Zeit lernen 785 Jungen und Mädchen in der Dresdner Waldorfschule. Aufgrund der Nachfrage wurde 2014 die Neue Waldorfschule Dresden gegründet, die mit rund 150 Kindern bald in ein eigenes Gebäude zieht.

Waldorf ist eine Idee, die in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag feiert. Ihre Namen haben die derzeit 245 Schulen in Deutschland von der ehemaligen Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart. Der Fabrikant Emil Molt wollte den Kindern seiner Arbeiter gute Schulbildung ermöglichen und gründete 1919 die erste Waldorfschule unter Leitung des umstrittenen Österreichers Rudolf Steiner (1861-1925). Steiners anthroposophische Lehre steht für die Orientierung des Menschen auf seine eigenen Stärken und ist bis heute maßgebend für die Waldorf-Pädagogik.

Auch die Dresdner Waldorfschule gehört mit ihrer Gründung vor 90 Jahren zu den ersten. Am 30. Januar wird im Deutschen Hygiene-Museum in der Stadt 100 Jahre Waldorfpädagogik gefeiert, es ist der Auftakt zu zahlreichen Veranstaltungen bundesweit.

Von den Nazis geschlossen, wurde die Schule 1945 neu gegründet. «Als einzige freie Schule in der sowjetischen Besatzungszone», berichtet Kehler. 1949 wurde sie geschlossen und nach der Wende neu gegründet. Ebenso entstanden Schulen in Leipzig, Chemnitz, Halle, Weimar und Magdeburg.

15 Waldorfschulen gibt es heute in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Zum Vergleich: In Baden-Württemberg oder in Rheinland-Pfalz sind es um die 60 - jeweils. «Gerade im Osten ist die Waldorfschulbewegung in Bewegung, da tut sich was», sagt Birgit Thiemann von der Region Mitte-Ost im Bund der Freien Waldorfschulen. Während der Markt im Westen gesättigt sei und die Schulen mancherorts um Schüler ringten, würden im Osten Schulen neu gegründet wie etwa derzeit in Chemnitz. Das Interesse, sein Kind an eine nicht-staatliche Schule zu schicken, sei gewachsen. Es gehe bei Waldorf um mehr, als nur seinen Namen zu tanzen, betont Thiemann. Das habe sich herumgesprochen.

Wurde früher Waldorf oft als esoterische Spinnerei abgetan, ist die Klientel mittlerweile breitgefächert. Heiner Barz, Professor für Erziehungswissenschaften und Autor von Waldorf-Studien sieht es als Gegenmodell zu einem Schulsystem, das zunehmend auf Leistung und Drill aus ist. «Ich beobachte eine Verschärfung des Leistungsklimas, es gibt immer mehr Tests.» Viele Eltern schauten sich deshalb nach einer Alternative um. «Nicht Dressur, Training und Auswendiglernen ist ihnen wichtig, sondern dass die Begabungen und Talente des Kindes individuell gefördert werden.»

Andreas Becker, Lehrer für Mathe und Geografie an der Dresdner Waldorfschule, findet, dass durch Digitalisierung und die zunehmende Schnellebigkeit, bestimmte Sachen in der Entwicklung der Kinder zu kurz kommen. An der Waldorfschule ist das Tempo langsamer, der Weg der Wissensvermittlung ein anderer. Wer etwa eine Kugel aus Stein meißelt, muss auch eine mathematische Vorstellung davon im Kopf haben. Ans Ziel kommen die Waldorf-Schüler trotzdem, betont Becker: Nach 13 Jahren legen sie das reguläre sächsische Abitur ab.

Zwischen 40 und 66 Prozent haben in den vergangenen fünf Jahren ihr Abitur gemacht. Wechseln müssen sie dafür nicht: Die Jungen und Mädchen bleiben von der ersten Klasse bis zum Abschluss auf ihrer Schule. «Am Ende zählt das, was rauskommt, wenn die Kinder ihre Schulzeit beendet haben», sagt Schulleiter Kehler. «Sind es starke Menschen, sind sie in der Lage sich zu orientieren, gehen sie ihren eigenen Weg.»

Zu Waldorf gehört auch, den Umgang mit Smartphone und Computer gerade bei den Jüngeren kritisch zu sehen. In Dresden gilt ein striktes Verbot. «Im öffentlichen Raum bleibt das Handy aus», sagt Schulleiter Kehler. Dennoch komme das Smartphone im Unterricht ab und an zum Einsatz - etwa, wenn Fotos für ein Kunstprojekt gemacht werden. «Und wir haben auch Computerkabinette und Laptops».

Derzeit arbeitet Kehler mit den Lehrern an einem Curriculum, damit der Umgang mit den neuen Medien mehr Einzug im Unterricht hält. Kein leichtes Unterfangen, es wird viel diskutiert. Für Kehler steht fest, dass auch Waldorf ein Stück mit der Zeit gehen muss: «Wenn ich den Zeitgeist nicht aufgreife, kommt kein Schüler.»

Lesen Sie dazu auch: «Viele suchen nach einer Alternative»

Veröffentlicht am:
28. 01. 2019
11:31 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
28. 01. 2019
11:31 Uhr



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