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Familie bereitet die Rückkehr der Mutter vor

Die schwerkranke Tessa Köhler wird bald wieder bei ihrer Familie sein können. Ehemann Sven kann mit dem behindertengerechten Umbau des Waldhauses starten. Auch dank der Spenden unserer Leser in Höhe von 38 000 Euro.



Familie bereitet die Rückkehr der Mutter vor
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Schmalkalden - In spätestens acht Wochen will Sven Köhler seine Frau Tessa nach Hause holen. Zu den sechs Kindern, die im Waldhaus sehnsüchtig auf die Mama warten, zu Mutter Nikoletta, die ihre einzige Tochter schmerzlich vermisst. Seit sieben Monaten schmeißt die gebürtige Kölnerin mit ihrem Schwiegersohn den Haushalt. So gut es halt geht mit 77 Jahren, schweren Erkrankungen und zig operativen Eingriffen. Bei all dem hat die Rheinländerin ihren Humor nicht verloren. Eine Frohnatur eben. Eine Kämpferin.

Wie Tochter Tessa. Seit einer Operation wegen Blutungen im Stammhirn ist die 42-Jährige nicht mehr aufgewacht. Sie leidet am sogenannten Locked-in-Syndrom, vergleichbar mit einem Wachkoma. Das bedeutet, dass sie geistig voll da ist, aber in ihrem Körper gefangen bleibt. Ihr Mann ist sicher, dass Tessa alles mitbekommt, was um sie herum passiert. Das war in der Helios Klinik Erfurt so, wo am 15. Juli Baby Edward-Rolf per Kaiserschnitt zur Welt kam. Das war in der Reha-Klinik Bad Liebenstein so - und das ist auch in der Wohngemeinschaft Eisenach der Sentio 24-h Intensivpflege so, wo die siebenfache Mutter seit etwa drei Wochen rund um die Uhr betreut wird. Vorübergehend. Bis im Waldhaus alles vorbereitet ist für eine Rückkehr.

Noch vor nicht allzu langer Zeit hat Tessa nur geweint, wenn ihr Sven Videos oder Bilder von den Kindern gezeigt hat. "Jetzt", sagt der 54-Jährige glücklich, "können wir sogar herzhaft miteinander lachen." Spielt er Musik vor, wiegt sie sich leicht hin und her. Jede kleinste Bewegung ist ein riesiger Erfolg. Ein Daumen-Hoch, ein fester Händedruck, ein Zwinkern oder ein Kussmund, den sie ihrem Mann beim letzten Besuch gezeigt hat. Vor einigen Tagen hat Tessa begonnen, auf einem Blatt Papier zu kritzeln. Mit Buntstiften, die der Ehemann ihr mitgebracht hat.

Sven Köhler besucht seine Frau jeden Tag. Mit dem inzwischen fast zwei Monate alten Baby Edward-Rolf auf dem Rücksitz fährt er, wenn Jessica (17), Emely (14), Henry (13), Tiara (8) und nun auch Luna-Rose (6) in der Schule sind, nach Eisenach. Für ihn hat sich Tessa - vor der Krankheit eine lebensfrohe Frau mit vielen Plänen - nicht verändert. Auch wenn die Haare kürzer sind. Sie ist wie früher. Die gleichen Augen, der gleiche Humor. Klar war die erste Begegnung ein Schock. Die Ärzte hatten ihn ja vorgewarnt, dass die 42-Jährige nie wieder die sein wird, die sie mal war. Doch Sven Köhler sieht mit dem Herzen. In guten wie in schlechten Tagen, hatten sich die beiden bei ihrer Trauung vor acht Jahren auf Schloss Landsberg geschworen.

Umbau beginnt

Nun bereitet die Familie die Rückkehr der kranken Mutter ins Waldhaus vor, das seit 17 Jahren ihr aller Zuhause ist. Dank der Spenden unserer Leser in Höhe von aktuell 38 000 Euro und vieler anderer privater Initiativen kann der behindertengerechte Umbau der ehemaligen Ausflugsgaststätte endlich starten. Gute Freunde, allesamt Handwerker, übernehmen die Sanierung der ehemaligen Herrentoilette, ein Sponsor die Ausstattung. Der Baucontainer steht bereits vor dem Haus. Es fehlt nur noch die Zusage der Krankenkasse in Höhe von 4000 Euro, dann kann es richtig losgehen.

Geld steht nun ebenfalls zur Verfügung, um das Wohnzimmer zu teilen. Mit einer Trennwand und Glasschiebetür. Die eine Hälfte des Raumes bleibt Tessa vorbehalten, die andere dem Rest der Familie. So hat jeder seinen eigenen Rückzugsbereich und kann trotzdem am turbulenten Alltag des anderen teilhaben, sagt Sven Köhler.

Auf der To-do-Liste stehen ebenso der Einbau von vier neuen Türen, hier bahnt sich eine Lösung an, und die Einrichtung einer kleinen, separaten Küchenzeile für die Pflegekräfte, in der auch die Pflegeutensilien aufbewahrt werden können. Denn Tessa braucht eine Betreuung rund um die Uhr und das 365 Tage im Jahr.

Ebenso aufgepeppt wird die in die Jahre gekommene Küche der Familie; hier, am großen Tisch, soll künftig auch die Mama sitzen. An der Wand hängt ihr Lieblingsspruch:"Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen."

Bis zur Rückkehr von Mama Tessa muss auch die noch geschotterte Terrasse gepflastert sein. Damit sie mit dem Rollstuhl ins Freie gefahren werden kann. In den liebevoll von Nikoletta Köhler angelegten Bauerngarten. Mit Blumen, Gräsern und Kräutern. Ein kleines Paradies für den schweren Weg zurück ins Leben. Es gibt noch viel zu tun, bis Tessa wieder einziehen kann. Drinnen und draußen. Alle Arbeiten müssen koordiniert werden. Und da sind ja auch noch die fünf schulpflichtigen Kinder. Auf Lunas Schuleinführungsfoto im August fehlt die Mama. Papa und Oma hatten trotzdem ein kleines Fest organisiert. Festgehalten in vielen Fotos. Auch für Tessa.

Ihre Kinder werden seit etwa vier Wochen psychologisch betreut. Es war Svens Wunsch. Seit dem 29. Februar haben die Mädchen und der Junge ihre Mama nicht gesehen. Sven Köhler hat Angst vor der Reaktion der Kinder. Einmal wöchentlich kommt nun eine Psychologin ins Waldhaus, um die Kinder auf die Rückkehr ihrer veränderten Mama vorzubereiten. Ein kostenloses Angebot der Helios Klinik Hildburghausen. Sven Köhler und seiner Schwiegermutter zerreißt es das Herz, wenn sie die Kinder weinen hören. Dann wieder gibt es Momente, und die überwiegen, wo sie ausgelassen lachen und herumtoben. Henry und Tiara wollen zur Jugendfeuerwehr gehen, erzählt der stolze Vater. Jessica, die am BBZ in Schmalkalden lernt, sucht gerade einen Praktikumsplatz, um nähen zu lernen. Und das Baby? Edward-Rolf ist ein ruhiger Patron. Am liebsten schlummert der Kleine, eingehüllt in eine warme Decke, auf Papas Arm.

Ein komplett neuer Alltag, den die Familie nur meistern kann, weil sie so viel Hilfe und Zuspruch erfährt. Von Freunden und Bekannten, aber auch von wildfremden Menschen. Sie spenden, bieten ihre Arbeitskraft an, bringen Kuchen vorbei oder halten einfach nur mal die Hand. An manchen Tagen geht es im Waldhaus zu wie in einem Taubenschlag. Sven Köhler schmunzelt. In Benshausen schnitt eine Frisörin der ganzen Familie kostenlos die Haare. Aus der Zeitung hatte sie vom Schicksal der Köhlers erfahren. Diese Welle der Hilfsbereitschaft, sagt ein dankbarer Sven Köhler auch im Namen von Nikoletta, "hätten wir so nie erwartet".

Pflegekräfte gesucht

Eine Sorge treibt den Ehemann und Familienvater noch um: Es werden händeringend examinierte Pflegekräfte gesucht. Die Sentio 24-h-Intensivpflege, die ihren Sitz in Schmalkalden hat und in deren Eisenacher Einrichtung Tessa Köhler gerade umsorgt wird, übernimmt auch die Intensivpflege zu Hause im Waldhaus. Dafür sind sechs Mitarbeiter nötig, die möglichst auch in der Nähe wohnen sollten. Sie übernehmen die Überwachung der Vitalparameter und die Versorgung der Zugänge, aber auch die alltägliche Unterstützung auf dem Weg zurück ins Leben.

 

"Freies Wort hilft" nimmt weitere Spenden entgegen. Jeder Euro kommt ohne Abzug bei der Familie an und ist steuerlich absetzbar. Kontoverbindung: IBAN DE39 8405 0000 1705 017 017. Verwendungszweck: Waldhaus.

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Susann Schönewald

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Veröffentlicht am:
12. 09. 2020
11:10 Uhr

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Susann Schönewald

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12. 09. 2020
11:10 Uhr



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