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Thüringer helfen

"Wir wissen nicht, ob das Virus schon hier ist"

Zehn Jahre nach dem großen Erdbeben trägt die damalige große Haiti- Spendenaktion von "Freies Wort hilft" für ein Bergdorf dauerhaft Früchte. Von reicher Ernte kann allerdings angesichts der Lebensumstände der Menschen hier nicht die Rede sein.



Die Besatzung eines zufällig auf der anderen Seite des Bahnübergangs wartenden Krankentransportwagens der Johanniter Unfallhilfe konnte sich umgehend um das Kind kümmern, bis der Rettungswagen an der Einsatzstelle eintraf.
Die Besatzung eines zufällig auf der anderen Seite des Bahnübergangs wartenden Krankentransportwagens der Johanniter Unfallhilfe konnte sich umgehend um das Kind kümmern, bis der Rettungswagen an der Einsatzstelle eintraf.   Foto: Stefan Eberhardt » zu den Bildern

Euer Spendengeld habt ihr echt gut angelegt", sagt Bob McCoy. "Das Dorf gedeiht". Der Mann aus Alabama weiß, wovon er spricht. Gerade ist er wieder mal aus Haiti zurückgekehrt, wo der zupackende Amerikaner und die Leute seiner katholischen Gemeinde in Huntsville seit vielen Jahren eine Partnerschaft mit Palmiste-à-Vin unterhalten. Mit jenem Bergdorf im Süden der Karibikinsel, das - wie hunderte andere in Haiti - mit all seinen Häuschen, Hütten und der Schule am Abend des 12. Januar 2010 von einem gigantischen Erdbeben zerstört wurde. Und das wenige Monate später zum Bezugspunkt einer Spendenaktion wurde, bei der "Freies Wort hilft" dank den Zeitungslesern in Südthüringen insgesamt knapp 139 000 Euro zusammenbrachte.

Aktuelle Hilfe

"Freies Wort hilft" setzt die Partnerschaft mit Palmiste-á-Vin mit einer Zuwendung über 3000 Euro fort. Von dem Geld werden beschafft: 60 Radios für den Schulfunk-Empfang, 54 große Behälter für öffentliche Handwaschgelegenheiten im Dorf sowie 170 Säcke Reis als Nahrungsmittelhilfe für besonders von der dürrebedingten Missernte betroffene Familien.

Spenden für das Dorf und seine Schule sind weiter möglich. Kontoverbindung siehe Logo. Bitte Verwendungszweck "Haiti" angeben. Jeder Euro kommt ohne Abzug bei den Menschen in Palmiste-à-Vin an.

 

Geld, dessen Großteil in der bebensicher wiederaufgebauten St.-Borromée-Schule steckt, die schon ein Jahr nach der Katastrophe wieder öffnete. Für die 450 Schüler nebst ihren meist bitterarmen Familien des Dorfes mehr ist sie mehr als nur eine - die einzige - Bildungseinrichtung.

 

Seit vier Jahren können die Bauernkinder dort sogar Abitur machen. Für die Oberstufe hat Bruder Arié hartnäckig gekämpft. "Zehn von ihnen studieren jetzt sogar in der Hauptstadt Port-au-Prince und werden Lehrer", berichtet Arié stolz über eine Bildungs-Errungenschaft, die sich vor zehn Jahren hier niemand vorstellen konnte. Ihre von McCoys Leuten vermittelten Stipendien und Studiengebühren zahlen sie in Form von Unterricht in der Dorfschule zurück. Pro Studienjahr ein Schuljahr, so die geniale Idee von Arié. Der jugendlich wirkende 42-Jährige ist Schulleiter und Nachfolger von Pranius Olizard als Chef des kleinen Laienbrüderklosters in einem schlichten Holzhaus im Dorf. Dessen sechs Mönche sind praktisch so etwas wie die Gemeindeverwaltung von Palmiste - selbstlose, zupackende Menschen wie die katholischen Brüder sind Gold wert in einem Staat, dessen Institutionen in einem Teufelskreis aus Mittellosigkeit, Korruption und Chaos weite Landstriche einfach sich selbst überlassen - und die nach der Katastrophe von 2010 exakt gar nichts taten für den Ort oberhalb der Provinzstadt Léogane, dem Epizentrum des Bebens.

Olizard war der findige Manager, der die Spendengelder und Helfer aus Thüringen, den USA und anderen Ländern damals so gut organisierte, dass das Leben im Dorf mit seinen weit verstreut liegenden Häusern und Feldern trotzdem wieder etwas wie Struktur und Zukunft hat.

Oberbruder Olizard ist längst an die Spitze seines Ordens der "Kleinen Brüder der Heiligen Therese"" aufgestiegen, vor Ort verwaltet Arié das Erbe so tüchtig wie erfolgreich. "Allein die neuen Stützmauern, die nun den steilen Hang unterhalb der Schule sichern, sind unter den haitianischen Bedingungen eine Ingenieurs-Meisterleistung", berichtet Bob McCoy. "Eine gefährliche und schwere Arbeit, Respekt!", sagt der Ingenieur im Ruhestand.

Seine Truppe kümmert sich vor allem um Rat und Tat bei der Wasserversorgung, einem der Hauptprobleme in der zerklüftet-felsigen Gegend mit ihrem niedrigen Grundwasserspiegel und den immer unberechenbarer werdenden Regenmengen. Deren Tipps waren es auch, die "Freies Wort hilft" dazu brachten, neben der Schule dauerhaft sicheres Trinkwasser für die Kinder zu finanzierten. Noch immer bringt der vor acht Jahren auf Hilfswerks-Kosten beschaffte solide Truck jeden Tag sauberes Wasser aus einem klostereigenen Reservoir hoch ins Dorf. Hygienisch aufbereitet mit von McCoys Leuten ins Dorf gebrachtem Material und Knowhow, macht das Wasser Schulunterricht bei Tropenhitze und kilometerlangen Schul-Fußwegen überhaupt erst möglich.

Doch das sauberste Wasser kann nichts gegen das Corona-Virus ausrichten, das auch in Palmiste-à-Vin alles verändert hat. Die Schule ist wie alle anderen im Land geschlossen, die Kinder harren nun den ganzen Tag aus in den Ein- bis Zwei-Raum-Häuschen und auf deren kleinen Grundstücken, wo achtköpfige Familien keine Seltenheit sind. Desinfektionsmittel, Mundschutz, gar Tests oder medizinische Behandlung: All das liegt hier in weiter Ferne für die Menschen. Schon ein paar Eimer für zusätzliche Händewasch-Gelegenheiten sind eine teure Investition, die die Schule kaum ohne Hilfe schultern kann Man will gar nicht dran denken, was bei einer Infektionswelle hier passiert.

"Natürlich haben wir hier Angst", erzählt Arié und schickt per Whatsapp eines der innigen Gebete, in denen die Mönche jeden Morgen vor Sonnenaufgang um die Gnade Gottes bitten und ihm dafür danken, dass es das Virus noch nicht hoch ins Dorf geschafft hat. "Dieu", heißt es da auf Französisch, "Gott, nur durch deine Liebe hast du uns dazu auserwählt, dass wir an diesem Morgen noch am Leben sind." Auf den Bildern, die Arié schickt, lächeln die Gesichter dieser so freundlichen und bescheidenen Haitianer. Und, immer noch, meint man dahinter die Traurigkeit zu sehen, die auch den beiden Südthüringer Redakteuren überall begegnete, als sie vor neun Jahren vor Ort waren. Dabei war der Horror der finsteren Bebennacht von 2010 nur ein Kulminationspunkt der an Dürren, Stürmen, Diktaturen und Desastern so reichen Erlebniswelt der Menschen in diesem von Natur und Politik so oft gestraften ärmsten Land Amerikas.

Geduldig lehren Arié und seine den Bauern bessere Methoden zum Anbau ihrer Früchte auf den oft klitzekleinen Feldern, die sich die Hügel hochwinden. Das Beharren auf uralter Arbeitsweisen ist groß, Fortschritte sind klein, voriges Jahr war Arié zufrieden mit der gut organisierten Aussaat. Maniok, Möhren, Kartoffeln. "Doch es hat dieses Jahr mal wieder viel zu wenig geregnet", sagt er. Die Ernte: Größtenteils futsch. Geld zum Einkauf von Lebensmitteln aus dem fruchtbaren Küstenstreifen drunten? Gibt es nicht. Keine Jobs. So teilt Arié erneut Saatgut aus, hofft auf ein besseres Jahr organisiert Reis und Mais bei Hilfsorganisationen, damit die Familien seiner Schüler wenigstens das Nötigste zu essen haben.

Der Unterricht ist auf Home-Schooling umgestellt. Tag für Tag sprechen die Lehrer eine Lektion ins Mikrofon, geduldig, in langsamem Französisch. Über eine improvisierte, per Diesel-Generator gespeiste UKW-Station geben Sie ihren Schul-Podcast auf den Sender. Per Radio kann man diesen Schulfunk in der ganzen Gegend empfangen - was in einer Region ohne Stromanschluss alles andere als einfach ist. Die Klosterbrüder haben kleine Batterie-Radios auftreiben können, die sie an die Schüler verteilen. 11 Euro 50 pro Stück, aber es reicht natürlich nicht für alle. Derzeit sind die Klosterbrüder dabei, Spenden aufzutreiben, damit der Schulfunk für noch mehr Kinder Wirklichkeit wird.

Dabei scheitert der Unterricht für viele nicht erst am Radio für die Corona-Zeit. Weil es keinerlei staatliche - und auch keine katholisch-kirchliche - Unterstützung gibt, muss das Kloster Schulgebühren nehmen, um das Essen und die bescheidenen Lehrergehälter zu finanzieren. Jährlich 33 Euro für die Grundschüler, 74 für die Mittelstufe, 140 Euro für die Abiturienten - diese Summe allein für ein Kind aufzubringen, dazu die obligatorische Schuluniform, fällt den Menschen hier schwer. Spätestens beim dritten, vierten Kind ist bei den meisten Schluss. Haiti hat eines der geringsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt. Selbst die laut offizieller Statistik im Durchschnitt verdienten knapp zwei Euro pro Kopf und Tag bleiben hier meist nur ein Traum.

Donnerstagabend, Ortszeit mittags, meldet sich Arié nochmals aus Palmiste-à-Vin. Gerade hat ihm der "Freies Wort hilft"-Vorstand zugesagt, 3000 Euro zu überweisen, eine kleine Finanzspritze in der unübersichtlichen Zeit. "Mein Herz wird ganz warm", schreibt er, "wir beten, dass der Herr seine Gnade über euch bringt und euch alle beschützt bei Freies Wort und Südthüringer Zeitung ." Und er entschuldigt sich, er habe zu tun beim weltlichen Beschützen seiner Leute. Aus Léogane, der Stadt, wurden zwei Corona-Fälle gemeldet.

"Ehrlich gesagt, wir wissen nicht, ob das Virus nicht doch schon hier ist", sagt Arié. "Die Leute haben Angst, ihre Symptome zu zeigen, und die meisten gehen nicht zum Arzt. Aus Angst, aus Scham, und weil sie kein Geld haben." Derweil bleibt den beiden Medizinern in der dörflichen Krankenstation nur, Corona-Verdachtsfälle zu notieren und zu hoffen, dass keiner schwer erkrankt. Sie haben gerade genügend Masken und Mittel, um sich selber zu schützen. Und Tests, um Gewissheit zuhaben? Man spürt Ariés trauriges Lächeln zwischen den Zeilen: Material für einen Abstrich oder gar einen Corona-Test hat man hier im Dorf noch nie gesehen.

Autor
Markus Ermert

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Veröffentlicht am:
12. 06. 2020
00:00 Uhr

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Markus Ermert

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12. 06. 2020
00:00 Uhr



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