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Thüringer helfen

Von einer Sekunde auf die andere

Ein unverschuldeter Autounfall hat das bescheidene Glück einer Alleinerziehenden und ihrer drei Kinder von einer Sekunde auf die andere zerstört. Die Familie aus Wasungen steht am Rand der Verzweiflung.



Sie schultern ein schweres Schicksal und warten auf die Rückkehr der schwer verletzten ältesten Tochter Anne-Sophie nach Wasungen: Mutter Mandy Ewald mit der jüngsten Tochter Lindsay (links) und dem Sohn Tonny vor ihrem Wohnhaus.
Sie schultern ein schweres Schicksal und warten auf die Rückkehr der schwer verletzten ältesten Tochter Anne-Sophie nach Wasungen: Mutter Mandy Ewald mit der jüngsten Tochter Lindsay (links) und dem Sohn Tonny vor ihrem Wohnhaus.  

Gerade freuen sich an diesem sonnigen September-Samstag noch alle drei Kinder, dass sie mit ihrer spendablen Mutter Mandy Ewald heute in Schmalkalden beim Kauf von Schuhen für die herbstliche Übergangszeit so richtig zuschlagen haben können.

Fröhliche Heimfahrt auf der B19 ins 14 Kilometer entfernte Wasungen. Tonny (13) schläft auf der Rücksitzbank ein. An der Schwallunger Einmündung auf die B19 hat ein 78-jähriger Teilzeit-Taxifahrer jetzt gerade seine letzte Tagestour hinter sich. Er übersieht das Stoppschild und diesen grünen Kleinwagen, der sich mit normalem Tempo nähert. Was nun folgt, ist für den Rentner mit Nebenjob ein Berufsunfall.

Auf 12.51 Uhr bleibt die Uhr des VW Lupo stehen, als das Taxi die Beifahrerseite samt Motorraum zermalmt. Sofort holen Unfallzeugen die Verunglückten beherzt aus dem qualmenden Schrotthaufen.

Allein die jüngere Tochter Lindsay (11) erlebt jetzt alles bei vollem Bewusstsein mit. Sie habe trotz Verletzungen noch "funktioniert", sagt sie heute. Der Sicherheitsgurt hatte sich in den Körper geschnitten. Welche Traumatisierungen sie dabei erleiden, gestehen sie und ihr Bruder sich erst viel später ein.

Spätestens dann, als jedem in der Familie nach Ende des Wachkomas der ältesten Anne-Sophie zu Beginn dieses Jahres bewusst ist: Das 14-jährige Mädchen wird mit ihren schlimmen Unfallfolgen - den neurologisch-geistigen wie auch körperlichen Behinderungen - nie wieder, wie sie mal war. Irreversibel.

"Sie wollte", sagt Mutter Mandy, "nach der Schulzeit partout in einen krankenpflegerischen Beruf, am liebsten als Sanitäterin zur Stelle sein, wenn man gebraucht würde."

Unsägliche Schmerzen

So wie an jenem September-Samstag 2019. Die Mutter, ihre große Schwester Anne-Sophie und ihr zwölfjähriger Bruder Tonny seien, "unter den unsäglichen Schmerzen vielfacher Verletzungen schon vor den Notarzt-Spritzen längst weggetreten, ohnmächtig" gewesen, als der Rettungshubschrauber mit ihnen an Bord wieder aufstieg. Das sagt Lindsay jetzt, fast ein halbes Jahr später. Die Elfjährige wirkt fast schon ein wenig erwachsen. Sie zeigt auf die Leistengegend, in die sich ihr Sicherheitsgurt tief eingeschnitten hatte. Nur eine ihrer Verletzungen, die nahezu wieder verheilt sind. Außer denen in den kindlichen Seelen.

Jetzt begrüßen sie und ihre Mutter sowie der Bruder Tonny vor dem Wohnblock den Autor vom "Freies Wort hilft"-Verein. In Zeiten höchsten Pandemieschutzes freilich bei gebührendem Abstand; eine tröstende Umarmung nach herzlichem Gespräch ist ausgeschlossen.

Freunde hatten auf das Schicksal der jungen Familie aufmerksam gemacht. Ob sich auch in Coronavirus-Zeiten durch Hilfe im Kleinen für die unschuldig in Not Geratenen würde organisieren lassen?

Vor allem Lindsay muss zunächst loswerden, wie das Unglück passierte, das auch sie mit schweren Trümmerbrüchen und vielem mehr überlebte. Doch allen Drei ist anzumerken, dass ihre mit Abstand größte Fürsorge und Sorgenfülle ihrer Großen gelten: Anne-Sophie, die noch immer in einem Frankfurter Klinikum gepflegt, therapiert und umsorgt wird. Demnächst wird sie 15.

Die Mutter: "31 Tage wurde mein Mädchen in Meiningen auf Intensivstation nach vielen Operationen beatmet, im Koma künstlich ernährt. Dann empfahl man mir dort, weil man nun nicht mehr weiterhelfen könne, Anne müsse in diese Spezialklinik. Nach Frankfurt am Main."

Immer noch in Frankfurt

Mitte April wird das Mädchen 15. Dann wollen ihr die Mediziner vom Main einige Tage Heimaturlaub geben. Was man kürzlich mit der Mutter, ihrer Anwältin Yvonne Kuhnert vor Ort abgesprochen hat. "Vorausgesetzt, es findet sich jemand, der sie in ihrem Rollstuhl nach Hause und am 16. April wieder ins Kinderhospital nach Frankfurt bringt." Bei diesen Worten versucht die Mutter ihren rechten Arm anzuheben, zeigt ihre Handyfotos mit Röntgenbildern, die an einen Stabil-Baukasten erinnern: Drähte, Schrauben, Winkel …

"Mit dem bösen Unfall-Arm hier, da kann ich gerade mal noch zwei Kilo anheben. Annes Rollstuhl in ein Auto hieven? Unmöglich. Wir träumen von einem neuen Familienauto. Das müsste dem Rolli zudem am Stück Platz bieten. Der lässt sich wegen seiner speziell für Annes fünffach zertrümmertes Becken angefertigten stabilen Sitzschale nicht zusammenfalten. Schon die Hand-Gangschaltung in einem geborgten Auto bereitet mir Schmerzen."

Die dicken Tränen in Mandys Augen sind jetzt nicht der gleißenden Frühjahrssonne geschuldet: "Es ist alles so zum Heulen, ja, doch auch zum Kotzen, wirklich! Meinen Sie vielleicht, die Haftpflichtversicherung des eindeutig schuldhaften Unfallverursachers würde nach all den Monaten der Verzweiflung endlich mal ihre Pflicht wahrnehmen?"

All diese Schmerzen, die schwer heilenden Brüche, die Ungewissheiten, ob und wie die Kinder überlebt haben waren das Eine", sagt Mandy. Weil kein Krankenhaus drei Polytrauma-Patienten auf einen Schlag verkraftete, lag die verletzte Familie damals auf drei Kliniken verteilt. "Nach meiner Intensivstation-Zeit entließ ich mich bald unter vielen Versprechen und Unterschriften kurzzeitig selbst. Jemand chauffierte mich im Rollstuhl mit seinem Auto zu Anne rüber nach Meiningen."

Damals wollte Mandy unbedingt "mit eigenen Augen sehen, wie es meiner Großen dort ging." Sie hatte nach 18 Kliniktagen dem in Darmstadt lebenden Ersthelfer und weiteren couragierten Rettern vom Unfallort im Werratal bereits herzlich gedankt, als ihr eine weitere Dimension des Unfalldramas schmerzlich bewusst wurde. "Wann hat Anne eigentlich realisiert , was mit ihr passiert war?", fragte sie sich - und erfuhr: "Leider gar nicht. Ihre Kopfverletzungen waren so schlimm, dass der Schädel angebohrt und über Schläuche der Innendruck gesenkt werden musste. Heute rief mich ihre Krankenschwester aus Frankfurt an, Anne wolle mit mir telefonieren. Erst große Freude, dann wieder die Erkenntnis: Ihr Kurzzeitgedächtnis ist so was von kaputt. Wir hatten erst gestern über Dinge gesprochen, von denen sie nun nichts mehr wusste. Nicht mal, dass wir überhaupt telefoniert hatten …"

Kaputtes Gehirn

Die nächsten dicken Tränen bahnen sich ihren Weg, als Mandy auf ihrem Smartphone Schnappschüsse vom letzten Besuch in Frankfurt zeigt: "Anne hatte so schöne Pläne für ihre Zukunft und jetzt plagt sie mit ihren nicht mal 15 Jahren schon Alzheimer-ähnliche Vergesslichkeit. Was auch dazu führt, dass sie ständig gewindelt werden muss. Auch die für den Stuhlgang-Reflex zuständige Region im Gehirn ist kaputt."

Tonny und Lindsay schmiegen sich enger an ihre Mama, als sie sehen, wie sie das alles aufwühlt und verzweifelt macht. Auch, dass ihre Mama die große Schwester zuletzt vor rund drei Wochen im Klinikum liebevoll umarmen konnte … bevor die Corona-Pandemie auch das ausschloss. Absolutes Besuchsverbot!

Mandy wurde Ende 1985 geboren, war DDR-Heimkind. Als sie und ihr Mann (und Vater aller drei Kinder) sich vor fünf Jahren getrennt hatten, zeichnete sich bald ab: "Er zahlt keinen Unterhalt, das Amt leistete Vorschuss." Und innerfamiliäre Helfer? Die gibt es leider nicht.

"Der Hammer kam noch obendrauf, als das Jugendamt noch Ambitionen der Art hegte, ich hätte ja nun wohl erst mal keinen Unterhaltsbedarf mehr für Anne, weil die im Krankenhaus liegt." Eine lange, Wut verbrauchende Gesprächspause folgt, die die beiden Kinder versuchen zu überbrücken. Tonny sagt: "Anne sagt manchmal so Sachen, wie… sie sei erst zwölf Jahre alt."

Hilflose Lage

Die junge Familie lebt derzeit vor allem von Mutters Krankengeld. Mandy sei "diese Bettelei "so was von zuwider". Mandy Ewald hatte ihr geregeltes, gutes Einkommen mit Dreischichtzuschlag als Anlagenführerin eines gefragten Kfz-Zulieferbetriebes im Rhön-Dorf Rippershausen. "Wir schwelgten nicht im Reichtum, aber kamen gut über die Runden. Bis uns dieser alte Mann ins Auto schoss."

Die nächsten Tränen kommen mit dem Satz, der Taxifahrer habe sich"ja immerhin noch in der Klinik bei mir entschuldigt und den Kindern paar Aufmerksamkeiten mitgebracht."

Eine Geste, auf die andere schuldlose Unfallopfer vergebens warten. "Aber sie ändert eben gar nichts an unserer hilflosen Lage, für die meine Kids und ich nichts können. Außer dass wir zum Einkaufen fuhren. "

Dass die Familie zu einem um etwas Optimismus bemühten Foto vor ihrem Wohnblock in die Sonne blinzelt, hat auch diesen Grund. Die leeren Erdgeschoss-Zimmer gleich hinter ihnen sind momentan ihr sehnlichster Wunsch. "Wir müssen von unserem fahrstuhllosen dritten Obergeschoss runter ins Parterre - wie sonst bekämen wir jemals unsere Anne im Rollstuhl nach Hause?"

Im Mai heim?

Die Frankfurter Mediziner hatten dafür den Mai in Aussicht gestellt. Nun aber weiß niemand, ob dieser Entlassungstermin so noch zu halten sein wird in diesen Corona-Zeiten. In ihren Forderungen an ein behindertengerechtes Wohnumfeld für Anne seien die Ärzte nach all den Therapien zu Recht auch unnachgiebig.

"Dass ich mein Kind erst mal heim holen kann, bedarf zunächst der Zustimmung meines Vermieters. Einfach, um im selben Aufgang in eine leer stehende Parterrewohnung ziehen zu können."

Dem stünde eigentlich nichts im Wege - nur, dass der Privatvermieter Nägel mit Köpfen machen und den behindertengerechten Umbau so durchziehen will, dass er mit uns für die benachbarte Wohnung gleich noch einen zweiten Mietvertrag macht samt Durchbruch zu Annes angedachter Wohnung."

Noch ist offen, ob der Eigentümer die dafür nötigen 77 000 Euro investieren kann und will - und dann auf die Monatsmiete umlegt. Oder ob die Versicherung des Unfallverursachers etwas zuschießt. Schon das dringend nötige neue Auto liegt völlig außerhalb des Familienbudgets.

Und als ob es nicht schon genügend Hindernisse gäbe: Die Autoversicherung hat den Ewalds den Vertrag gekündigt. "Obwohl wir null Schuld am Unfall gehabt hatten", sagt Lindsay und rollt die Augen

Autor

Klaus-Ulrich Hubert
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
03. 04. 2020
13:25 Uhr

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Autor

Klaus-Ulrich Hubert

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Veröffentlicht am:
03. 04. 2020
13:25 Uhr



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