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Thüringer helfen

Der traurige, weite, teure Weg zur Totenruhe

Vor mehr als einem Monat starb Renate Lüttschwagers ältester Sohn im Ausland und darf noch immer nicht bestattet werden. Leser fühlen mit.



Renate Lüttschwager und Sohn Riccardo bei der Auswahl des Grabsteins für den in der Türkei am Herztod gestorbenen ältesten Sohn André. Foto: uhu
Renate Lüttschwager und Sohn Riccardo bei der Auswahl des Grabsteins für den in der Türkei am Herztod gestorbenen ältesten Sohn André. Foto: uhu  

Ilmenau - Was macht das mit einer Mutter aus Ilmenau, wen sie im Oktober mit dem ältesten ihrer drei Söhne in den Türkei-Urlaub fährt und ihn dort tot zurücklassen muss?

André Lüttschwager erlitt, auch nach allen Angaben eines türkischen Klinikums, offensichtlich zwei Herzinfarkte in Folge, von denen der letzte tödlich war. Ein Hilfeersuchen erreichte den Verein "Freies Wort hilft" durch dessen Brüder bereits kurz nachdem der 39-jährige Ilmenauer am 12. Oktober gestorben war.

Da sah die 58-jährige alleinstehende, prekär beschäftigte Mutter trotz Unterstützung ihrer beiden anderen Söhne eine riesige Kostenlawine auf sich zu kommen: Die Leiche musste gekühlt aufbewahrt und, wie in der Türkei üblich, einbalsamiert werden, im schweren Zinksarg nach Leipzig geflogen, dort verzollt und nach Ilmenau überführt werden. Dazu die Rechnung des Krankenhauses in Antalya, alleine die über 2000 Euro.

"Die Mama und unser Bruder hatten in ihrer Freude über diese mühsam ersparte Billigflugreise einfach vergessen, vorher eine Auslandskrankenversicherung abzuschließen", so Ricardo. Daher bleiben sie nun auf allen Kosten sitzen.

Auch für den Grabstein, für den die Hinterbliebenen am Mittwoch beim Steinmetz sind. Da legt Ricardo tröstend seine rechte Hand auf die Schultern der Mutter, als beide ihre Wahl treffen: "Den hier, Mama!"

Da wussten beide und auch der in Berlin lebende zweitälteste Bruder René (35) noch nicht, wie groß die Welle an Mitgefühl der Zeitungsleser sein würde, das sich in vielen Geldspenden niederschlägt. Knapp 5500 Euro sind in den zwei Wochen zusammen gekommen um die Familie zumindest über die Tiefen finanzieller Unwägbarkeiten zu tragen. Vom Hilfswerk auf glatte 6000 Euro aufgerundet, ermöglicht das Spendengeld nun Mutter und Geschwistern des zuvor alleinlebenden André (39) halbwegs beruhigt an die Begleichung der Folgekosten zu gehen.

Die Fragen und das quälende Leid über den ausstehenden Abschied auf den letzten Weg des jungen Mannes haben indes noch immer kein Ende.

"Mutter hatte die Kraft einfach nicht, von unserem Bruder nochmal Abschied zu nehmen. Er ist beim Bestatter in Langewiesen noch mal aufgebahrt. René aus Berlin und ich waren für dieses traurige Wiedersehen Anfang der Woche bei ihm."

Die inzwischen über einen Monat währende Odyssee der Leiche Andrés ist noch nicht beendet. "Ein ausführlicher und ins Deutsche übersetzter Totenschein aus der Türkei, also einer mit verbindlicher Aussage zur Todesursache, braucht erfahrungsgemäß bis zu einem Jahr." Die Chefin des Bestattungsinstitut unterbricht kurz ihre Begründung, fügt dann hinzu: "Auf der Sterbeurkunde ist in der Türkei rasch eine angeblich unbekannte Todesursache attestiert. Das ruft folgerichtig hier in Deutschland die Frage der üblichen zweiten Leichenschau auf. Erst dann kann die Leiche eingeäschert werden."

Nun geht es also seinen amtlichen Gang: Gerichtsmedizin, Kripo, Staatsanwaltschaft. Anfang kommender Woche könnte dann ein Befund vorliegen - und der Abschiedstermin auf dem Ilmenauer Friedhof feststehen. Wenn alles gut geht.

"Was das mit mir und meinen Söhnen macht, wenn zwischen Sterben in der Ferne und Totenruhe hier daheim mehr als ein Monat vergehen muss?", wiederholt Renate Lüttschwager die anfängliche Frage. "Wo ist mein großes Kind gerade im Moment, was wird gerade jetzt mit ihm gemacht …" Solche Fragen gingen ihr durch den Kopf, sagt sie. Die Mutter wendet sich ein wenig ab. Schaut zu den Grabsteinen. Dann versucht sie in die richtigen Worte zu fassen, was, wie sie sagt "die tolle Hilfe der vielen Zeitungsleser" mit ihr macht.

Übrig bliebt davon ein Satz "Wir sind ihnen allen so sehr dankbar!"

"Freies Wort hilft" nimmt weiter Spenden unter dem Verwendungszweck "André" entgegen. Die Kontoverbindung: DE39 840500 00 1705 017 017 bei der Rhön-Rennsteig-Sparkasse.

Autor

Klaus-Ulrich Hubert
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
15. 11. 2019
10:43 Uhr

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Autor

Klaus-Ulrich Hubert

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Veröffentlicht am:
15. 11. 2019
10:43 Uhr



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