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Ein Erfrischendes Ehrenamt in Geschwenda

Seit einem Jahr kniet sich der Waldbadverein in Geschwenda in die Wiederbelebung eines Stücks ländlicher Infrastruktur. Dabei geht's nicht nur um Abkühlung in einem Supersommer wie diesem.



Zum Fest noch vergittert und fast leer, aber mit viel Potenzial: Das Geschwendaer Freibad, das engagierte Bürger als naturnahes Freizeitziel wiederbeleben wollen.
Zum Fest noch vergittert und fast leer, aber mit viel Potenzial: Das Geschwendaer Freibad, das engagierte Bürger als naturnahes Freizeitziel wiederbeleben wollen.   » zu den Bildern

Hitzefrei? Gilt heute trotz der nicht. Auch nicht bei selbst gesteckten Ehrenamtszielen des im Juni 2017 gegründeten Waldbadvereins in Geschwenda, einem Industriedorf an der A71 zwischen Suhl und Ilmenau.

Am vergangenen August-Wochenende nun ließen die freiwilligen Aufbaustunden am Waldbad auch Marco Stelzner, Peter Stübchen und Alexander Günther buchstäblich vor ihrer Freizeitarbeit in die Knie gehen: Sie verlegen Fliesen in dem schick rekonstruierten Multifunktions-Flachbau. Mit herrlichem Blick von der Anhöhe im Grünen auf das von Bäumen gesäumte Waldbad.

"Dis hier war einmal unser Erbstück erfrischender Infrastruktur für Geschwenda spätestens seit 1970. Vier Jahrzehnte lang, bevor es 2012 infolge Haushalts-Konsolidierungskonzept nicht mehr finanzierbar schien", sagt Lars Pitan. Nicht ohne Sarkasmus. Der Chef der gleichnamigen Immobilien-Gruppe ist im Ehrenamt Vorsitzender im Waldbadverein. Und der neidlos anerkannte Motor des 54 Mitglieder zählenden Vereins seines Heimatortes.

Gemeinschaftsarbeit

"Ein echtes Stück sozialistischer Gemeinschaftsarbeit", so erinnert eine Bronzetafel am Eingang des Waldbads den einstigen DDR-Initiativbau von 1970. Tausende freiwillige Aufbaustunden der Bürger, Leistungen von volkseigenen und anderen Betrieben, Kommune und Kreis ermöglichten den damals. "Für unsere Werktätigen, ihre Familien und Urlaubsgäste", wie seinerzeit die SED-Presse berichtet hatte.

Eine Errungenschaft mit all den Attributen, wie sie heute noch erkennbar und in den Erinnerungen existieren: Voran die reizvolle Lage und das glasklar-kühle Quellwasser aus dem Kalten Born. Diesem Bach haben mittlerweile die nahe Autobahn plus die Trockenheit des Sommers nahezu den Hahn abgedreht.

"Weshalb wir ja auch für das bereits wieder intakte Kinderplanschbecken auf unseren Brunnen umstellen mussten", sagt Katja Döring. Die fröhliche Mittvierzigerin ist im zwölfköpfigen Vorstand Schriftführerin. Sie hat neben ihrem Beruf einen Vollzeit-Ehrenamts-Job, so wie die meisten der Vereinsaktivisten.

"Selbst nach einem Jahr ist der Gründer-Elan nicht verbraucht. Wir lassen alles daheim an privaten Aufgaben stehen und liegen. Einfach, um bei unserem Gemeinschaftsvorhaben kräftig mit anzupacken. Wochenende um Wochenende!"

Während Katja die Aussage in ihrem Ordner "Vereinsaktivitäten" mittels Spenden- und Kaufquittungen zu beziffern versucht, verlangt ein halbes Dutzend eingehender Firmen-Telefonate immer wieder ihre Aufmerksamkeit: "Ich muss dann mal wieder ..."

Zu Monatsbeginn gab es viel bei Vorbereitung des Waldbadfestes im Verein zu tun. Auch die zweite Auflage wurde unter Regie von Vorstandsmitglied René Buhr ein Erfolg.

Nackig gemacht

Nicht allein des puren Spaßes wegen, sondern durch das trotzig-solidarische Bekenntnis der Geschwendaer: Bier, Brätel und Beats zugunsten unseres Bades. Zugleich Schulterklopfen für Ziele und bisherige Leistungen der vielen Ehrenamtlichen sowie deren Unterstützer.

"Wir bieten mehr als nur die Auswahl, auf der Wiese mit Sonnenbrand gegrillt und danach im Wasser abgelöscht zu werden", sagt Lars Pitan. Und zwar? "Na mit idyllischen, Schatten spendenden Plätzen wie dem alten Großfiguren-Schachfeld, den verschiedenen Liegewiesen inmitten Wald-Duft samt Imbiss-Terrasse, Volleyballplatz, Sprungturm, Rutsche." Auch mit FKK-Badetagen habe man es vor Jahren mal probiert.

Eher habe sich aber doch der Gemeindehaushalt "nackig gemacht", flunkert eine Bikini-Schöne, für die es, wie sie sagt, "seit Kindertagen nichts Schickeres gab, als hier im Sommer abzutauchen." Alles was jetzt dem aus Finanz-Gründen geschlossenen Freizeitangebot zu neuem Leben verhilft, funktioniert nun ausschließlich auf hoher Spenden- und Sponsorenbereitschaft.

Der dickste Brocken stehe noch bevor: Die Umgestaltung des alten Beton- und Plastikfolien-Beckens zum zeitgemäßen Naturbad mit Schilfgürtel und biologisch selbstreinigendem Wasserhaushalt. "Das wird nichts ohne Fördermittel, von denen man oft hört, sie würden zu zögerlich abgerufen",sagt Lars Pitan. Er hat noch das Klinkenputzen im Infrastrukturministerium vor Augen: "Da hielt man mir eine 13 Jahre alte Richtlinienstudie über Freibäder hin." Mit Kriterien, die sich in Zeiten ökologisches Wandels wie aus der Zeit gefallen gelesen hätten.

"In der DDR stand uns das Wasser bis zum Hals. Jetzt sind wir deutlich weiter", schmunzelt am Rande des Festes ein Rentner mit Erfahrung der ersten Aufbauzeiten des Bades. Und weist dabei ironisch auf den abschüssigen Bad-Grund des derzeit abgesperrten, fast leeren Beckens.

Einstigen Erhebungen zufolge galt Geschwenda einmal als der Ort mit den höchsten privaten Spareinlagen im Kreis Ilmenau.

Rechnet sich nicht?

"Was aber nicht am Geiz der Bürger lag, sonder, wie es immer hieß, wohl eher am gut gehenden ,Trust', wie der VEB Stahlbau im Volksmund hieß", schmunzelt Katja Döring.

Sie fragt mit anderen Vereinsaktiven wie auch Vertretern der längst wieder gut aufgestellten Wirtschaftsbetriebe direkt an der A71: "Wo hängt es also, wenn die reiche Republik einfach die Hände hebt: Geht nicht, rechnet sich nicht, schaffen wir nicht?"

Dies sind nicht allein Pitans Erfahrungen. Hinter dem Vorsitzenden rauscht bei diesem Resümee lautstark und fröhlich das Bad-Fest. Da zeigt ein Helene-Fischer-Double Können und Haut, spielen die Dörrberger Bläser aus dem ebenfalls freibadlosen Nachbarort Gräfenroda Böhmisches, Bayerisches und Blues.

"So klasse, wie man hier auch im Zusammenwirken unter 20 Vereinen erlebt, dass die Jugend des Ortes eben nicht nur abhängt", weiß Stefanie Hugon vom Faschingsverein. Die 31 Jährige hat Sohn Ian auf dem Arm und Tochter Liv an der Hand, während Annalisa Müller am Getränkewagen Brause und Bier einschenkt.

Annalisa, 21, studiert in Erfurt Bauingenieurwesen. An frei verfügbaren Wochenenden macht sie gewissermaßen Praktika am Waldbad. "Ganz schön gekonnt auch als Planierwalzen-Pilotin. Wir und der Schotter des Behelfsweges zur Bad-Baustelle waren echt ... platt", flüstert ein anderes Vereinsmitglied.

Alltag anders erlebt

Pitan und das knappe Dutzend seiner Vorstandsmitglieder sind fest überzeugt, dass ihr Vorhaben nicht baden geht. Es gehe längst nicht mehr nur um das Waldbad, sagt der 41-Jährige sehr ernsthaft. Er braucht beide Hände, um an deren Fingern die "nicht nur gefühlten, sondern echten Wegbrüche an Infrastruktur im Ort" aufzuzählen, die das viel zitierte Abgehängtwerden des ländlichen Raumes belegen. "Ein Pflegeheim, um in vertrauter heimatlicher Umgebung alt werden zu können? Eine Landarztpraxis? Einkaufsmöglichkeiten wie früher? Straßenbau? Alles, alles Fehlmeldungen!"

Neue Chancen für Orte jenseits der Leuchttürme im Lande, die würden "doch wohl zunächst als Visionen wachsen. Als Folge erkannten Bedarfes", sagt der Geschäftsmann und bekennende Udo-Lindenberg-Fan.

Doch wenn "die Politik" weiter den Leuten erkläre, wie "toll wegen boomender Wirtschaft Steuerquellen sprudeln, während im Alltag auf dem flachen Land das Gegenteil" erlebt werde? "Dann sind wir wieder beim Widerspruch zwischen Sein und Schein. Wie zu DDR-Zeiten."

Als Immobilien-Unternehmer will Pitan in seinem Heimatort ein neues Wohngebiet erschließen. "Die eigentlich gute Wirtschaftsentwicklung schafft einfach Bedarf", auch wenn im Gewerbegebiet neben der A71 noch Luft nach oben existiere.

Der wasserweiche Standortfaktor eines auch fußläufig erreichbaren Waldbades sei indes nur ein Baustein. Aber einer mit hohem Wert für eine Infrastruktur, in der man sich daheim fühle. Im 19. Jahr des neuen Jahrtausends widerspiegele das "normale Grundbedürfnisse, keinen Luxusanspruch", meint Pitan.

Deshalb gab's beim Badfest, das auch die Idee und das sichtbare Vorankommen der Waldbad-Wiederbelebung weiter popularisieren sollte, viel Schulterklopfen. Für die riesige Ehrenamts-Initiative. Für das umsichtige Dranbleiben am Ziel. Samt Kopfschütteln vieler Bürger darüber, warum solche Akzente der Daseinsvorsorge heutzutage von Vereinen gesetzt werden müssen.

Nicht allein Eintritt

Pitan wäre im Job ein schlechter Geschäftsmann, wenn er in seinem Waldbad-Ehrenamt nicht auch das kleine "Rechnet sich das?"- Achtungszeichen setzen würde. Zwar beginne gerade erst die Konzipierung Richtung Naturbad. "Aber allein von Eintritt und Imbiss sowie Zuschüssen sind Badkosten nie zu bestreiten." Eine Mischkalkulation sei wichtig. "Die muss berücksichtigen, dass unser schon weit vorangeschrittenes Multifunktionsgebäude am Bad auch für Veranstaltungen Raum bietet. Große Resonanz gibt es schon."

Besucherzahlen auf Volksfesten lassen sich erfahrungsgemäß anhand des Verzehrs messen. "1700 Bratwürste, 500 Rostbrätel, 300 Fischsemmeln, ein halber Zentner Fleisch, Hektoliter an Bier ..." Schriftführerin Katja klappt ihren Ordner fast ehrfürchtig wieder zu: "Wegen der Hitze gingen die Würste nicht so flott vom Rost wie gewohnt. Aber sonst ... Mindestens 1500 Besucher ließen einen ordentlich positiven Saldo zurück. Und die Spendenbüchse war gefüllt.

Samstag geht's weiter

Am morgigen Samstag geht das große Ehrenamts-Handwerk am Bad weiter: Die Kühlzelle für den fast fertigen Flachbau wird gebaut, am Dach und am Fußboden geht es weiter.

Eine Sommerfrischlerin aus Weimar kommentierte kürzlich das Hinweisschild "Besuchen sie unser Waldbad Geschwenda": Sie würde bei der Hitze doch zu gern mal wieder dort schwimmen gehen.

Ob Pitans Antwort zu optimistisch war? "Gern, aber erst in etwa zwei Jahren."

Autor

Klaus-Ulrich Hubert
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Veröffentlicht am:
24. 08. 2018
08:08 Uhr

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Klaus-Ulrich Hubert

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24. 08. 2018
08:08 Uhr



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