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Thüringer helfen

Dörfliche Liebe zu einer alten Dame

Mit handwerklichem Zupacken, mit Theater und weiteren Ehrenamts-Ideen engagieren sich 36 Mitglieder eines Vereins für die denkmalgeschützte Kirche im Walddorf Altenfeld.



Mehr als 20 Altenfelder inszenieren jedes Jahr Theaterstücke in der Dorfkirche, bei denen oft kein Auge trocken und kein Platz frei bleibt. Links Vorsitzender Uwe Guttwein, mit Zylinder Bürgermeister Peter Grimm als Bürgermeister in "Rasselböcke und Mondstürer" im Jahr 2015. Archivfoto: uhu
Mehr als 20 Altenfelder inszenieren jedes Jahr Theaterstücke in der Dorfkirche, bei denen oft kein Auge trocken und kein Platz frei bleibt. Links Vorsitzender Uwe Guttwein, mit Zylinder Bürgermeister Peter Grimm als Bürgermeister in "Rasselböcke und Mondstürer" im Jahr 2015. Archivfoto: uhu   » zu den Bildern

Altenfeld - Am 5. November war Kirchweihe. "Aber eben schon im Jahr 1741", schmunzelt Uwe Guttwein, der Vorsitzende des Vereins "Freunde der Kirche Altenfeld". Eine wirklich alte Dame steht da in dem 1000-Einwohner-Dorf nahe Großbreitenbach im Ilm-Kreis. Mit welch riesigem Engagement und Ansehen sie von den Altenfeldern gepflegt wird - man kann es auch daran ablesen, dass der Kirchenfreunde-Verein seit seiner Gründung 2006 seine Mitgliederzahl auf 36 verdoppelte.

Seither sind viele wesentliche Teile des im schlichten ländlichen Barock errichteten Gotteshauses in die Jahre gekommen. "Die Kirche schafft so immer aufs Neue eine Herausforderung von Generation zu Generation. So wie der vor uns. Die hatte vor 55 Jahren das Dach des Kirchenschiffes in der DDR-Zeit neu gedeckt", sagt Uwe Guttwein, der seit Anfang als Vereinsvorsitzender amtiert.

Als er Montagabend das Gotteshaus aufschließt, fällt die eiskalte Luft der Frostwochen aus der Tür. Draußen auf dem zum Oelzetal abfallenden Friedhof herrschen gerade vergleichsweise vorfrühlingshafte Temperaturen. Guttweins Vize Ulrich Löffler geht voran, schaltet das Licht an, schlägt den Kragen hoch. Heute will man sich bei der Eiseskälte hier drin so kurz wie möglich fassen, um die Probeanstriche zu beurteilen, die ein Restaurator angelegt hat.

Sprengung vor 280 Jahren

Bereits der Baubeginn vor genau 280 Jahren hatte dem Glasmacherort einiges abverlangt. Alte Rechnungen belegen das. Von 40 000 Schiefernägeln bis hin zum zentnerweisen Antransport von Schießpulver. Das Vorhaben begann mit einem "Paukenschlag", sagt Ulrich Löffler: "Auf dem Bauplatz war ein Fels zu sprengen."

Der Respekt, den alle Mitglieder des Vereins und viele andere Bürger der Leistung ihrer Altvorderen zollen - er ist eine der Triebfedern ihres Ehrenamtsengagements. "Hier wirken auch viele Einwohner mit, die sonntags nicht unbedingt die Kirchenbänke drücken", sagt Guttwein und schaut von der Kirchenbank viel lieber nach unten als nach ganz oben.

"Hier unten haben die Vereinsmitglieder elektrische Fußboden- und Sitzheizungen installiert. Ganzjährig kann man so in der kühlen Kirche Platz nehmen, ohne sie insgesamt aufzuheizen. Stattdessen: Gerade mal 400 Euro im Jahr Heizkosten." Ganz früher spendete eine große Kohlepfanne Wärme. Und Rauch!

Der Blick nach ganz oben offenbart indes einen Teil des 2018 anstehenden Aufbaustunden-Bedarfs. Bis hinauf in die Decke des Kirchenschiffs, bei knapp acht Metern Höhe, wird für Sanierungen demnächst ein Gerüst in die Höhe wachsen. Über das gelangen dann schwindelfreie Ehrenamts-Anstreicher an die alten Durchfeuchtungsflecken.

Hoffentlich zum letzten Mal. Denn bis zur 275-Jahr-Feier der Kirche im Herbst 2016 waren fast eine Viertelmillion Euro verbaut worden, auch für den neuen Dachstuhl samt neuem Schiefer. "Mit einem Dutzend Geldgebern im Finanzierungs-Mix von Land und Kommune, Denkmalschutz und privaten Sponsoren", sagt Ulrich Löffler. Mit ausgestreckten Händen zeigt er fünf Finger, Daumen plus vier Nullen: Dabei kamen "runde 60 000 Euro Eigenleistungen vom Verein". Im Rahmen ihrer Vereinsunterstützung gab's dafür seitens der Ilm-Kreis-Sparkasse und dieser Zeitung im Vorjahr die Würdigung mit dem "Goldenen Daumen".

Eine fünfstellige Summe ist durch Spenden zusammengekommen, die wir als Verein ständig organisieren. "Samt Muskelhypotheken", sagt Guttwein. Er hat Fotos von Arbeitseinsätzen zur Hand. Und Bilder im Kopf. "Wir Helfer waren quasi Subunternehmer, die mit dem Abriss des alten Schieferdachs die Neudeckung preisgünstiger machten." Ulrich Löffler erinnert sich an die "fleißigen Frauen. Die hatten alte, abgerissene Schiefer sogar mit Eimern in die Container geschleppt".

Arbeitseinsätze des Vereins entgingen auch anderen Bürgern nicht. "Beispielsweise wenn Angehörige Gräber auf dem Friedhof pflegten. Bald wurde unser Aushang ,Arbeitseinsatz Kirche ab 15 Uhr' ohne Datumsangabe zum Dauerbrenner. Der aktivierte weitere zupackende Einwohner", lacht Guttwein jetzt.

Schließlich sei das - neben baulicher Erhaltung und gottesdienstlich-kultureller Nutzung - ein Hauptanliegen in der Vereinssatzung. "Genau so war das gedacht und kam es auch: Das öffentliche Bewusstsein dafür zu fördern, welch geschichtsträchtiges Denkmal die Kirche zu Altenfeld ist. Und wann und weshalb sie in den Jahrhunderten Andachts-, Trost- und Zufluchtsort der Bevölkerung war."

Rote Lippen

Und sie ist es bis heute. Zuletzt, als viele TV-Kameras in Altenfeld aufgebaut waren. Im Sommer 2017 war es mit dem Glockenläuten in der überfüllten Kirche so still wie lange nicht. Solidarisch in Trauer und Entsetzen vereint: Das halbe Dorf mit der jungen Mutter, deren Mann zwei ihrer Kinder erstochen, das dritte schwer verletzt hatte.

"Gut übrigens, dass Uwe Bauingenieur ist", sagt Ulrich Löffler. Man müsse ja auch finanziell stets die Kirche im Dorf lassen. "Immer das Wichtigste zuerst: Dach dicht? Trockenes Mauerwerk samt Fassaden. Gute Fenster. Alles stets mit viel Unterstützung durch die Kommune." Davon, so Löffler, künden später auch mal die Turmknopfbeigaben mit Zeitdokumenten, als 2004 die Turmhaube erneuert worden war.

Übernächste Woche, am 20. März, ist der nächste Vorort-Termin. Außenstehende würden ihn nicht als das Wichtigste ansehen. Doch nachdem die Ehrenamtlichen voriges Jahr die hohen Innenwände mühsam neu geweißt hatten, zeichnete sich bald ein Glaubensstreit ab.

Der Verein habe einen sehr erfahrenen Restaurator der Deutschen Stiftung Denkmalschutz mit im Boot. "Der arbeitete sich vorsichtig, Lage für Lage, durch Jahrhunderte früherer Farbschichten bis auf die Originalfarbe." Schließlich sei er "bei fast naturalistisch bemalten Putten mit roten Lippen an der Kanzel und Schlüpfer-Rosa und Blassblau an den Emporen angekommen. Der Restaurator und wir wünschen uns diese Original-Farbigkeit. Die Denkmalschutzbehörde eher nicht. Warum auch immer", sagt Löffler.

Was dabei letztlich herauskommt? Am 23. März ab 19 Uhr wird sich die Jahreshauptversammlung des Vereins dazu eine Meinung bilden.

Der Vizevorsitzende schmunzelt: "Gut, dass einer wie Uwe seit Anbeginn des Vereins immer wieder ja sagt, seine Wahl zum Vorsitzenden annimmt. Obwohl er als Bauingenieur viel durchs Land hetzen muss."

Ein Tagesordnungspunkt wird traditionell ab Mai aktuell. Er bietet dem hohen Engagement der Vereinsaktiven ein überaus verdientes Auditorium. Und riesigen Applaus. Denn neben den jährlich mindestens zwei Konzerten zugunsten der Kirchenerhaltung hebt sich seit nunmehr elf Jahren immer um die Zeit der herbstlichen Kirchweih der Vorhang zu einem vom Verein selbst getexteten und inszenierten Theaterstück.

Kein Platz bleibt frei, wenn hier Kathrin Wenzels liebevoll geschriebene Textrollen mit Hilfe von Barbara Wilhelmi und vielen Laienschauspielern den Altarraum zur Bühne machen. Wobei den Premieren oft weitere Aufführungen folgen - mit "Elisabeth von Thüringen" beispielsweise auch in der Stadtkirche Suhl.

Ab Mai dann bereits erste Rollenbesetzungen, Drehbuchabsprachen. "In den letzten vier Wochen vor der Premiere proben wir hier wöchentlich zwei Mal", sagt Uwe Guttwein. "Die Historie kommt bei unseren Stücken nicht zu kurz, aber auch nicht die Unterhaltung; der reale Alltagswitz, wie aus dem Leben unserer Glasmacher-Vorfahren gegriffen."

Ob in den "Altfaller Dorfgeschichten" von 2008 oder im Jahr darauf mit "Glück und Glas" und 2011/2012 die beiden Folgen von "Katharina von Bora - Luthers Weib": Immer beweist herzlicher Beifall für das Laienensemble, dass es wieder mal das rechte Gespür für treffliche Pointen bewiesen hat. "Hier stehe ich und kann nicht anders" stand voriges Jahr im Spielplan. Das Ganze sei "nicht etwa mit üblichem Luther-Jahr-Pathos getragen aufgeführt worden", feixt Ulrich Löffler. "Luthers hatten ja nicht nur ihr Reformations- sondern auch Familienleben. Da zeige mir jemand einen besseren Martin als unseren Peter", so der Vorsitzende zur Hauptrolle des ehrenamtlichen Bürgermeisters Peter Grimm. Den nicht nur im Theaterensemble, sondern auch als Aktiven im Verein und wichtigsten Kooperationspartner zu haben, müsse ja nicht zwingend Luthers alter Erkenntnis folgen: "Wenn der Bürgermeister seine Pflicht tut, werden kaum vier da sein, die ihn mögen."

Eines mögen die Vereinsakteure auf jeden Fall hundertprozentig: Ab der Vollversammlung wollen weitere Bürger mitmachen.

Autor

Klaus-Ulrich Hubert
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Veröffentlicht am:
08. 03. 2018
23:27 Uhr

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Klaus-Ulrich Hubert

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08. 03. 2018
23:27 Uhr



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