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Suhl

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Nach dem großen öffentlichen Kandidatenforum am Mittwoch im CCS stellten sich Direktkandidaten der dort nicht vertretenen Parteien einem Redaktionsgespräch im Verlagshaus unserer Zeitung in Suhl.



Mehr Duett als Duell: Die Bundestagskandidaten Martin Truckenbrodt, (45, ÖDP, l.)und Christian Horn (30, Piraten) beim Streitgespräch in der Redaktion. Foto: ari
Mehr Duett als Duell: Die Bundestagskandidaten Martin Truckenbrodt, (45, ÖDP, l.)und Christian Horn (30, Piraten) beim Streitgespräch in der Redaktion. Foto: ari  

Suhl - Mit Martin Truckenbrodt von der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP) und Christian Horn von den Piraten nahmen zwei der drei eingeladenen Direktkandidaten kleinerer Parteien die Einladung zum Streitgespräch in unserer Hauptredaktion in Suhl an. Michael Schüler, der im Wahlkreis 196 für die Freien Wähler ins Rennen geht, sagte kurzfristig aus familiären Gründen ab.

ÖDP und Piraten

Als die ÖDP 1982 gegründet wurde, rümpften viele Konservative noch die Nase über Umweltschützer. Bis heute gilt die ÖDP als politische Heimat ökobewusster Menschen, denen die Grünen zu links sind. Stark ist die ÖDP in Bayern, wo sie viele unzufriedene CSU-Anhänger gewann und erfolgreiche Volksbegehren initiierte, so für das Rauchverbot in Gaststätten. 2013 holte die ÖDP im Gebiet es heutigen Südthüringen-Wahlkreises 885 Zweitstimmen (0,5 Prozent), einen Direktkandidaten gab es nicht.

Die Piratenpartei gibt es seit 2006. Piraten sehen sich als Teil einer globalen Bewegung zur verantwortungsvollen, liberalen Gestaltung des digitalen Wandels, "Netzpolitik" ist ihr Markenkern. In ihrer Hoch-Phase um 2011/2012 zog die Partei in mehrere Landtage und Stadträte ein, holte oft zweistellige Ergebnisse. 2013 kam der Südthüringer Kandidat Bernd Schreiner auf 3600 Erststimmen, etwa so viele wie die Grünen. Der Zweitstimmenanteil lag bei 2 Prozent. Heute sind solche hohen Wahl-Werte selten.

Dabei hätte er die kleine Runde bereichern können, denn in ein echtes Streitgespräch lassen sich Truckenbrodt und Horn nicht verwickeln. Zu ähnlich sind ihre politischen Ansichten und Ziele, zu groß die Übereinstimmungen bei den wichtigen Themen. Ihre beiden Parteien, ÖDP und Piraten, haben viel mehr gemeinsam als die Erkennungsfarbe Orange. So verblüfft es nicht, wenn beide bei ihren Antworten auf die von Vize-Chefredakteur Markus Ermert und dem Suhler Lokalredaktionsleiter Georg Vater gestellten Fragen meist ähnliche Antworten parat haben.

"Zwang ist kein Mittel"

Deutlich wird das bei der Forderung nach einem Grundeinkommen für alle - mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass die Piraten dieses an keinerlei Bedingungen knüpfen wollen, die ÖDP dafür durchaus eine Gegenleistung erwartet. Von Zwang aber, auch das wird klar, halten vor allem die Piraten nichts. "Die Aussage von CDU-Kandidat Mark Hauptmann ,Sozial ist, was Arbeit schafft' halte ich schon fast für zynisch", empört sich Christian Horn, der ansonsten das Klischee vom typischen Piraten in keinster Weise bedient. Statt im Großstadt-Dschungel fühlt sich der 30-jährige Meininger auf der Hohen Maas bei Meiningen am wohlsten, statt eines leistungsfähigen Smartphones benutzt er ein altertümlich anmutendes Handy mit klitzekleinem Display.

Über den Verein der Bakuninhütte hat er auch seinen Wahlkampf-Widersacher Martin Truckenbrodt kennen gelernt, der ebenso im ländlichen Südthüringen oder dem nördlichen Franken verwurzelt ist, wie er es als Vorsitzender des Vereins Henneberg-Itzgrund-Franken bezeichnen würde. Doch Truckenbrodt bekennt sich wie seine Partei ebenso zu Europa, auch wenn das reformbedürftig sei. "Wir brauchen endlich eine gemeinsame europäische Außenpolitik und keine neue Vorschrift für die Sennerei auf der Alm, welchen Durchmesser die Käse haben dürfen", sagt er. Ein solidarisches Europa will Christian Horn erreichen. "Es kann nicht sein, dass nur die deutsche Exportwirtschaft ihre Interessen durchsetzt und andere in die Röhre gucken", sieht er es.

"Gebt das Hanf frei"

Auch innenpolitisch schwimmen beide auf einer ähnlichen Welle. Statt digitaler und systematischer Überwachung etwa mit Kameras müsse die innere Sicherheit mit Prävention und Erhalt der sozialen Infrastruktur gestärkt werden. "Dazu brauchen wir mehr Personal im Sozialbereich und bei der Polizei", sagt Horn. "Wir brauchen effiziente und verantwortungsvolle Polizeiarbeit", formuliert es Truckenbrodt, der kurz vor der Wahl 46 Jahre alt wird.

Auch in der Drogenpolitik liegen beide dicht beieinander. Sowohl Horn als auch Truckenbrodt halten eine Freigabe von Cannabis für sinnvoll. "Wenn wir parallel dazu eine vernünftige Aufklärungsarbeit vor allem bei Jugendlichen leisten", sind sie sich einig. In Sachen Wirtschaft und Verkehr wenden sie sich gegen weitere Privatisierungen in der Verkehrsinfrastruktur und fordern mehr Investitionen in Straße und Schiene.

Ein klarer Unterschied ist bei der Frage nach einer vorstellbaren Zusammenarbeit mit anderen Parteien doch noch herauszukitzeln: Während sich Horn eine Koalition mit den an der rot-rot-grünen Landesregierung beteiligten Parteien und höchstens noch mit der FDP vorstellen kann, ist Truckenbrodt für jegliche parteiübergreifende Zusammenarbeit offen - Extremisten jeglicher Couleur ausgeklammert.

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Georg Vater

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Veröffentlicht am:
16. 09. 2017
18:39 Uhr

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16. 09. 2017
18:39 Uhr



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