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Suhl

Busfahrer wurden auf dem "Berg" zu Helden

Am Nikolaustag vor 30 Jahren titelte Freies Wort "Sonderfahrt auf den Suhler Berg. Busfahrer des bezirksstädtischen Kraftverkehrs blockieren Ausfahrten des Bezirksamtes für Nationale Sicherheit".



Auszug aus der Tageszeitung Freies Wort vom Mittwoch, 6. Dezember, 1989.
Auszug aus der Tageszeitung Freies Wort vom Mittwoch, 6. Dezember, 1989.  

Suhl - Beim täglichen Wälzen der Archivunterlagen von Freies Wort lässt sich die rasante Entwicklung in der Wendezeit des Jahres 1989 nachvollziehen. Bereits in der Nacht vom 4. auf den 5. Dezember haben Suhler Bürger die mögliche Vernichtung von Beweismaterial verhindert. Gegen 21 Uhr hatten sie sich zu einem Protestmarsch formiert und sich von der Stadthalle aus zum Gebäudekomplex des Bezirksamtes auf den Weg gemacht. Dort forderten Tausende zunächst vergeblich Einlass in die Räume der Einrichtung. Die aufgebrachten Demonstranten riefen "Wir sind das Volk", "Öfen aus - Akten raus" und "Stasi in den Tagebau". "Erst nach zähen, etwa eineinhalbstündigen Verhandlungen, war die Leitung des Bezirksamtes zu einem Kompromiss bereit: Zehn Vertreter des Neuen Forums, fünf Bürger und zwei Journalisten erhielten erst nach ihren Hinweisen auf die Forderungen von Rechtsanwalt Gysi und Markus Wolf nach Wahrnehmungen von Kontrollaufgaben durch die Bürgerkomitees und nach gemeinsamer Sicherung von Beweismaterial Zutritt", hieß es in der Tageszeitung.

Nach weiteren Verzögerungen und dem späten Eintreffen von Bezirksstaatsanwalt Klaus Schulze, gegen 23 Uhr, öffneten sich die Türen. "Vom Bezirksstaatsanwalt wurden unter Hinzuziehung eines weiteren Staatsanwaltes zwei zur Aufbewahrung von Unterlagen bestimmte Räume versiegelt, einschließlich des Aktenarchivs samt Registratur sowie mehrere Stahlschränke", stand zu lesen.

Noch nach Mitternacht wurde die Bildung einer unabhängige Untersuchungsgruppe vereinbart.

Auf die Frage, ob auch in Suhl bereits Akten vernichtet worden seien, antwortete der Leiter des Amtes mit Ja. Dabei habe es sich um Unterlagen gehandelt, die im Zuge der zu weit gefassten Sicherheitsmaßnahmen der vergangenen Jahre angefertigt worden seien, erklärte er.

Während dieser Zeit war es am Haupttor des Objektes zu dramatischen Vorkommnissen gekommen. Mehrfach wurde versucht, die Sicherungsanlagen zu überklettern und das Tor zu zerstören. Ein Angehöriger der Wachmannschaft warf daraufhin eine Tränengasgranate in Richtung der Protestierenden. Gegen 2.30 Uhr wurden schließlich die wartenden Bürger über das Ergebnis der Sicherstellung von Unterlagen unterrichtet. Zudem entschuldigte sich Generalmajor Lange für den Einsatz des Tränengases.

Am folgenden Tag blockierten Busse der Suhler Stadtlinie die Zu- und Ausfahrten für das weitläufige Gelände des Amtes für Nationale Sicherheit. Auch Fahrzeuge des Winterdienstes kamen hinzu.

Gegen 13 Uhr hatte sich der erste Bus auf den Weg zum "Berg" gemacht. Die Kollegen des VEB Kraftverkehr forderten Einlass in das Objekt. Als ihnen dieser verweigert wurde, riefen sie weitere Mitarbeiter hinzu. Gegen 15 Uhr traf Bezirksstaatsanwalt Klaus Schulze erneut ein und unterrichtete die rund 200 Anwesenden darüber, dass er in der Nacht zuvor die Archivräume und Aktenlager versiegelt habe. Die Anwesenden forderten jedoch mit Nachdruck, dass ein beladener und verplombter Lastzug mit Berliner Kennzeichnen geöffnet werden solle.

"Gegen 15.20 Uhr erklärte Major Linke vom VPKA Suhl, dass die VP ab sofort das Objekt gegen den Abtransport von Materialien aller Art sichern werde. Die Busfahrer zeigten kein Vertrauen - sie blieben", berichtete Freies Wort vom weiteren Verlauf dieser Aktion.

Autor

Doreen Fischer
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Veröffentlicht am:
04. 12. 2019
16:17 Uhr

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Autor

Doreen Fischer

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Veröffentlicht am:
04. 12. 2019
16:17 Uhr



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