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Suhl/ Zella-Mehlis

533 Flüchtlinge unter Quarantäne

Die Lage in der Erstaufnahmeeinrichtung (EAE) des Landes auf dem Suhler Friedberg ist prekär. Am späten Freitagabend wurde dort ein Bewohner positiv auf Corona getestet. Seitdem stehen die 533 Bewohner unter Quarantäne.



Hinter dem Tor der Erstaufnahmeeinrichtung drängen sich verunsicherte Bewohner. Nur wenige haben einen Mundschutz. Fotos: frankphoto.de
Hinter dem Tor der Erstaufnahmeeinrichtung drängen sich verunsicherte Bewohner. Nur wenige haben einen Mundschutz. Fotos: frankphoto.de   » zu den Bildern

Suhl - Nach der Erkrankung eines Bewohners an Covid-19 und der in der Nacht zu Samstag verhängten Quarantäne für alle derzeit 533 Bewohner der Erstaufnahmeeinrichtung (EAE) des Landes machten sich Thüringens Migrationsminister Dirk Adams (B90/Grüne), der Präsident des Thüringer Landesverwaltungsamtes (LVA), Frank Roßner und Oberbürgermeister André Knapp Samstagnachmittag auf dem Friedberg außerhalb des Zauns ein Bild von der Lage.

Das Gelände ist seit Samstagvormittag von starken Polizeikräften abgesichert. Sie wurden laut Wolfgang Nicolai, Leiter der Landespolizeiinspektion Suhl, aus dem ganzen Freistaat zusammengezogen. "Es gab wie erwartet erste Probleme", so Nicolai. Mehrere Bewohner mussten am Samstag und Sonntag bereits mehrfach am Verlassen der Einrichtung durch Übersteigen des Zauns gehindert werden - allerdings rein kommunikativ und ohne körperliche Gewaltanwendung, die laut Infektionsschutzgesetz im Notfall als letztes Mittel zulässig ist. "Wir wissen, dass es nicht einfach sein wird, die Quarantäne gegenüber einigen Bewohnern durchzusetzen. Aber wir werden alle Maßnahmen ergreifen, um ein Verlassen des Geländes durch Bewohner zu verhindern, notfalls auch mit noch mehr Polizeikräften. Die Zusage vom Land dafür liegt vor", so Nicolai, der auch von vereinzelten Flaschenwürfen auf eingesetzte Polizisten berichtet. Derzeit sind in Abhängigkeit von der Tageszeit bis zu 50 Beamte vor Ort, die den Zaun um das weitläufige Gelände im Blick behalten und nachts auch ausleuchten. Zudem bereitet sich die Suhler Feuerwehr auf mögliche Einsätze wegen Feueralarmen in der Einrichtung vor. Auch beschäftigen die Polizei Anrufe besorgter Suhler, die vermeintliche Insassen der EAE in der Stadt gesehen haben wollen. Kontrollen hätten jedoch ergeben, dass es sich nicht um Bewohner handelte.

Angespannte Lage

In der Einrichtung selbst ist die Lage angespannt. Unter anderem soll es wegen der "Ausgangssperre" bereits einen Aufruf zum Hungerstreik gegeben haben, mehrere Bewohner wurden am Gang zum Speisesaal gehindert. "Zur Zeit ist die Lage ruhig, aber wir stellen uns darauf ein, dass das nicht so bleiben wird", sagte Nicolai. Denn das Gesundheitsamt geht derzeit von einer Quarantäne für mindestens zwei Wochen aus. Das Land unterstütze die Suhler Polizei mit überregionalen Kräften. Auch Schüler der vorerst geschlossenen Meininger Polizeischule sollen eingesetzt werden.

Wie ein recht gut Deutsch sprechender Bewohner der EAE unserer Zeitung durch den Zaun sagte, fühle man sich alleingelassen. Der Infizierte sei seiner Kenntnis nach vermutlich ein Afghane, der über Schweden und Hamburg in Deutschland eingereist sein soll und erst am Freitagmorgen in der EAE ankam. Die Angst, vor allem bei Familien mit Kindern, sei groß. "Wir wollen Schutzmasken, bekommen aber keine. Und wir wollen eine ärztliche Untersuchung mit einem Test, um Klarheit zu bekommen, damit die gesunden Leute wieder normal rausgehen können", sagt er. Aber die medizinische Versorgung sei dürftig. Die Anspannung sei sehr groß. "Wir versuchen ruhig zu bleiben, aber ob das alle so sehen, wenn wir hier noch länger eingesperrt sind...?"

Oberbürgermeister André Knapp und der Sprecher des SRH-Zentralklinikums Suhl. Christian Jacob, betonen, dass der Infizierte nicht ins Krankenhaus gebracht wurde - wie viele Bewohner der EAE wegen des Rettungswagens vor der Tür irrtümlich annehmen. "Aufgrund der nicht allzu starken Symptome war keine stationäre Einweisung nötig", sagt Marion Peterka.

Quarantänestation

Der Betroffene sei in ein anderes Gebäude auf dem Gelände gebracht worden, in dem eine abgeschirmte Quarantänestation für maximal bis zu 600 Personen eingerichtet wurde. Dort sei er von einem Dolmetscher zu seinen Kontakten befragt worden, so Peterka. Im Ergebnis dessen seien neben dem Betroffenen und zwei Kontaktpersonen dort zwei weitere Personen untergebracht worden. Bei diesen beiden traten am Samstagabend Grippe-Symptome auf. Wie Knapp sagte, wurden sie für Testabstriche ins SRH-Zentralklinikum Suhl gebracht. Die Auswertung der Tests liege noch nicht vor. Die Betreffenden kamen wieder in die Quarantänestation der EAE. Laut Knapp habe die Stadt gegenüber dem Land deutlich gemacht, dass solche Abstriche zum Schutz vor einer Ausbreitung des Virus künftig innerhalb der EAE zu erfolgen haben. "Es war alles gut organisiert, es gab keine Ansteckungsgefahr außerhalb der Einrichtung - aber es muss ein Ausnahmefall bleiben", betont Knapp. Marion Peterka spricht von einer "prekären Situation" in der EAE, denn auch das Personal - vom Wachschutz über das medizinische Personal bis hin zum Küchenpersonal - sei zunächst unter Quarantäne gestellt worden. Am Sonntag konnten einige Mitarbeiter unter Beachtung aller Vorsichtsmaßnahmen wieder in der Einrichtung tätig werden. Das Personal - zumindest das nichtmedizinische - kann sich derzeit überwiegend nur mit einfachen Masken schützen. Mehrere Ehrenamtliche mit Sprachkenntnissen haben Hilfe angeboten und wollen in der EAE die Bewohner über die besondere Situation aufklären, sagte Migrationsminister Dirk Adams. Er kam am frühen Samstagmorgen nach Suhl, um gemeinsam mit dem Krisenstab der Stadtverwaltung die Lage zu erörtern. Adams würdigte das Engagement der freiwilligen Helfer ebenso wie die Arbeit der Stadt und der Polizei. Er hoffe, dass es gelinge, in der EAE zu solchen Verhältnissen zu kommen, damit dort ein geregelter Ablauf gewahrt bleibt.

Thüringer Aufnahmestopp

Weil die Bewohner derzeit nicht selbst einkaufen können, brachte am Samstagnachmittag Silvio Volkmann, Mitarbeiter des Amtes für Brand- und Katastrophenschutz, mit einem Lkw des Suhler Katastrophenschutzes Genussmittel wie Tabakwaren, Schokolade und Süßigkeiten für die Kinder, die unter den Bewohnern verteilt wurden. Man bemühe sich zudem um weitere Schutzmasken, um den Bewohnern wenigstens Mindestschutz bieten zu können, sagte Landesverwaltungsamts (LVA)-Präsident Frank Roßner. Er bescheinigt der Stadt Suhl eine "professionelle Herangehensweise". Laut Adams hat sich Thüringen bis auf Weiteres von der Flüchtlingsverteilung des Bundes abgemeldet, denn in der EAE bestehe - wie bereits wegen Windpocken-Fällen bis Anfang März - wieder ein Aufnahme- und Transferstopp. Im Stab des LVA wird zudem die Frage diskutiert, ob die Situation in der EAE durch eine Verlegung von Bewohnern in andere Einrichtungen des Landes entzerrt werden kann. Das war am Sonntag aber noch unklar.

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Georg Vater

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Veröffentlicht am:
15. 03. 2020
21:52 Uhr

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