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Sonneberg/Neuhaus

Ein Erbe, das kein Glück bringt

Eigentlich hatte es für die mittellose Monika Börner und ihre behinderte Tochter ein Neuanfang werden sollen. Doch ein Wasserschaden im geerbten Haus hat das zunichte gemacht.



Monika Börner (r.) und ihre Tochter Jeanette blicken aus dem Fenster ihres Hauses in der Sonneberger Straße. Fotos: camera900.de
Monika Börner (r.) und ihre Tochter Jeanette blicken aus dem Fenster ihres Hauses in der Sonneberger Straße. Fotos: camera900.de   » zu den Bildern

Steinach - Die Ursache ist denkbar klein: Ein Ventil, das lose unter der Spüle baumelt. In den Tagen vorm ersten Februarwochenende gab es nach, sprang ab - und setzte schließlich das Haus in der Sonneberger Straße komplett unter Wasser. Von der Küche im Obergeschoss suchte sich das Nass über Flure und Decken den Weg ins mittlere Stockwerk. Unten, im Eingangsbereich, sammelte es sich, Liter um Liter, möglicherweise bis zu 70 Kubikmeter.

Als Monika Börner (59) und ihre Tochter Jeanette (35) in den Mittagsstunden des Samstags, 4. Februar, mit dem Zug in der Brunnenstadt eintrafen, ahnten sie noch nichts von der Katastrophe. Umso geschockter waren die beiden Frauen als sie beim Öffnen der Tür das Dilemma sahen. Die Feuerwehr wurde alarmiert, die Leitung abgedreht, das Wasser, soweit es irgend ging, abgepumpt. Doch daran, dass das Haus bis heute unbewohnbar ist, hat sich nichts geändert. Bis heute.

Freies Wort hatte im Rahmen der Berichterstattung zu einer Spendenaktion zugunsten der Börners aufgerufen. Viele Menschen zeigten Mitgefühl, überwiesen größere und kleinere Beträge, die schließlich vom Verein "Freies Wort hilft", dem Hilfswerk dieser Zeitung, auf die Summe von 1000 Euro aufgerundet wurde.

Dass sich mit diesem Tropfen ein abgesoffenes Haus nicht sanieren lässt, muss man nicht groß erklären. Dennoch mangelt es bei Monika Börner nicht an Kosten, die sich damit vielleicht begleichen lassen. Ob sie die Mittel für eine Absetzmulde einsetzt, um all das durchweichte Inventar zu entsorgen? Es bleibt eine Option, für die sie den Spendern dankbar ist.

Verquollener Fußboden

Eigentlich, so sagt die Hartz IV-Empfängerin, hätte das Haus für sie und ihre Tochter die Chance auf einen Neubeginn sein sollen. Zurzeit leben beide noch in Gera. Wie berichtet, war der Bruder im vergangenen Herbst plötzlich verstorben, zusammengebrochen am Arbeitsplatz und dann im Krankenhaus nicht mehr zu retten. Als einzig Hinterbliebene trat sie das Erbe an, wollte wieder einziehen ins Haus der Eltern.

Glück gebracht hat ihr die Hinterlassenschaft bislang nicht. Mit den Behörden in Gera war sie im Herbst und Winter am Verhandeln, was die Erlaubnis zum Umzug betrifft. Das zog sich in die Länge. Immer wieder an den Wochenenden fuhr sie zwischendurch nach Steinach, um nach dem Rechten zu sehen. Auch an jenem Samstag, als sie dann plötzlich inmitten der nassen Trümmerburg stand. Wie es nun weitergehen soll für sie und ihre Tochter, bleibt eine offene Frage. Den Umzug hat sie abgesagt, die Kündigung der Wohnung in Gera zurückgezogen. Und weiterhin fährt sie jedes Wochenende nach Steinach in das Haus in der Sonneberger Straße. Dann schürt sie den Holzofen in der Küche im Obergeschoss an, reißt die Fenster aus, hofft, dass die Feuchtigkeit sich so austreiben lässt.

Gebracht hat es wenig. "Aber was soll ich den anderes machen? Ich bin ja völlig auf mich allein gestellt. Ich habe ja niemanden, der mit anpackt, der helfen kann." Einige Verwandte in Steinach, so sagt sie, stehen ihr zwar zur Seite, sind aber selbst schon in die Jahre gekommen... .

Dass sie Geld von der Versicherung erwarten könnte, zeichnet sich nicht ab. Dankbar ist sie dem Bürgermeister, der damals im Februar durchaus gleich mehrere Ansprechpartner der Assekuranz abtelefoniert habe - ergebnislos. Am Schluss hieß es ihr gegenüber, bei Sturm, Blitz und Hagel wäre man eingetreten. Doch ein Wasserschaden sei nicht gedeckt. Einen Anwalt hat sie mittlerweile um Rat gebeten. "Der hat mir zumindest versprochen, sich die Unterlagen mal genauer anzuschauen." Dass sich daraus ein juristischer Anspruch erwächst, bleibt die Hoffnung.

Größer ist die Verzweiflung - auch angesichts der sich ausbreitenden Schäden, weil die fachlich versierte Trockenlegung des Gebäudes ausbleibt. Der modrig-muffige Geruch empfängt den Besucher schon an der Haustür. Grüne Punkte machen sich überall im Treppenhaus breit. Dicht wuchert der Schimmel schließlich in der Küche im mittleren Stockwerk, dort wo die vollgesogenen Rigips-Platten von der Decke gefallen sind. Man läuft über unebene, verquollene Fußböden. Zuletzt, so hat Börner beobachtet, haben sich Fenster und Türen verzogen.

Die Fenster aufzureißen und gleichzeitig zu schüren, es bleiben ihre einzigen Mittel im Abwehrkampf gegen den Verfall, ausgefochten an den Wochenenden.

Ob sie das Haus überhaupt behalten will? Ob es nicht eher Sinn macht, ein Verkaufsschild nebst Handynummer an die Tür zu kleben? "Natürlich will ich das Haus behalten", gibt Monika Börner zurück. Doch ganz so fest kommt der Satz nicht daher. Die mittellose Frau ist mürbe geworden: "In dem Zustand kann ich es ja auch nicht verkaufen, da bekomme ich doch nichts dafür." Wenn es nur eine Firma gebe, die sie unterstützt, dann so meint sie, würde ja alles wieder gut werden. "So schlimm ist es ja nicht."

Sie setzt also auf ein warmes Frühjahr, auf dass die Sonne ihren Teil beiträgt die Räume zu entfeuchten. Bis dahin übernachtet sie am Wochenende im Obergeschoss. Zwei Zimmer haben dort mittlerweile wieder Strom, das Wasser aber ist nach wie vor abgestellt. Für die Toilette holt sich Monika Börner das Notwendige am Knoblauch-Brunnen. "Zum Aufwaschen reicht das auch aus, nur eben nicht zum Trinken."

Fünf Eimer schleppt sie am Tag.

Eine Chance im Leben

Dass sie das Schicksal so hart auf Mann gezogen hat, allein damit mag sie sich nicht abfinden. Sie hat Anzeige bei der Polizei gestellt weil sie glaubt, jemand sei in das Haus eingedrungen und habe bewusst den Schaden verursacht. Dass schlicht ein Ventil nachgegeben hat, mag Monika Börner nicht glauben. Eine Rückmeldung von der Polizei habe sie aber bislang noch nicht erhalten.

Doch selbst wenn es einen solchen Schuldigen geben sollte, er müsste erst einmal ermittelt und verurteilt werden, um dann im nächsten Schritt fürs Angerichtete zu haften.

Ansprüche gibt es nur gegen sie: Bei der Grundsteuer muss sie am Ball bleiben, den Stromanschluss bezahlen. Zuletzt bekam sie eine Rechnung vom Anwalt des Notarztes, der ihren Bruder versorgt hatte. Weil sie die 99,56 Euro nicht sofort beglich wurden daraus mit Mahnkosten und Verzugszinsen 239,97 Euro. Hinnehmen mag Monika Börner die Forderung nicht. Sie hat sich vom Bestatter bestätigen lassen, "dass der das gar nicht fordern dürfte".

So kämpft die spindeldürre Frau mit den weißen Haaren weiter an verschiedensten Fronten, um ihre Chancen im Leben, um ein Haus, das ihr und ihrer Tochter gehört - und das doch unbewohnbar ist.

Autor

Andreas Beer
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
31. 03. 2017
12:54 Uhr

Aktualisiert am:
31. 03. 2017
13:08 Uhr

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Autor

Andreas Beer

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
31. 03. 2017
12:54 Uhr

Aktualisiert am:
31. 03. 2017
13:08 Uhr



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