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Schmalkalden

Beratungsstelle am Stiller Tor widmete sich Internetsucht

Kein Tag ohne Internet, WhatsApp und Facebook: Die Suchtberatungsstelle am Stiller Tor widmete ihre Jubiläumsfeier dem Thema Internetsucht. Auch Bürgermeister Kaminski, der mit Geldgeschenk gratulierte, fragte: Was ist normal, was ist krankhaft?



Klaus Wölfling.
Klaus Wölfling.  

Schmalkalden - Robert ist 16 Jahre alt und macht seinem Vater Sorgen. Denn er hat die Schule abgebrochen und sitzt nur noch computerspielend in seinem Zimmer. Den Raum verlässt er höchstens für wichtige Arzttermine. Und er wiegt 150 Kilogramm.

Kein Einzelfall ist dieses erfundene Beispiel für Klaus Wölfling, Psychologischer Leiter am Fachbereich Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. Ihn hatte die Psychosoziale Beratungsstelle (PSBS) der Christlichen Wohnstätten Schmalkalden zur nachgeholten Jubiläumsfeier als Referent eingeladen. Gefeiert wurde "zwanzig plus eins", sagte Stefanie Jäckel, frühere Leiterin der PSBS. Zur Begrüßung der etwa vierzig Gäste wies ihre Nachfolgerin Nadja Luck darauf hin: "Als die Beratungsstelle vor zwanzig Jahren anfing, hat noch keiner gegoogelt, wikipediert oder das Outlook-Postfach abgefragt."

Doch schon wenige Jahre später breitete sich, laut Wölfling, zuerst im asiatischen Raum das Phänomen "Hikikomori" aus. Gemeint seien damit Menschen, die sich freiwillig aus der Gesellschaft zurückziehen und jede Minute vor dem Computer verbringen. "Wenn der Sozialpsychiatrische Dienst ins Zimmer eines Betroffenen kommt, kann man sich das wirklich so vorstellen: Die Jalousien sind unten, Pizzaschachteln liegen herum." Bis zu zwölf Stunden am Tag säßen Betroffene vor dem PC, mitunter 72 Stunden am Stück. "Und zwar nicht beruflich, oder zum Wissenserwerb, sondern meist zum Spielen", sagte der Psychologe.

Neben den Online-Computerspielen gehören Online-Glücksspiele, -Einkäufe, Online-Sex und die Nutzung sozialer Netzwerke zu den fünf Kategorien, in die die Internetsucht unterteilt werden kann. Wirklich abhängig sei von den rund 500 - meist männlichen - Patienten, die jährlich in der Klinik für Psychosomatische Medizin behandelt würden, nur etwa ein Prozent. Doch einen "problematischen Umgang" mit dem Internet pflegten viele.

In der Beratungsstelle in Schmalkalden landen Betroffene nur vereinzelt, sagte Mitarbeiterin Sabine von Nordheim. Angesprochen würde sie zwar von besorgten Angehörigen. "Die meisten Betroffenen kommen aber noch nicht bei uns an", sagte ihre Kollegin Doreen Menge. Die Dunkelziffer sei hoch, vermuten beide. "Die Eltern tolerieren es eben auch lange", so Menge. "Sie denken: Es ist ja nicht schlimm, er sitzt ja nur im Zimmer und spielt, nimmt keine Drogen." Den Prozess in die Abhängigkeit beschreibt Wölfling als "schleichend, wie bei anderen Süchten auch".

Erkennbar sei die Sucht etwa daran, dass sie einen auch während anderer Aktivitäten gedanklich beschäftige und dass sich der Toleranzbereich vergrößere - "ich muss länger spielen, mehr Geld einsetzen, um wieder den Kick zu bekommen", beschrieb Wölfling. Oft gehe bei Betroffenen das Interesse an früheren Hobbys verloren, Abstinenzversuche blieben erfolglos. Wenn mehr als fünf Merkmale zutreffen, sprechen die Fachleute von "wirklicher Abhängigkeit". Die Folge sind Konzentrationsschwierigkeiten bis hin zum Realitätsverlust, soziale Isolation, die zu Arbeitslosigkeit und Verarmung führen kann. Dann helfe nur noch ein Klinikaufenthalt, bei dem die Patienten die ersten Wochen gar nicht mehr ins Internet dürften. In der Schmalkalder PSBS habe sich die Internetsucht öfter auch als "Zweitdiagnose" herausgestellt, schilderte Doreen Menge. "Man fragt die Klienten: 'Wie sieht es mit Glücksspiel aus und PC?' und merkt auf einmal: Ach ja, da ist auch noch was." mi

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Veröffentlicht am:
09. 07. 2015
00:00 Uhr

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Veröffentlicht am:
09. 07. 2015
00:00 Uhr



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