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Leitartikel

Verlorene Heimat

Vor 75 Jahren begann die Vetreibung der Deutschen aus den Ostgebieten. Erst ihr Verzicht auf die alte Heimat, hat vor 30 Jahren den Weg zur Deutschen Einheit frei gemacht, kommentiert Olaf Amm. Zur Einheitsfeier in diesem Jahr wurden sie vergessen. Wir sind den Vertriebenen zu Dank verpflichtet.



In diesem Jahr wurden in der Bundesrepublik 30 Jahre Deutsche Einheit gefeiert. Bundespräsident, Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten der Länder trafen sich dazu in Potsdam. Fernsehen und Rundfunk sendeten live. Ein anderer Jahrestag steht damit in direktem Zusammenhang, an den aber niemand an der politischen Spitze der Republik erinnert: Vor 75 Jahren, am 20. November 1945, hat der Alliierte Kontrollrat die Vertreibung der Deutschen aus Osteuropa gebilligt. Die Operation sollte im Dezember begonnen und im Juli 1946 abgeschlossen werden.

Das Statistische Bundesamt ermittelte später eine Gesamtzahl von etwa zwölf Millionen Vertriebenen, die in beiden deutschen Staaten lebten. In Thüringen und Bayern stellten sie jeden fünften Einwohner. In Mecklenburg-Vorpommern war es fast jeder Zweite (45 Prozent). Sie mussten am meisten für einen verlorenen Krieg büßen, der vom deutschen Volk mit seinen knapp 79 Millionen Angehörigen ausging. Besondere Anerkennung haben sie dafür nicht erhalten. Im Gegenteil: Bei der Ankunft schlug ihnen häufig Verachtung entgegen oder sie wurden als "Polacken" beschimpft. Für die furchtbaren Erlebnisse wie Misshandlungen und Vergewaltigungen auf der Flucht interessierte sich niemand. Die Probleme der Integration waren kein Thema in beiden deutschen Staaten.

Wirtschaftlich fassten die Vertriebenen seit den 1950er-Jahren wieder Fuß. In der DDR, wo ein Viertel von ihnen dauerhaft blieb, half die Bodenreform, im Westen das Lastenausgleichsgesetz. Entscheidend war nach Ansicht von Historikern aber der allgemeine Wirtschaftsaufschwung durch den Wiederaufbau des Landes, egal ob westlich oder östlich der Elbe.

Materiell haben die Vertriebenen mit Fleiß den Anschluss gefunden. Was sich nicht reparieren lässt, ist der Verlust in der Seele. Seit dem Mittelalter war der Osten Europas auch Heimat vieler Deutscher. Sie siedelten im Baltikum, in Ostpreußen, Schlesien, dem Sudetenland und am Unterlauf der Donau und Wolga. Ganze Landstriche und bedeutende Städte wie Danzig sind von deutschen Siedlern wirtschaftlich an die Spitze geführt worden. Seit Jahrhunderten gehörten große Teile des später verlorenen Landes zu Deutschland. Über ungezählte Generationen ist ein Geflecht von Erinnerungen, Bräuchen und Überlieferungen, eben eine besondere Spielart deutscher Kultur entstanden, die sich auch in eigenen Dialekten wiederfand.

Die Vertriebenenverbände, erst im Westen und nach 1990 im Osten, haben versucht, ein Stück dieser zerstörten Welt zu bewahren. Viele andere Deutsche, die nie ihre Heimat aufgeben mussten, stellten sie dafür auf eine Stufe mit Rechtsradikalen. Die Forderung nach einer Rückgewinnung der deutschen Ostgebiete verblasste aber über die Jahre und wurde schließlich ganz offiziell von den Verbänden aufgegeben - Kinder und Enkel hatten eine neue Heimat und nicht mehr die alte ihrer Ahnen. Politisch war das Thema schon lange erledigt. Am 12. September 1990 wurde der Zwei-plus-vier-Vertrag unterschieben, in dem Deutschland auf Gebietsansprüche verzichtet. Erst dieses Abkommen machte den Weg zur deutschen Einheit frei.

Zur Einheitsfeier sind die Vertriebenen vergessen worden. Sie haben für immer auf ihre alte Heimat verzichtet und auch auf jede Hoffnung, die sich damit verbindet. Ihre Kultur und Sprache werden mit den letzten im Osten Geborenen aussterben: Ein trauriger Ausblick in ihren letzten Lebensjahren. Wir sind den Vertriebenen zu Dank verpflichtet. redaktion@freies-wort.de

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Olaf Amm
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Veröffentlicht am:
19. 11. 2020
17:22 Uhr

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Olaf Amm

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19. 11. 2020
17:22 Uhr



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