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Leitartikel

Schöne zweite Klasse

Die deutsche Einheit wird 29 und hierzulande meint eine Mehrheit, dass Ost und West noch lange nicht zusammengewachsen seien. Stimmt das oder ist das nur ein Gefühl? Unser Autor meint, es gibt keinen Grund, dass sich der Ostdeutsche zurückgesetzt fühlen müsste..



Ach, es ist schon wieder Jahrestag: Die deutsche Einheit wird 29 und eine Flut von Studien und Berichten bescheinigt den armen Ex-DDR-Bewohnern, Bürger zweiter Klasse zu sein oder sich wenigstens so zu fühlen. Meistens geht es um die nebulöse Beleidigung, dass Westdeutsche die Lebensleistung der Ostdeutschen nicht anerkennen würden. Dass es diese Anerkennung umgekehrt auch nicht gibt, interessiert nicht. Warum auch?

 

Schauen wir uns aber einmal genauer in der zweiten Klasse der deutschen Staatsbahn um. Vor ein paar Tagen hat das Thüringer Statistikamt mitgeteilt, dass hier mittlerweile fast jeder Zweite ein eigenes Haus oder eine Wohnung besitzt. Das ist der Spitzenwert auf dem Gebiet der ehemaligen DDR und entspricht dem Niveau im Westen. Vierköpfige Familien leben gar zu 78 Prozent in den eigenen Wänden - so groß kann die Armut dann doch nicht sein. Vor 20 Jahren konnte sich erst jeder dritte Thüringer eine Immobilie leisten.

 

Aus der ersten Klasse des goldenen Westens erreichen uns gleichzeitig die Nachrichten, dass in Ballungszentren nicht einmal mehr Gutverdiener Wohneigentum erwerben können. Die Preise sind dank Nullzinspolitik, Zuwanderung und zu wenig Neubau durch die Decke gegangen.

Apropos Neubau: In Thüringen wurden in der ersten Jahreshälfte 3200 Bauanträge für Wohnungen genehmigt. 94 Prozent der Bauherren planen ein Einzelhaus. Der Thüringer erfüllt sich seinen Traum vom Glück eher als der Metropolbewohner, weil er ihn finanziell stemmen kann. Mehr als die Hälfte aller Arbeiter und Angestellten sind schon Hausbesitzer.

 

Die Älteren, die die Staatspleite des Sozialismus und den mühsamen Neuanfang erlebt haben, reiben sich erstaunt die Augen: Die ostdeutsche Jugend macht sich um ihre wirtschaftliche Zukunft keine Sorgen mehr. Im Westen berichten 79 Prozent, dass sie nach Ausbildung oder Studium ohne Schwierigkeiten einen Job bekommen haben, meldet das Institut für Demoskopie Allensbach. Im Osten ist der Anteil mit 85 Prozent noch größer, und Südthüringen dürfte mit seiner boomenden Industrie auch noch deutlich über diesem Spitzenwert liegen.

 

"Aber die Löhne und die Renten ...", klagen die politischen Trittbrettfahrer. Ja, die Verdienste sind niedriger, weil die kein staatliches Füllhorn ausschüttet, sondern weil sie in zumeist kleineren Firmen erst hart erarbeitet werden müssen. Die meisten dieser Firmen hat es am ersten Tag der Deutschen Einheit noch nicht einmal gegeben.

 

Da meldet das Institut der Deutschen Wirtschaft, dass die Kaufkraft des mittleren Einkommens in beiden Teilen der Republik gar nicht so weit auseinander liegt: nur um 104 Euro pro Monat. Es kommt drauf an, was man sich für bare Münze leisten kann. Besucher der großartigen Großstädte mit den tollen Freizeitangeboten sehen das schon an der Restaurantrechnung. Von horrenden Mieten haben sie zumindest gehört.

 

Nun ist das Leben in der ersten Klasse sicherlich schön, man muss es sich aber auch leisten können - jeder Fünfte in München, Hamburg oder Stuttgart und jeder Vierte in Köln, Wiesbaden und Frankfurt kann das nicht. Auch in Südthüringen hat nicht jeder einen Fensterplatz. Gemessen an der Kaufkraft ist es hier aber "nur" jeder Zehnte, der als arm gilt. Das sind sogar etwas weniger als in der Region Coburg.

Autor

Olaf Amm
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Veröffentlicht am:
03. 10. 2019
00:00 Uhr

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Olaf Amm

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Veröffentlicht am:
03. 10. 2019
00:00 Uhr



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