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Notfallpatient

Das Drama Notaufnahme: Die Erwartungshaltung der deutschen Patienten ist hoch. Sie wollen medizinische Hilfe, in jedem Fall, rund um die Uhr. Andererseits wählen Patienten den Weg in die Notaufnahme aber auch, weil sie sich schlicht nicht mehr anders zu helfen wissen angesichts des Ärztemangels, gerade auf dem Land, kommentiert Jolf Schneider.



Die Gemengelage ist komplex, die Zahl der Akteure groß und unübersichtlich. Und es geht um viel Geld. Das ist wohl auch der Grund, warum die Zahl der Akteure so groß ist. Wo viel zu verteilen ist, da finden sich immer viele, die möglichst viel abhaben wollen. Und im deutschen Gesundheitssystem geht es um viel Geld. Da ist auf der einen Seite der Kassenpatient, der mit seinen Beiträgen gemeinsam mit den Arbeitgebern den Gesundheitsfonds speist. Da sind auf der anderen Seite Krankenkassen, Kassenärzte, Kliniken und Pharmahersteller, die samt ihrer dazugehörenden Lobbyverbände daran arbeiten, maximal aus diesem Milliardentopf zu partizipieren.

Sie finden, das ist eine zu vereinfachte Sicht auf das deutsche Gesundheitssystem? Natürlich geht es dabei auch darum, kranke Menschen wieder gesund zu machen, Leidenden zu helfen, wissenschaftlichen Fortschritt voranzutreiben, Krankheiten zu besiegen oder dafür zu sorgen, dass Menschen gar nicht erst krank werden. Angesichts der Debatten im Gesundheitssystem gerät der Blick auf die Gesundheit jedoch meistens in den Hintergrund. Da geht es vor allem ums Geld. Wie in der aktuellen Debatte um die Notfallversorgung.

Es ist ein Leidensbild, das Deutschland bei diesem Thema abgibt. Zum Platzen gefüllte Notaufnahme, genervte Ärzte, Schwestern und Patienten. Die Stimmung ist so gereizt, dass einige Kliniken schon Sicherheitspersonal engagieren. Und immer wieder taucht der Vorwurf auf, dass viele der Patienten, die die Notaufnahmen füllen, dort eigentlich nichts zu suchen haben. Weil sie keine Notfälle sind. Weil sie nicht mit dem Kopf unterm Arm dort erscheinen, sondern - wieder stark zugespitzt - mit einem Fußpilz oder einer Magenverstimmung. Mit Leiden also, die sie entweder allein in den Griff bekommen könnten, oder mit deren Behandlung sie auch warten könnten, bis ihr Hausarzt seine Praxis wieder öffnet.

 

Doch die Erwartungshaltung der deutschen Patienten ist hoch. Sie wollen medizinische Hilfe, in jedem Fall, rund um die Uhr. Und das alles zum Nulltarif. Schließlich haben sie Kassenbeiträge bezahlt. Diese Erwartungshaltung wurde von der Politik über Jahre befeuert. Andererseits wählen Patienten den Weg in die Notaufnahme aber auch, weil sie sich schlicht nicht mehr anders zu helfen wissen. Es ist ja nicht so, dass die niedergelassenen Ärzte zu ihren regulären Öffnungszeiten in ihren Praxen säßen und Däumchen drehen müssten, weil keine Patienten kommen. Praxen sind überfüllt. Wegen des Ärztemangels. Vor allem auf dem Land. Wer auf die Idee kommt, mit einem plötzlich auftretenden Problem zum Arzt gehen zu wollen, der muss sich auf lange Wartezeiten einstellen. Ein halber Tag kann da schon einmal draufgehen. Arbeitende Menschen überlegen sich das zweimal. Und wer einen Termin für eine Routineuntersuchung haben möchte? Der erlebt, dass er in manchen Fällen auf den Sankt-Nimmerleins-Tag vertröstet wird. Da erscheint der Weg in die Notaufnahme der einfachste Rettungsanker.

 

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn muss also dringend handeln. In Ansätzen tut er das auch. Allerdings soll das Anfang des Monats übergebene Expertengutachten zum Thema Notfallversorgung bis November erst einmal durch alle Instanzen gereicht werden, bevor daraus dann Handlungen abgeleitet werden. Vor kommendem Jahr wird also wenig passieren. In der Notfallmedizin ist ein Jahr eine Ewigkeit. Bis dahin kann der Patient tot sein.

Autor
Jolf Schneider

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Veröffentlicht am:
20. 07. 2018
20:06 Uhr

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20. 07. 2018
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