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Leitartikel

Indianer im Osten

Einig werden sich die Deutschen selten und trotzdem gehören sie zusammen, kommentiert Olaf Amm den Tag der Deutschen Einheit. Ihre gemeinsame Geschichte ist größer und älter als die der letzten deutschen Teilung.



Kinder, wie die Zeit vergeht! Schon wieder ein runder Jahrestag der deutschen Einheit. Und auch 30 Jahre nach dem freudigen Ereignis werden Politiker und Institute nicht müde, Ungleichheiten, Ungerechtigkeiten und Undankbarkeiten zwischen Ost und West aufzurechnen. Um das große Glück wird herumgedruckst. Es lässt sich nicht in Zahlenkolonnen pressen. Aber doch ist es da - wenn nicht bei allen Alten, so doch zweifellos bei den Jungen. Allein für die hätte sich der Schritt doch gelohnt.

Besorgt wird berichtet, dass sich jeder Fünfte in den neuen Bundesländern zuerst als Ost-Deutscher und erst in zweiter Linie als Deutscher sieht. Kein Grund zur Sorge. Schon die erste republikanische Verfassung beschwört 1919 im ersten Satz "das deutsche Volk, einig in seinen Stämmen" - so möge sich ein Teil der Ostdeutschen eben als eigener Stamm wie die Indianer begreifen. Das Land in seiner Vielfalt hält das aus.

In den bekrönten Zeiten vor der Republik musste die Post eine kleine Briefmarke als Dauerserie herausbringen, auf der mahnend die Schiller-Worte "Seid einig, einig, einig!" stehen. Im Bild reichen sich zwei Herren mit Zottelbärten und in Sandalen die Hand: Der Norden und der partikularistische Süden, vor der Kulisse der bayerischen Zugspitze und des Kap Arkona auf der Insel Rügen. 24 Jahre wurde die Marke immer wieder neu aufgelegt und bis weit in die erste Republik fortgeführt.

Das Beispiel aus Urgroßvaters Briefmarkenalbum illustriert: Mit der Einheit zwischen Nord und Süd, Ost und West, Meer und Gebirge werden wir Deutschen wahrscheinlich niemals fertig. Es sollte uns nicht bekümmern, weil die eigenwillige Vielfalt zu unserer Kultur und damit zu unserem Land gehört. Lange bevor es Deutschland als Staat gab, schrieben die Historiker schon im Plural von den deutschen Völkern und den deutschen Stämmen (die Thüringer waren einer der sechs vermeintlichen Alt-Stämme, die Franken auch). Erst lange nach der Nazizeit verschwand aus der Wissenschaft der Begriff, der unweigerlich an Winnetous Welt erinnert.

Die Wahrheit ist ja, dass wir uns spätestens seit der Schlacht im Teutoburger Wald (die Herren mit Flügelhelmen und Schwertern auf der Briefmarke waren dabei) immer wieder neu vereinigen - und verkrachen. Von der Völkermühle Europas schreibt der Dichter Carl Zuckmayer und lässt vom römischen Feldhauptmann über den jüdischen Gewürzhändler bis zum desertierten Kosaken und böhmischen Musikanten alle in unserem Volk aufgehen.

Irgendwann, als die Staatsoberhäupter noch gepuderte Perücken trugen, sind auch die de Maizières in diese Mühle geraten. Sie mussten wegen ihres protestantischen Glaubens Frankreich verlassen. 1990 wurde einer von ihnen der erste (und letzte) frei gewählte Ministerpräsident der DDR. Lothar de Maizière hat dann den Zwei-plus-Vier-Vertrag unterschrieben, der Deutschland seine Souveränität wiedergab und den Weg zur Einheit ermöglichte. Sein Cousin Thomas de Maizière machte später als Bundesinnenminister von sich reden.

Der eine ist aus dem Osten, der andere aus dem Westen. Und doch teilen sie eine gemeinsame Geschichte, die größer ist als die letzte deutsche Teilung. Die de Maizières sind nur ein Beispiel für die Schimanskis, Jahodas, Liebermanns, McAllisters, Özdemirs, di Lorenzos, die Müllers und Eichhorns. Einig werden sie sich selten und trotzdem gehören sie zusammen.

Autor

Olaf Amm
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Veröffentlicht am:
01. 10. 2020
18:22 Uhr

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Olaf Amm

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Veröffentlicht am:
01. 10. 2020
18:22 Uhr



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