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Ilmenau

Mit den Händen erzählen

Zum vierten Mal findet das Thüringer Kinder-Gebärdensprach-Festival des Biling e.V. statt. Dafür kommt der Nachwuchs aus ganz Deutschland.



... bekommt dafür viel Applaus mit erhobenen Händen. Fotos: Richter
... bekommt dafür viel Applaus mit erhobenen Händen. Fotos: Richter   » zu den Bildern

Dörnfeld - Anna steht auf der Bühne und erzählt eine Geschichte. Es geht um einen kleinen Zwerg. Aufmerksam verfolgt das Publikum, was die siebenjährige Arnstädterin zu berichten hat. Die Augen hängen nicht an ihren Lippen sondern an ihren Händen. Denn Anna erzählt in Gebärdensprache, wie sie können viele im Saal nicht hören. Das Publikum dankt ihr mit winkenden Händen, das Zeichen für Applaus.

Zum vierten Mal hatte der Verein für Bilinguale Bildung in Gebärdensprache und Lautsprache, kurz Biling e.V., Zum Kinder-GebärdensprachFestival eingeladen, zum dritten Mal ins Freizeitheim Dörnfeld. "Wir hatten 200 Besucher darunter etwa hundert Kinder", erzählt Vereinsvorsitzender Manuel Löffelholz. Von Aachen bis Dresden, von Osnabrück bis Nördlingen in Bayern kamen die Teilnehmer. 13 Bundesländern waren vertreten, nur Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und das Saarland fehlten.

In drei Altersgruppen traten rund 30 Kinder auf, erzählten lustige Witze, kleine Geschichten, Selbstausgedachtes. Manchmal bekam Bekanntes auch eine unerwartete Wendung. So wie die Geschichte von den "Drei kleinen Schweinchen", die der siebenjährige Milian aus Aachen vorträgt. Sein böser Wolf ist gehörlos.

"Es ist schön zu sehen, wie selbstbewusst die Kinder auftreten, ihre Sprache einfordern", findet Manuel Löffelholz. Das, so weiß er, war nicht immer so. Lange wurden Nichthörende ausgegrenzt, bekamen in Spezialschulen nur wenig Bildung und vor allem nicht ihre eigene Sprache vermittelt. "Sie sollten Lippenlesen lernen", erklärt Löffelholz. "Die Kinder haben aber ein Recht darauf, in ihrer Muttersprache unterrichtet zu werden und das ist die Deutsche Gebärdensprache." Dafür setzt sich der Verein seit seiner Gründung ein.

Denn auch zehn Jahre nach Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention stehen hörbehinderten Kindern immer noch keine verlässlichen Strukturen für eine gleichberechtigte Bildung in Deutscher Gebärdensprache (DGS) zur Verfügung. In Thüringen wird einzig an einer Schule in Erfurt bilingual, also in Laut- und Gebärdensprache unterrichtet. Fällt eine der zwei Lehrerinnen aus, gibt es Probleme.

"In der Gehörlosenpädagogik wird noch immer kein Wert auf Gebärdensprache gelegt", erklärt der Biling-Vorsitzende. Und auch Dolmetscher, die zwischen Laut- und Gebärdensprache vermitteln, gibt es viel zu wenige. "In Thüringen etwa 20 bis 22. Davon sind einige an den Schulen gebunden. So dass für Menschen, die zum Beispiel Hilfe auf einem Amt benötigen, noch weniger zur Verfügung stehen." Immerhin sind etwa 1800 Menschen in Thüringen hörgeschädigt, in Deutschland 80 000.

"Inklusion im Alltag - Barrieren, Herausforderungen und Handlungsbedarfe" war denn auch das Thema einer Podiumsdiskussion mit Politikern und Vertretern von Gehörlosenverbänden. Ersteren gab man mit auf den Weg, dass noch viel zu tun ist. So müssten zum Beispiel auch öffentliche Sitzungen der Stadträte und Kreistage gedolmetscht werden, um Barrieren abzubauen und Inklusion zu ermöglichen. "In Thüringen macht das aber gerade mal die Stadt Weimar", weiß Kathrin Löffelholz vom Biling e.V..

Solche Probleme treibt den Nachwuchs aber noch nicht um. Er tollt fröhlich übers Gelände und freut sich mit anderen Kindern in seiner Sprache kommunizieren zu können. Die Eltern tauschen sich derweil untereinander aus. "Das Netzwerken hier ist ganz wichtig", weiß Manuel Löffelholz. Denn im Alltag droht vielen Betroffenen oft noch Isolation im Schweigen.

Umso schöner ist es für den Verein, dass er mit seinem Festival mittlerweile Nachahmer gefunden hat. In Berlin und Bayern gibt es mittlerweile auch einen Poetry Slam in Gebärdensprache. "Deshalb wollen wir nächstes Jahr auch einmal aussetzen und schauen, was wir in Zukunft vielleicht anders machen", erklärt Löffelholz.

Die Kinder im Alter zwischen zwei und zwölf Jahren erzählen derweil, wenn auch manchmal mit viel Lampenfieber, ihre Geschichten. Und bekommen dafür ganz viele erhobene Hände.

Autor

Berit Richter
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Veröffentlicht am:
26. 08. 2019
16:04 Uhr

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Autor

Berit Richter

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Veröffentlicht am:
26. 08. 2019
16:04 Uhr



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